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Full text of "Opfergang"

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0 


UC-NALF 
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88 313 öl? 


. 
5 8 
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10 


G. H. 8 


Im gleichen Verlage erſchien von Fritz von Unruh: 


Offiziere 
7 Drama 
Louis Ferdinand, Prinz von Preußen 
a Drama 


Vor der Entſcheidung 
Ein Gedicht 


x 
Im Verlage von Kurt Wolff in Leipzig erſchien: 


Ein Geſchlecht 


Tragödie 


8 


Opfergang 
Fritz Unruh 


Sechſte bis zehnte Auflage 


| Berlin 
Erich Reiß Verlag 


N, 


8 Des Erſcheinen dieſes Buches, das im 
| Sommer 1916 vollendet vorlag, wurde bis 
zum Winter 1918 durch die Zenſur verhindert 


Von der erſten Auflage dieſes Werkes wurden 
fünfundſiebzig Exemplare auf handgeſchöpf— 
tem Bütten mit großem Rand gedruckt, hand— 

ſchriftlich numeriert und in Ganzleder 
| | gebunden 


K AN Ang 
Allie. Re chte, befand ens vg 8. Überſetzungsrecht, 


vorbehalten 
Copyright 1919 by Erich Reiß Verlag, Berlin W62 


| Dpfergang 


498754 


Meiner Mutter 


mare 


n letzten Fanuartagen wurden wir verladen, 

5 feindlicher Flieger wegen bei Nacht. 
Niemand wußte wohin. Unſer Vize- 
feldwebel, Lehrer Clemens, ſprach zwar be- 
denklich: „Das geht auf Verdun“, aber wir 
gaben nichts darauf. Unbekanntem drängten Blut 
und Eiſenbahn zu. Tambour-Gefreiter Preis, der 
galt, weil er einmal von den Füßen feines Haupt- 
manns franzöſiſche Handgranaten geiſtgegenwärtig 
aufgeriſſen und feindgeſchleudert hatte, rief über 
ſtrunkige Rübenfelder zurück: „Du Maufefalle und 
Rattengewirr! verfluchter Schützengraben, Nord- 
frankreich, ade! Meine Naſe zieht mich gen Süden!“ 
— „Nach Agypten!“ rief Heinz, der Kriegsfrei-⸗ 
willige und ſchwenkte die Mütze. Auf die Schulter 
ſchlug ihn der Trommler: „Willſt Du den Sonnen- 
ſtich? Mir ſummt's im Ohr: O Straßburg, 
o Straßburg...“ und die anderen fielen ein: „Du 
wunderſchöne Stadt“. Gejang wuchs und trug 
in Begeiſterungshöhen. Sergeant Hillbrand, des 
Lehrers Freund und Kollege, ſchüttelte den Kopf. 


9 


Eine Karte an das kuglige Glas der Dedenlampe 
haltend, ſagte er, Einwand verbittend: „Da liegen 
die Argonnen, dort zittert Paris“, und ſtemmte 
ſich in wuchtiger Geſtalt gegen die Wände. Über 
unſere Beine ſtieg er ans Fenſter und ſah aus dem 
Wagen. Vize Clemens’ fragende Augen folgten 
ihm ſcheu; wie warnend behielt er feinen Zeige- 
finger ſcharf, langſam in Bewegung. Singend griff 
ihn der Trommler: „Was gibt's, Profeſſor?“ 
Seufzendes Gegenwort: „Jungens, Jungens!“ 
„Schwarzſeher?“ Scherzende, Gefreitenfäuſte ſauſten 
nieder. Clemens lachte unter Schmerzen auf, aber 
der Trommler rief: „Wir wollen Generalmarſch! 
Meine Trommel, die Welt! Ihr Tambour bin ich!“ 

Sergeant Hillbrand wandte ſich: „Herrgott, 
warum dieſe verzweifelte Heimatsliebe? Gleicher 
Mond, Nebel — und Wieſenglanz; Wälder wie 
daheim! Brüder, warum hat man die Heimat jo 
lieb?“ — Leiſer Geſang um des Zuges Gepolter. 
Funkelnde Augen, Kopf an Kopf ſahen Kameraden 
ſternenweit. Es wurde ſtill. Vize Clemens flüſterte: 
„Eiſen rollt über Eiſen. So hart, ſo > “ Die 
anderen waren eingeſchlafen. 

Ruck ſchüttelte alle übereinander: Sedan 1* 
Der Kriegsfreiwillige ſprang auf: „Was iſt hier? 
Sedan? Dieſer Ort iſt Sedan?“ — „Vorhang zu! 


10 


Aufs Ohr gelegt,“ brummte der Trommler. „Se- 
dan!“ klang es aus tiefer, träumender Bruſt. „Weiß 
der Kuckuck, heulſt Du, Heinz?“ — Ungeſtüm drückte 
der Freiwillige des Gefreiten Hand: „Es iſt ſo 
ſeltſam, ſo viel, zuviel für mich!“ Preis ſtreichelte 
ihn: „Quatſch! Wird ja erſt kommen, nur Geduld, 
Kerlchen. Geduld iſt mehr als alle Weisheit!“ — 
Unter dem Vorhang kam ein dünner Soldat herein- 
gebückt, „Kellner“ genannt. Der Trommler richtete 
ſich auf: „Nun, von Latrine?“ „Jawohl, und aus 
ſicherer Quelle; vor uns ſoll ſchon ein Korps durch- 
gekommen ſein!“ — Clemens puſtete in erfrorene 
Hände: „Was ich geſagt habe, Zungens!“ — Spott 
und Scherz gingen im Lärm des Weiterfahrens 
unter. Man ſchlief wieder ein. 

Räder auf Schienen! Schienen unter Rädern! 
Drängender Dampf in Röhren und Kolben! 
Stöhnen und Jauchzen! Dem Clemens trat 
Schweiß auf die Stirne. Er zog die Beine zur 
Bruſt und horchte: Wollende Flucht von Millionen 
Atomen! Bändigende Zucht, befehlender Geiſt! 
Eiſen auf Eiſen, fliegende Kraft! Der Lehrer fuhr 
zuſammen, immer wenn es über eine Weiche ging. 
Er hörte Granaten und Einſchlagsriß und krümmte 
die Zehen. „Wofür lernte ich, wofür lehrte ich?“ 
Plötzlich ſprang er auf und fiel — „es iſt ja ein 


11 


Wahnſinn“ — wie betäubt auf die Holzbank hin. 
Der Zug fuhr und ſtampfte vorwärts, vor, immer 
vor. 
* 
* 


erpflegungspauſe war in Carignan. Aus zwei 
Küchenbaracken wurden hungrige Truppen 
tagnacht geſättigt. Väterlich ſorgte Sergeant Hill- 
brand für ſeine Leute. Es war ihm Glück. Clemens 
ſchlürfte Kaffee, ohne abzuſetzen. Unſer Kellner 
war überall. Mit dem Freiwilligen ſprach der Bahn- 
hofskommandant, ein kleiner, flinker Hauptmann: 
„Dixmuiden, Langemarck!“ rief er und ſtieß mit 
ihm glasan, „Ehrentag aller Freiwilligen! Mir 
gehorchte eine Studentenkompagnie. Im Glanz- 
ſturm des Volkes wehten die Burjchen dahin, wie 
Blütenjubel,. Als unſer Geſang ausgeklungen war, 
glänzten Felder weiß und bleich. Schöne Leiber 
begruben wir. Aber wir fühlten es; Reife wird 
kommen dereinſt. Ernte muß groß fein!“ Im Ge- 
ſicht glühte der Hauptmann. „Starben ſo viele?“ 
fragte der Freiwillige. „Ein Kerlchen war bei mir,“ 
antwortete ihm der Kommandant, „das wurde 
aängſtlich im Feuer. Eines Nachts, vor beſetztem 
Dorf, zögerte er, Erkundung zu gehen. Auf drei, 
rief ich, ſtehſt Du aufrecht; bittend ſah er mich an. 


12 


Mond ſchien. Als ich aufgefprungen war, ftand 
er bei mir. Wir gingen den Kugelweg.“ Dem 
Freiwilligen händeſchüttelnd, rief er: „Voran, 
junges Blut“ und humpelte fort, — Draußen am 
Zeitungsladen lachte der Trommler mit einem 

Mädchen: „Was?“ rief er, „wenn ein Tambour 
Dich küſſen will, verweigerſt Du Lippen?“ Er zwang 
ſie an ſich; Kameraden klatſchten. 

Am Nebentiſch bot der Kellner einem General- 
ſtabsoffizier Feuer an, der, Kreiſe und Schnörkel 
auf eine Karte zeichnend, einen Kameraden an- 
kollerte: „Wir ſind nicht hier, um in Betten zu 
ſchlafen, ſondern um harte Schläge zu führen.“ 
Clemens ſtöhnte: „Harte Schläge“ — und fühlte 
den Hieb körperlich. Haſtig rauchend ſetzte ſich der 
Kellner zu ihm. Mit Rotſtift malte er, den General- 
ſtäbler nachahmend, auf Papier herum. Von ſeiner 
Leute abgegeſſenem Tiſch kam Hillbrand: „Nun, 
Kellner, welche ſeltſamen Zauberſchlingen?“ „Vom 
Generalſtab! Jawohl, dieſe Kringel bedeuten 
Anterkunftsverteilungen; in dieſes Dorf, Marville 
und Longuyon, ſollen fünf Negimenter.“ Clemens 
flüfterte: „Harte Schläge! Das iſt unſre Stunden- 
uhr.“ Hillbrand zuckte die Achſeln und nahm einen 
Briefbogen: „Liebe Frau,“ ſchrieb er, „wir wiſſen 
nichts, gewaltiger Ahnungen ſind wir voll. Es iſt, 


13 


als hätten wir Naſe und Lungen voll Salzgeruch. 
Den Ozean aber ſehen wir nicht. Den Führern 
vertrauen wir. So fahren wir und ſchauen zum 
Horizonte aus. Weißt Du, was dem Krieger dieſes 
Meer gilt? Sturmkampf, wir fühlen es; aber jen- 
ſeits der Wogen? Geliebte, ahnſt Du, was dort 
aus guter Sonne lockt? Du weißt es. O, küßte 
ich es erſt, das flaumige Gold meines Buben! Jene 
Freiheit, die wir erkämpfen, ſoll er durchatmen. 
Gott ſegne Deinen Leib; wird es ein Junge, ſo 
erziehe ihn frei und gerecht. Bilde, Du Bildnerin, 
dieſes Geſchöpf. Auf unſeren Leibern wächſt ein 
Vaterland immer vollkommener heran. Weib, 
bereite das Haus wohl.“ In einen Umſchlag faltete 
er das Papier ſorgfältig hinein. Aus der Bruft- 
taſche nahm er ein Bild; nach langer Betrachtung 
ſchob er es ſeinem Freunde hin. Clemens ſagte, 
ohne darauf hinzuſehen, mit großen Augen: „Da- 
mals im Stellungskrieg war man in Gräben ge- 
ſperrt; heute ahne ich freie Plätze! Bluttennen!“ 
„a,“ antwortete Hillbrand, „Gott ſei Dank, wird 
man bald in das Freie ſchauen.“ „Ein Bild wächſt 
in mir,“ fuhr der Lehrer fort, „ſo fürchterlich! — 
Was hinter meiner Stirne ſtündlich ſchwillt, zer- 
ſprengt den Schädel!“ — „Fröhlich,“ rief der 
Sergeant, „wir gehen den Opfergang“. „And muß 


14 


das ſein?“ „Ja!“ Hillbrand ſchaute dem Freund 
feſt in die Augen. Der Lehrer ſtützte den Ellbogen 


auf ſeinen Schenkel, „warum?“ dann ließ er den 


* 


Kopf müde in Handflächen fallen. Der Kellner 
ſteckte einen Bleiſtift in den Mund: „Eine Schweſter 
hat mir ſoeben geſagt; ein Lazarett mit tauſend 
Betten ſei hergerichtet; für innere Krankheiten! 
verſteht Ihr.“ Clemens wiederholte: „Für innere 
Krankheiten.“ Oer Kellner brannte den Bleiſtift 
mit Feuerzeug an und bemerkte es lachend: „Dieſe 
Seheimtuereil Warum jagen die Leute nicht, 
worum es, ſich handelt; ſoll man jedes Atom der 
Luft anzapfen? Man muß im Generalſtab ſein, 
um den Krieg ertragen zu können!“ Er zündete 
ſich eine Zigarette an, „wo in aller Welt ſtelle ich 
dieſem Geheimnis ein Bein?“ — „Geheimnis?“ 
ſchrie Clemens, „vom Tiſch auf ſtarrt ja der Staub 
in die Richtung!“ Seinen Blicken folgte der Kellner, 
deſſen Arm der Lehrer heftig vorriß: „Da, da,“ 
Taſſen und Gläſer klirrten, „harte Schläge, harte 
Schläge!“ dann warf er die Tür hinter ſich zu. 
Erſchrockenen Auges folgte ihm Hillbrand und 
krampfte den Löffel, daß feine Handfläche ſchwarz 
wurde vom Griff. Der Kellner ſtand auf. Sein 
Geſicht ſchräg unter des Sergeanten Kinn, fragte 
er: „Weiß er etwas? Kann er etwas wiſſen? 


ei 15 


Zum Teufel, warum fagt er es nicht.“ Der Kom- 
mandant trat an den Tiſch: „Fertig machen, keine 


Verzögerung!“ und drückte dem Freiwilligen einen 


Dolch in die Hand; „ſcharf und gut; ich kann ihn 
nicht mehr gebrauchen.“ Hillbrand gab ſeinen Brief 
zur Beförderung ab. — Oer Kellner hob unter der 
Bank eine Achſelklappe auf und hielt fie dem Haupt- 
mann hin: „Iſt dieſe Nummer von unſerem 
Korps?“ — und während ſich Heinz den Torniſter 
füllte, rief der Neugierige, triumphierend der Eifen- 
bahn zueilend: „Stimmt alſo doch mit den ſechs 


Korps!“ — Das Zeichen zum Einſteigen wirbelte, 


der Tambour ſchlug zu, ſeine Hände ſchwebten wie 
ein luſtiges Waſſerſpiel. | 

N * 5 £ 
„ | 
ber dunkle Treppen taſtete ſich der Kellner zur 
| Straße. Einen Hufaren, der vorüberritt, hielt 
er „Kamerad, wie heißt dieſes Neſt?“ barſch an. 
„Longuyon!“ „Was tuſt Du hier?“ „Wir find 
Wegepolizei. Es geht neuerdings zu wie auf dem 
Potsdamer Platz. Alle Straßen gedrängt, wie 
beim Rennen im Grunewald.“ „Neuerdings?“ 
erpreßte der Kellner, indem er ſich an den Bügel 
hing. Aber ein Laſtkraftwagen drängte das Pferd 
ſo eng maueran, daß er ſich loslaſſen und auf ein 


16 


„Fenſterbrett flüchten mußte. Als der Wagen vor- 
über war, ſtand er allein. Der Trommler polterte 
herunter: „Wir haben uns einen Ofen geſetzt. 
Wird wohl das letzte Hausquartier ſein! Es heißt, 
wir blieben zwei Nächte hier. Wohin willſt Du, 
Kellner?“ „Am liebſten in den Kopf Gottes!“ Preis 
puffte den Kameraden: „Mich reizt ein fremdes Städt⸗ 
chen, weiß der Kuckuck, mehr, als der Kopf Gottes. 
. Das iſt mein Geſchmack,“ und empfahl ſich. „Narr,“ 
knurrte der Kellner hinter ihm her: „Säße ich dort, 
ſo ſchnitte ich das Schickſal wie eine Zwiebel auf.“ 
— Liebäugelnd ſah er zur Wärme des qualmenden 
Speichers hinauf; aber Neugier ſchüttelte ihn von 
der Türe und ſtieß ihn in Dämmerung, 
Bleiches Schneelicht ſchlich leiſe vom Stadt- 
gemäuer. Der Kriegsfreiwillige hatte das Dach 
gegen Näſſe abgedichtet und legte ſich müde ſchlafen. 
Vize Clemens briet in kleiner Pfanne Kartoffeln. 
Hillbrand ſaß bei ihm und nahm ſein Gewehr 
zärtlich auseinander. Das geöffnete Schloß legte 
er ſanft auf ein Olläppchen. — „Wer“, begann 
Clemens, „gießt uns Ol über unerträgliche Härten?“ 
Oer Sergeant glättete mit dem Handballen den 
Kolben und ſpiegelte ſich im Glanz. „Freund,“ 
fuhr Clemens fort, brutzelnde Scheiben mit dem 
Meſſer wendend, „gib mir eine Fahne, wie der 


17 


Himmel ſichtbar, und ich ſchwenke fie über die Erde, 
bis Waffen ruhen und Menſchen ſich wieder die 
Hände reichen!“ Erſchrocken ſah Hillbrand ihn an. 
„Welches Leben führen wir,“ rief ſein erregter 
Freund, „welches Scheindaſein! Armſte, Ihr 
glaubt, euer Handwerk dort aufzunehmen dereinſt, 
wo Ihr es ſtehen gelaſſen, als noch Frieden war? 
Vor uns ſteht Tod, wie der Hinrichtungsmorgen 
vor dem Verurteilten. Wir leben und leben nicht. 
Zwei Tage, drei Wochen, vielleicht noch ein halbes 
Jahr. Wir eſſen und mäſten uns dem, der ſich 
heranwälzt. Seine Fauſt heißt: Verdun.“ Hill- 
brand ſetzte ſein Gewehr wieder zuſammen und 
ſtellte es fort. Schatten blieben, es wurde ihm eng, 
er ging hinaus. — Clemens ſah ihm nach, Kartoffeln 
kauend. Sein Meſſer wiſchte er ab, wickelte ſich 
feſt in den Mantel und ſchloß die Augen. Da kamen 
vor ſeinen Blick Kreiſe und Wellen, ſie wurden 
zu langen, weißen, runzeligen Straßen; auch ferne 
Alleen konnten es ſein, oder zerſtückelte Schlangen. 
Sie fügten ſich zu Bäumen und Wagenkolonnen; 
in graue Weiten krochen ſie davon. Auf ſeiner 
Netzhaut blieb ein roter Fleck. Zum Knäuel quoll 
er an und zerplatzte wie ein ſeltſamer Berg. Über 
ſchroffe Hänge wimmelten blaugrüne Geſtalten; 
Soldaten ähnlich, aber es waren keine. Sie dehnten 


18 N 


ſich in lange Drähte aus, glänzende, wohl ſiebenzig 
übereinander. Durch Ebenen ſpannten ſie ſich, 
endlos, unabſehbar, unterbrochen nur durch ge- 
ſpenſtiſche Blutfahnen geheimer Vereinbarung auf 
‚toten Bergen, die unaufhörlich grüne Weſen aus- 
ſpieen und verſchluckten. Clemens ſchnellte vom 
Lager. Der Freiwillige ſchlief feſt; aus ſeinem 
jungen Mund floß Speichel. Der Lehrer begann 
zu zählen; von eins bis vier, bis hundert. Er ver- 
zählte ſich und ſchlief wieder ein. — Hillbrand war 
inzwiſchen weit gegangen. Erſt auf windiger Höhe 
bemerkte er es. Die Stadt lag hinter ihm. An 
einem Wegweiſer ſtand: Metz. Bäume rauſchten 
vertrauter. Krähen eilten über fallendes Land in 
den Nebel, hunderte. Schwarze Schwärme, 
lärmende Heerzüge. Er ſah ihnen nach. Als er 
ſich wandte, fühlte er neben ſich ein Weib. An- 
ſprache wagte er nicht. Ergriffen taſtete er über 
ihren Leib dahin. Geſchwellt wie Frucht erhob 
er ſich ernſt über den Schollengeruch aufgeriſſener 
Acker. Reinheit ging von ihm aus. Hillbrand neigte 
ſich zitterſubelnd und hörte Leben pochen. „Weib, 
Weib,“ und feine Schwurhand reckte ſich: „Wir 
kämpfen guten Kampf!“ — Wolkenſtill zog feines 

Lebens Liebe über den Dunſt, fernhin zu dunklen 
Wänden. Er nahm die Mütze ab. Zum erſtenmal 


19 


in feinem Dafein fühlte er über ſich und aller Welt 
mächtiges Schickſal. Mit gebreiteten Armen lief 
er ihm entgegen: „Heran, näher heran, auf das 
es vollendet werde!“ Über Ackerkrumen ſchwebte 
er, als hätte er Flügel. 

Der Trommler irrte noch immer durch Straßen. 
Er war ſo fröhlich. Sein Blut ſang. Ein Mädchen 
ſuchte er von Haus zu Haus, aber da ſtanden nur 
„Ruinen: „Ausgebrannt auf dem Vormarſche 1914.“ 
Moderluft und Unrat hockten eklig auf naßkalten 
Trümmern, aus deren Schutt Eiſenbettſtellen ihr 
Metall krümmten. Er wollte Lachen hören; in der 
Naſe hatte er ſüße Wärme von friſcher Wäſche und 
weicher Haut. Wie Nachtfalter brannte er nach 
warmen Lampen über behaglichem Sofa. Wo ein 
Vorhang war, hob er ihn auf, wo eine Gardine 
wehte, flötete er und warf Steinchen ans Fenſter, 
ſolange, bis fluchende Soldaten mit harten Gegen- 
ſtänden nach ihm warfen. „Verdammter Kerl, 
ſtörſt Du uns letzte Nachtruhe?“ — „Könnt noch 
genug ſchlafen, wenn Ihr tot ſeid, ſagt mir lieber, 
wo hier ein nettes Mädel wohnt.“ Grinſend wurden 
Fenſter zugeworfen. Enttäuſcht ſank er an ein 
Geländer. „Noch eine Minute, dann, weiß der 
Kuckuck, kehre ich um.“ Auf feine Uhr, die grün- 
heimlich vom Handgelenk blinkte, ſchaute er ärger- 


20 


5 


lich; Katzen huſchten. „Weiß der Kuckuck,“ flüfterte 
er und äugte wie ein Grabenpoſten; dann ſchlich 
er ſich an, aber es war ein Holzpfahl, dem er — 
„verdammter Gegenſtand“ — einen derben Tritt 
gab. „Wenn Krieg von der Art iſt, ſo wünſchte ich, 
mir würde Viktoria begegnen!“ Plötzlich ſprang 
er über einen Graben, viſierte — „ein Rock, kein 
Zweifel“ — ſetzte über den Zaun und rannte der 
Geſtalt nach. Auf eine knarrende Tür ſtürzte er 
zu, ſtolperte aber über den Lafettenſchwanz eines 
Geſchützes und ſchlug — „au, zum Teufel, au“ 5 
der Länge nach hin. — Als das der Kellner bemerkte, 
ſchlupfte er raſch unter Stacheldraht fort und leckte 
ſich in finſterer Ecke — „überall hackt einem Metall 
ins Fleiſch“ — Blut von der Hand. Vor einem 
Poſten, der, einen langen Gang erhellend, auf ihn 
zukam, preßte er ſich ſchattenſtill an die Wand. 
Kaum drei Meter vor ihm blieb der Landſtürmer 
ſtehen, ſtellte die Taſchenlampe auf einen Stoß 
Korbmatten und notierte: „Mörſer, Haubitzen, 
Ringkanonen aller Kaliber, 20 Stück im Gerätehof, 
ſtimmt.“ Dann zog er Striche in ſein Buch. „In 

ihm ſteht gewiß das Geheimnis,“ flüſterte der 
Kellner. „Ich muß es beſitzen.“ Während eine 
breite Hand langſam blätterte, wuchs des Buches 
Schatten bis zu ihm hin. Geſchloſſenen Auges 


21 


jagte es ihm durchs Gehirn: „Bring ihn um, bring 
ihn um, dann weißt Du alles.“ Doch als er mit 
keuchender Bruſt vorſprang, war der Poſten fort. 
Im Dunkeln taſtete er ihm nach. Seine Finger 
griffen in große, kalte Eiſenſpiralen hinein. „Vor⸗ 
holfedern, zum Vorſchnellen und Auffangen des 
Geſchützrohres,“ hörte er eine Stimme ſagen. Er 
ſchlich ihr nach und fand eine Tür geöffner. In 
einen großen Raum kam er hinein. Surch Fenſter 
fiel mattes Laternenlicht. Wie in einem Waren- 
haus lagen auf Holzgeſtellen wohl geordnet: 
Naſchinengewehre, Waſſerkäſten, Telephonapparate, 
Scherenfernrohre. Zitternd ſtrich er über alle 
Gegenſtände und dehnte ſeine Fingerſpitzen bis in 
die letzten Ecken, damit ihm auch nicht ein Schräub- 
chen entgehe. Plötzlich büdte er ſich und fühlte 
Verfolgung. — Von hunderten Gewehrläufen 
drohten glänzende Mündungsringe, je länger er 
phinſah, um ſo ernſter drängten ſich aus der Tiefe 
die Seelen der Gewehre vor. Dieſe Geſpenſter 
des Lebens. Er faßte nach ſeiner Bruſt, als hätten 
ihn hundert Kugeln durchſchoſſen und rannte und 
tief, bis er eine Treppe fand; die ſtürzte er hinauf 
und fiel in einem dumpfigen Speicher hin. Sein 
Herz ſchlug ſo, daß er glaubte, die Poſten müßten 
es hören. In gekrampfter Fauſt hielt er einen 


22 


Eiſenhaken und wußte nicht, woher er kam. Als 
er aber um ſich herum in Haufen Sättel, Lederzeug, 
Futterkörbe, Stiefel und Hanftaue für Geſchütze 
liegen ſah, entſchloß er ſich, vom erſtbeſten das 
Geheimnis zu erzwingen. Eine Stange glitt er 
hinunter in ein Gewölbe; ehe er aber erkennen 
konnte, wo er ſich befand, fühlte er ſeine Knie 
umſchlungen und ſtechendes Licht in ſeinen Augen. 
„Du biſt es?“ und der Trommler prallte zurück. 
„Ja, für wen haft Du mich gehalten?“ — „Für 
ein Mädel, Bengelchen, weiß der Kuckuck, ich hatte 
gerade ein Gebet verrichtet, daß mir der liebe Gott 
ein Mädel ſchicke, da fielſt du mir vom Himmel. 
Sakrament, jetzt fühle ich's, Du haſt Knochen! 
Konnteſt Du nicht weich ſein und glatt und vom 
anderen Geſchlecht, daß ich endlich Ruhe bekam. 
Trägt bier alles Hoſen? Junge, was haft Du für 
einen glatten Bruſtkorb, ſcharf und kantig.“ „Los- 
laſſen!“ ziſchte der Kellner und wollte gerade ent⸗ 
fliehen, als ein donnerndes „Halt, wer da?“ nieder- 
fuhr. — „Gut Freund.“ „Hier Zojeph Ulrich aus 
Reutlingen. Was tut Ihr hier?“ — Preis ſchlug 
ihm — „quatſch nicht“ — mit flacher Hand den 
Helm über die Augen. „Was ſträubt ſich Dein Bart, 
Bengel, wir marſchieren ja morgen ſchon weiter, 
ſehen uns nur Euer Muſeum an.“ — „Macht keine 


23 


Geſchichten, hier geht es ftreng zu,“ damit drückte 
er ſich den Helm wieder wagerecht über die Brauen; 
aber der Kellner packte ihn jchüftelnd an den 


Schultern: „Wozu liegt der Schund hier auf- 


geſtapelt?“ Alrich wehrte: „Weiß ich's?“ „Sagſt 
Du's? oder ich drücke Dir die Gurgel ab!“ — Der 
Trommler, der. nicht wußte, ob es Scherz oder 


Ernſt ſei, zerrte den Kellner fort. Schäumend blieb 


er vorgebeugt und glotzte den Poſten an: „Willſt 


Du es mir nicht ſagen, willſt Du es mir nicht ſagen?“ 
— Joſeph Ulrich hing fein Gewehr zurecht. „Nicht 
ſagen? Ich weiß nur, daß dieſer Kaſten täglich 
geleert und gefüllt wird, wofür? gehört nicht in 


meine Inſtruktion; aber drei Kinder erwarten mich 


zu Haus und hoffentlich wird dieſe Bude bald ge- 
ſchloſſen.“ Er ſpuckte aus und ging. — Preis 
ſchleppte den Kellner mit ſich zur Stadt. AUnwill- - 


kürlich blieb er wieder vor einem erleuchteten 


Fenſter ſtehen. Gähnend zog ſich ein Unteroffizier 


den Rock aus, warf ſeine Stiefel in die Ecke und 


löſchte Licht. Der Trommler ſchauerte: „Krieg, 
überall Krieg.“ — In verqualmter Wachſtube 


boten Landſturmleute Schnaps an. Preis dankte 
und ſetzte ſich ofennah. Eine Blutblaſe aufſtechend, 
die er ſich am Abſatz gelaufen, ſagte er traurig: 
„Nutzlos gehen Stunden dahin; nutzlos, weiß der 


24 


Kuckuck, iſt's mir, daß ich ein Mann bin. Muß mein 
Blut wieder abſchnüren, wie der Taube den Hals.“ 
Der Kellner lag halb auf der Tiſchplatte und brannte 
ein paar Fliegen am Kerzenlicht die Flügel ab, 
dann ließ er ſie über den Tiſch krabbeln und freute 
ſich. „Häkchen ſind wir,“ ſchrie er plötzlich die bärtigen 
Soldaten an, „Schrauben und Schräubchen in drei- 
facher, vierfacher, ſechsfacher, ja millionenfacher 
Ausfertigung! Häkchen, ſage ich euch, nichts weiter! 
Und wenn ich eure Schädel aufſchnitte, was kame 
dabei heraus? — Luftblaſen, Luftblaſen!“ Die 
Land ſtürmer lachten und tranken noch einen 

Schnaps. | 

Auf der Straße knatterten Automobile. Ein 
Soldat lief und fragte verpelzte Offiziere nach 
Zweck und Ziel der Fahrt. Zu dem und dem Korps 
war die Antwort, Namen verſtand man nicht. Die 
Wagen fuhren an und verſchwanden. 

Hillbrand trat vor aus der Nacht und fragte: 
„Wer waren die Leute?“ „Der Kronprinz natürlich,“ 
und Gelächter verhallte hinter des Wachtlokals zu- 
geſchlagener Tür. Da berührte der Sergeant die 
Spur des Gummis mit der Hand und ging — „bu 
Prinz der Krone“ — bewegt in ſein Quartier 
zurück. Den Freiwilligen deckte er mit dem Mantel 
zu und ſetzte ſich auf Fichtenreiſig. Von ſeinem 


25 


* 
\ 


Helm zog er den Bezug und ſchaute den Adler an. 
„Heiliger Vogel des Jupiter, Kaiſer Karl beſtimmte 
Dich einft, in Verdun vor faſt 1200 Jahren zum 
Symbol unſrer Kraft. Geheime Zuſammenhänge 
walten.“ Im Rauſch bewußten Erlebens ſtreckte 
er ſeine Hände zum Fenſter. „Das Volk, deſſen 
Bürger ich bin, braucht keine Symbole mehr!“ 
— Auf ſein Gewehr fiel mattes Licht; 
aus dem Dunkel glänzte es wie heilige Flamme. 
Den Kopf auf den Torniſter bettend, ſchlief er 
leicht ein. — 

Geräufche, Echo und Gegenecho, lärmten ſtraßen- 
heran. Grundmauern bebten. Fenſter beſchlugen 
vom Oampf fauchenden Atems. Ungeheuer regten 
ſich in der Ruinenſtadt. Clemens ſchreckte hoch, 
zimmerein quoll rote Luft. In ſeinen Mantel 
gekrallt, ſtarrte er durch das Bodenfenſter zur 
Straße: Um Höllenmaſchinen marſchierten dünne 
Männchen mit rotgeſtreiften Hoſen. Ihr Wille 
trieb den Nachtſpuk an. Pflaſterſteine bäumten 
ſich auf wie Menſchenleiber. Sie wurden nieder- 
geſtampft, daß ſie hinklapperten wie Skelette, und 
ein Blutſtrahl aus dem Herzen der Menſchheit 
mitten durch den Himmel ſpritzte. Clemens brach 
ins Knie und bohrte beide Arme in den funten- 
ſprühenden Himmel: „Nieder mußt du,“ ſtöhnte 


26 


‘ 


‚er auf, „dich ſtürzen mit aller Kraft, daß wir wieder 
Gnade ſchauen können!“ Aber während ihm alles 
Böſe der Erde aus zerriſſener Luft eine Grimaſſe 
ſchnitt, ſank er ſchweißkalt neben ſeinem Freunde 
hin. — | 

Sn das Wachtlokal peitihte eine Stimme: 
„Jungens, drei Zweiundvierziger Batterien kommen 
vorüber!“ Oer Kellner ſchnellte vom Tiſch, kniff 
den Trommler, der — „wer mir mein Mädel 
nimmt, den ſchlag ich tot“ — ſeine Fauſt aufhob, 
die ihn wieder in Schlaf niederzog. Ohne Mütze 
ſtand der Kellner bereits auf dem Bürgerjteig und 
lachte und bewegte feine Lippen und zählte, ob- 
wohl nichts zu erkennen war, mit den Händen, als 
hätte er fünfzig Finger. Als er an einen Traktor 
heranſprang, um die Zeltleinwand zu lüften, erhielt 
er einen derben Schlag und wäre, hätte ihn ein 
Offizier nicht am Arm zurückgeriſſen, unter die 
übermannshohen Räder gekommen. „Vorſint- 
flutlich, vorſintflutlich,“ rief er einem jeden zu, und 
lief, einen Wagen nach dem anderen überholend, 
vor die vorderſte Lokomobile. Dort ſtellte er ſich 
mit ausgebreiteten Armen hin und befahl: „Halt!“ 
Aber eiſendonnernd ſchob ſich der feuerſpeiende 
Zug in Richtung der dunklen Berge vorbei, riß 
von einem Apfelbaum am Wege Aſte ab und 


27 


ſplitterte einen im Vorwärtsfahren bis zur Mitte 
des Stammes. Ein Mann, der zuſprang, wurde 
an den Oberſchenkeln abgequetſcht. Schreie gingen 
unter, Leute rannten und verſchwanden in der 
Dunkelheit. Von Meter zu Meter ſchien des Metalls 
Wucht in eigenes Leben zu wachſen. Der Kellner 
ſtand im Feld, fein geſchorener Kopf war eiskalt, 
und der Kragen drückte ihn. Den abgeriſſenen 
Apfelzweig hob er drohend hinter den Maſchinen 
her: „Haltet ſie auf, haltet ſie auf!“ Aber kaum 
ſein eigenes Ohr vernahm den Ruf. In Schatten 
und Feuerumriſſen erkannte er halbwüchſige Seelen 
unter ohnmächtigen Geſichtern. Vieler Menſchen 
Schultern hoben und ſenkten ſich verzweiflungsvoll, 
während immer neue Landſtriche vom ſelbſtherr⸗ 
lichen Eiſen ergriffen wurden. Als er das ſah, 
zitterten ſeine Knie mit aller Erde, die in immer 
größer werdenden Kreiſen erſchüttert wurde und 
ließ wie alle anderen hilflos die Arme ſinken. In 
einen Wagen, der vorüber trabte, ſprang er hinein, 
ohne zu fragen wohin, und vergrub ſein Geſicht 
in Säcken und Stroh. 

Es wurde wieder ſtill in der Stadt. Nach 
Stunden lichtete ſich die Luft grau. Umriſſe kamen 
ſilbern. In Gärten traten Soldaten aus. Von 
Feldküchen wehte Kaffeegeruch. Morgenkälte be- 


28 


gann zu tönen vom Lärm vieler Kompagnien, bie 
ſich zum Weitermarſch rüſteten. 


* 


reis trommelte die Kompagnie in Schritt und 

Marſch. Eigenen Kummer hatte er mit dem. 
Waſſer abgeſchlagen. Zu ſeinem Spiel pfiff er: 
„Friedericus Rex, unſer König und Herr“, und 
wölbte den Schenkel trommelan, daß ſich ſein 
Hofentud) ſtraffte. Von feiner Kameraden Stiefel- 
ſohlen klang derber, fröhlicher Takt. Im Vorwärts- 
ſchreiten ſpreizten ſich Beine, wuchtig Raum ge- 
winnend. In den Gruppen war Leiberdunſt und 
Erdgeruch. Kamen ſie an einem Soldatengrab 
vorüber, und es gab deren viele am Weg, ſo ſchwoll 
ihr Korus: „Ja, wiſch ab Luiſe, wiſch ab dein 
Geſicht, eine jede Kugel die trifft ja nicht.“ Übermut 
ſchwenkte Arme zur Heimat, die fie hinter ſich 
ließen. Wieſen und Wälder, Mühlen und Waſſer⸗ 
lauf überholten wir raſch. Mächtiger Atem hielt 
alle zuſammen. Je mehr Kilometerſteine bezwungen 
wurden, deſto mehr wichen eigene Gedanken. 
Gemeinſame Hoffnung herrſchte. Eine Kuh wurde 
ausgelacht, weil ſie ſo ſtumpfſinnig glotzte und den 
dröhnenden Gang nicht verſtand. An der Truppe 
entlang galoppierte der Hauptmann, Staub und 


29 


witzige Elſtern jagend. Vor dem Trommler hielt 
er und ließ die Kompagnie vorüberkommen. Einem 
jeden nickte er zu. In die letzten rief er hinein: 
„Der ſich den Kragen geöffnet hat, trägt noch ein 
Gewehr!“ Es war der Freiwillige, dem Hillbrand 
ſeine Waffe auf die andere Schulter legen mußte. 
Heinz gehorchte ſchamrot. Für ihn ſprach ſein 
Leutnant, aber des Hauptmanns Ader ſchwoll: 
„Kein Häkchen wird ohne Erlaubnis geöffnet! Wo- 
hin käme eine Armee, wollte jeder nach ſeinem 
Kopfe tun. Überwindet Schlaffheit. Ich weiß, 
was Männer ertragen können.“ Sein Wort, das 
ſchwer auf dreihundert Helmkuppen ſchlug, zog 
jeder Gegenrede Beine fort. Hillbrand ſchob ſeine 
Hand ungeſehen unter das Gewehr und half es 
dem Freiwilligen tragen. Clemens ſchreckte aus 
Gedanken auf, als an ihn Befehl erging, zu führen. 
Er, der den FIrrſinn fo furchtbar ſpürte, ſollte nach 
Karten Wege und Oörfer beſtimmen. Schleier 
waren vor ſeinem Geſicht. Sie alle, die da vor- 
marſchierten, hätte er greifen können, um ſie ohne 
Orientierung ftrads in den Rachen des Nachtſpuks 
von Longuyon zu werfen. Er wurde ſchwindlig, 
Soldaten ſtützten ihn. — Oer Trommler, deſſen 
Spiel das Herz des Vize geißelte, weil es, Grübeleien 
wehrend, unerbittlich Gleichſchritt erzwang, lachte 


30 


1 


im Gefühl feiner Notwendigkeit. In dem Trommel 
ſchlag brannte ſein Blut. Hinter den Bergen ahnte 
er Luft. Kein Mädchen, kein Kampf, kein Sieg, 
Abenteurerdrang trieb ihn von Hügel zu Hügel 
dem Erleben entgegen. — Hillbrand las auf ftangen- 
erhobenem Schild: „Grenze des Etappengebiets“, 
und ſah darauf, wie der Seefahrer zu letzten Häuſern 
ſchaut, wenn der Strom breiter wird und Ozean 
erſte Bewegung in feine Mündung treibt. „Ver- 
fluchte Raben,“ rief ein Soldat, als die Höhe er- 
reicht war und warf nach ihnen. Kommandos 
wurden laut. — Es wurde geſchwenkt, Gewehre 
zuſammengeſetzt und weggetreten. Waſſerbogen 
ſprangen; dann traten die Soldaten hinauf und 
ſahen zum erſten Male die Berge vor ſich liegen, 
jene ſeltſamen Ketten am Horizont. In lagernden 
Gruppen wurde gelacht, prophezeit, gekaut und 
geſchlafen. Nebeneinander ſchauten der Sergeant 
und der Vize über die Ebene. „Clemens,“ ſagte 
Hillbrand, „it es fiicht gut, wie wir ſo von uns 
ſelbſt losgeriſſen werden! Einem Bilderbuch gleich 
ziehen die Stunden dahin. Wir wollen auf dieſer 
oder jener Seite länger verweilen, uns Dörfer 
inniger betrachten, weil wir der Heimat dabei ge- 
denken; aber hinter uns ſteht Befehl: Blättre weiter! 
Des Schickſals Atem ſammelt uns alle zur Stich- 


31 


flamme auf...“ „Verdun,“ klang es bitter von 
Clemens' Lippen. „Ja, auf Verdun,“ Hillbrand 
betonte den Namen ſtreng. — Erwartungsvoll, als 
müſſe ſich ein Vorhang heben oder teilen, ſahen ſie 
bohrender auf die Bergwand hin. Wie das Lachen 
eines Spechts im Walde zwitſcherte ein Automobil 

heran. Bewegung entſtand. Wir erkannten das 
Wagenſchild des Armeeoberkommandos. Ein Ge- 
neralſtabsoffizier übergab dem Hauptmann einen 
Brief. „Erſtes Marſchquartier: Marville.“ — „Und 
das zweite?“ „Wahrſcheinlich St. Laurent.“ „Und 
das dritte?“ Beide ſahen ſich an. — „Ja, das weiß 
der liebe Gott.“ Der Hauptmann nahm den Befehl 
lachend: „Ja, das wird uns wohl Gott beſorgen 
müſſen“, und eröffnete den Briefumſchlag. Der 
Generalſtabsoffizier ging. Ehe er in ſeinen Wagen 
ſtieg, ſah er noch einmal über die raſtende Kom- 
pagnie. „Ahnungsloſe! Schaut nur noch tief in 
die Sonne. Ich weiß, wo ihr hinmarſchiert, weiß, 
wo ihr Lager bezieht! Sturintruppe, — ſorgloſe 
Zungens! Wie Wind Blätter aufhebt und nicht 
duldet, daß ſie raſten, ſo ſteht von nun ab hinter 
euch treibender Wille.“ In der Richtung des Ober- 
kommandos fuhr er davon. Punktklein waren die 
Telegraphenſtangen, wo das Automobil verſchwand. 
Der Trommler hatte einen Witz erzählt; nun knallte 


32 


* 


\ 


eine Lachſalve um die Gewehrpyramiden. Als der 
Hauptmann dieſe Luſtigkeit ſah, ſchmunzelte er. 
Ein Butterbrot, das er aus der Satteltaſche ge- 
nommen, warf er — „da, teilt es Euch“ — dem 
Trommler zu. Dann nahm er ſeine Karte heraus 
und ſagte zu Offizieren und Feldwebeln: „Was 
wir vor uns ſehen, das iſt die Cöte. Rechts davon 
die blutheißen Argonnen. Und links die viel- 
beſchoſſene ſtandhafte Woͤévre- Ebene. Und da- 
hinter Verdun.“ Er machte eine Pauſe. — „Der 
Generalſtabsoffizier ſagte, wir löſten nur ein 
anderes Korps in der Stellung ab.“ Die um ihn 
herumſtanden, lachten ungläubig. Auf die fern- 
ſichtige Landſchaft wies der Hauptmann: „Sehen 
wir rings über Hügel und Felder, wie ſie ſtauben 
von Truppen und Truppengerät, als dampften 
geheime Erdſpalten, ſo werde ich auch bedenklich.“ 
Wieder kam ein Auto heran. Ein Ordonnanz- 
offizier meldete: „Erſter Befehl ift überholt. In 
Marville wird nur zwei Stunden geraſtet. Nächſtes 
Quartier: St. Laurent,“ und fuhr wieder fort. 
Hinter ihm her ſah der Hauptmann: „Für uns, 
liebe Herren, wird jetzt jedes Quartier die Stadt 
des Mars fein.” Dem Trommler, der in der Nähe 


zugehört hatte, gab er Zeichen zum Aufbruch. Preis 


aber traf mit ſeinen Schlegeln das Holz, ſtatt des 
33 


Trommelfells. Da kommandierte der Hauptmann: 
„An die Gewehre.“ — | 


* 
81 kahlem Zimmer am Markt von Marville ſtand 
der Hauptmann vor Hillbrand: „Daß ſich der 
Kellner verlaufen hat, glauben Sie? Sobald der 
Schlingel eintrifft, ſoll er zu mir.“ Hillbrand ging. 
Der Hauptmann ſetzte ſich. Kopfſchüttelnd ſah er 
hinaus und ſagte zu ſeinem Leutnant, dem Vikar 
Dr Hartmann: „Was würden unſere Arenkel 
darum geben, ſähen ſie, wie wir, Weltgeſchichte 
lebendig vor dem Fenſter vorüberziehen. Und wir? 
— Ich entſinne mich, wenn ich vor goldener 
Wappentaſſe bei meiner Großmutter ſaß und ſie 
vom Kriege erzählte; vom Urgroßvater, der bei 
Jena ein fliehendes Bataillon fahnen voraus wieder 
an den Feind geführt hatte. Man ſprach nur von 
ihm, dem weißhaarigen Heldengeneral. Und heute?“ 
— Er ſah innig hinaus: „Sehen Sie die armen 
Geſtalten in ihren grünen Röcken? Gift ſticht noch 
aus allen Falten vom Gasangriff von Ypern und 
an der Somme, auf Loretto und am Hartmanns- 
weilerkopf. Der Vikar ſchwieg. Der Hauptmann 
nahm aus der Bruſttaſche ſein Tagebuch und ſchrieb: 
„In mir wächſt Zweifel hoch. Eklig wie ein Nacht- 


34 


pilz. Zehnmal am Tage reiß ich ihn aus. Hunbert- 
fach kommt er zurück.“ | 

Vorbei holperte Artillerie. Scharf gebremite 
Geſchütze rutſchten ſtarr gaſſenhinunter. Der 
Kanoniere Helme und Körper zitterten. Pferde, 
hinter vorausflatterndem Geſchirr, fingen, Schritt 

für Schritt ſich gegen das Pflaſter ſtemmend, 
maſſigen Eiſendrang auf. Geſchützentgegen kamen 
Feldküchen. Ein Burſche, mit vollen Backen kauend, 
wurde vom Keſſel geworfen, geſichtblutend. Suppe, 
dicke Bohnen, lag fleckig auf der Straße. Franzoſen⸗ 
kinder ſahen gierig durch Pferdebeine. Als die 
Batterien vorüber waren, ſtürzten ſie vor und 
leckten den Brei von den Steinen. 

Mitten auf dem Marktplatz ſtanden lachende 
Soldaten und beobachteten einen Kameraden vom 
6. Regiment, der mit verſchränkten Armen im lang- 
ſamen Schritt ein Viereck von etwa zwei Meter 
Durchmeffer abging. Immer an den Ecken warf 
er, auf dem linken Abſatz ſich drehend, das rechte 
Bein herum und ſo tat er ſeit vielen Minuten. 
„Menſch, Du haſt falſchen Tritt,“ rief einer, ein 
anderer hielt ſein Bein wagerecht: „Halt, wenn 
die Schranke geſchloſſen iſt,“ aber der kleine dürre 
Mann ließ ſich nicht beirren. Immer mehr ſtrömten 
zu; fein Geſichtsausdruck wurde lebhafter. Muskeln 


35 


ſpielten. — „Weiß der Kuckuck, jetzt iſt er ſiebzehnmal 
rumgegangen,“ ſagte der Trommler zu Heinz, der 
daraufhin in das Rechteck trat. Die anderen folgten 
ſeinem Beiſpiel dergeſtalt, daß der vom 6. Regiment 
weder vor- noch rückwärts konnte; da machte er 
ſich mit beiden Armen Luft. „Kennt Ihr die 
Zukunft?“ Alle ſahen ihn verwundert an. „Nun, ſo 
laßt einem Europäer ſeine Gedanken.“ Rollendes 
Gelächter erhob ſich. Der Hauptmann kam heran: 
„Wie heißen Sie?“ — „Caeſar Schmidt, Herr“ — 
und er ſah ihm auf die Achſelſtücke — „Hauptmann.“ 
— „Was ſind Sie ſonſt?“ — „Schauſpieler in 
Görlitz, Vaterrollen.“ — „Schauſpieler!“ brüllten 
die Soldaten, „Schauſpieler, Schauſpieler!“ — 
„Leutchen,“ und Caeſar Schmidt ſah ſie mitleidig 
an, „ſeid Ihr etwas anderes? Müßt Ihr nicht 
mitſpielen? He, antwortet doch! Nun, ich denke, 
jedem iſt ſeine Rolle zugeteilt.“ Der Hauptmann 
nickte: „Verdun iſt der Titel,“ und klopfte dem Frei- 
willigen „ja, jeder muß jetzt ſeine Rolle ſpielen“ 
gütig auf die Schulter und ging. Der Kreis ſcherz⸗ 
verzerrter Köpfe glättete ſich. Von Mund zu Mund 
liefen Fragen: „Verdun hat er geſagt? Verdun?“ 
— „Ja, Verdun!“ rief ein Pionier, namens Kox, 
indem er eine Kiſte Handgranaten wagenauf ſchob, 
„das fühlt ja allerdings bald ein Blinder mit dem 


36 


Krückſtock heraus.“ „Was?“ höhnte der Trommler, 
„Du mit Deinem Vogel am Schädel haft es ja eben 
erſt begriffen,“ und deutete auf einen ſilbernen 
Totenkopf, den Kox zwiſchen Kokarden trug. Der 
Pionier ſetzte den zweiten Handgranatenkaſten zur 
Erde nieder, trat Naſe an Naſe vor den Trommler: 
„Wiſch Dich ab, Menſch: Du biſt hinterm Ohr noch 
nicht trocken. Willſt Du mir kommen? Junge, ich 
bin vom Argonnerkorps!“ Seine ſtarkadrige Fauſt 
hob er auf, ſo daß über heruntergerutſchtem Armel 
blaue Blitze und Schlangen ſichtbar wurden. Preis 
hielt die Hände in Hoſentaſchen und pfiff. „Du 
pfeifſt?“ ſchrie Kox, „Bengel, dieſe Gasflaſche werfe 
ich Dir an den Schädel, daß Dein Atem zum Pfeifen 
ausgeht.“ „So ſag mir, von wem das Ding da iſt?“ 
fragte der Trommler zittererregt und faßte an 
Koxens Mütze. Der ſchrie: „Finger weg, das iſt's 
Argonnerkorps, Du Lümmel! Mach keinen Fleck 
drauf. Der ſoll noch weiß fein vor Verdun, daß 
Franzoſen davor heulen und zähneklappern,“ und 
er ſtieß den Tambour an eine Mauer. Kameraden 
blieben in Erwartung. Plötzlich ſchnellte Preis 
hoch. An den Pionier ſtürzte er, aber magiſch 
glänzte ihm der Totenkopf entgegen. Scheu 
krümmte und wandte er ſich vor ihm zurück. Ob- 
wohl man ihn verlachte und reizte, blieb er knir- 


37 


ſchend: „Ich trage nichts.“ Kox ordnete unbe- 
kümmert in mutwilliger Ruhe fein Vernichtungs- 
gerät: Minenwerfer leichter Art, Sprengmunition, 
Flammen- und Gasbehälter. Dann knüpfte er über 
dem Wagen ſorgfältig das Zelttuch zu, ging an die 
Gäule vor, griff in den Maulring, und — „Kerl, 
Du haſt ja noch keinen Franzoſen geſehen,“ und 
„lern Ou erſt trommeln mit Minen, Du Kalbs- 
trommler“ — führte die Tiere mit „hü“ und „he“ 
weiter von der Infanterie fort. — Oer Schauſpieler 
tröſtete den Tambour: „Kopf hoch, nichts tragiſch 
nehmen; konnteſt Du über mich ſo herzlich lachen, 
ſo lache jetzt. Ich bin fünfzehn Jahre im Luſtſpiel 
aufgetreten, da lernt man das Lachen, wenn einem 


zum Weinen iſt.“ — Dankbar ſah Preis ihn an: 


„Aber das Heldenzeichen!“ „Heldenzeichen? Ich 
wünſchte, ich könnte Dir jetzt die Koſtümkammern 
zeigen, wo die Rüſtungen liegen und Kronen, die 
Orden und Ordensſterne, mit denen man ſeinen 
ſchwitzenden Leib je nach der Rolle zu ſchmücken 
hat. Heldenzeichen“ — und er klopfte dem Trommler 
aufs Herz — „gibt's nur da drinnen, und wer 


individuell iſt, der kennt den Wert der Koſtüm 


kammern, Junge.“ „Was iſt das, individuell?“ 
fragte der Trommler. „Ein Menſch, der ſich den! 
Teufel um alle Welt ſchert, heißt individuell.“ Preis 


38 


richtete ſich ſtracks auf: „Schmidt, der Menſch bin 
ich.“ Beide drückten ſich die Hand, und, indem ſie 
ſich gegenſeitig Zigaretten anſteckten, ſchloſſen ſie 
Freundſchaft. Durch auseinanderſpritzende Sol- 
daten kam ein Automobil: Der kommandierende 
General fragte nach dem Weg. Dunkler Eingebung 
folgend, ſprang Preis mit anderen an den Wagen- 
ſchlag und klappte ſolange laut mit den Abſätzen, 
bis ihn⸗ der General bemerkte. „Wie heißen Sie?“ 
„Preis, Euer Exzellenz.“ „Augen wie auf der 
Knopfgabel geputzt,“ ſagte er lachend zu ſeinem 
Chef und fuhr weiter. Preis blieb ohne ſich zu 
rühren, lange ſtehen. Dann ging er auf und ab, 
den Bruſtkorb wölbend. Schmidt packte ihn: „Hätte 
das der Pionier geſehen!“ Preis warf ſeine 
Zigarette in die Goſſe, ſpuckte hinterdrein und 
hauchte: „Oer Maulwurf! Ich ſteige höher.“ Er 
fühlte, wie Geheimes in ihm Fuß faßte. Nennen 
konnte er es nicht, aber es fand gewaltigſten Aus- 
druck, als er ſich übermauer lehnte und zu den 
Bergen rief: „Willkommen, Verdun!“ Weiber, 
die zwiſchen Soldaten auf- und abpendelten, ſah 
er nicht mehr, obwohl ihm eine Schwarze heiße 
Blicke warf. Wie fremde Tiere ſtiegen fie luſt⸗ 
erregend herum; verlangend und wehrend. Unter 
dem Blick ſo vieler Männer pridelte ihr Blut an- 


39 


genehm, Preis aber ſagte plößlich zum Schauſpieler: 
„Komm, wir wollen zuſammen eine Flaſche Wein 
austrinken.“ Beide kehrten in einer N Marte- 
tenderei ein. 

SGeblendet, einſam und ermüdet vom Ourch⸗ 
ander ſo vieler Truppen, ſetzte ſich Clemens, aus 
Wagengewühl und Proviantſtapeln kommend, zum 
Freiwilligen auf eine Mauerbank. — „Wenn man 
in die Zukunft ſehen könnte!“ — „And das möchteſt 

Du, Heinz?“ „Ich weiß nicht.“ — „Ich ſehe in 
die Zukunft,“ und während er ein Bein auf die 
Bank ſtellte, blickte er über das Tal mit dem kleinen 
Flüßchen und roten Weiden. „Es iſt ſchön, was ich 
in der Zukunft ſehe. Eine Sonne hinter Nebeln. 
Aber bis zu ihr hin! Bis zu ihr hin! Durch welche 
Schluchten! Durch welchen Schlamm! Muß man 
mitgehen, wenn man das weiß?“ Heinz ſagte, 
„wenn es zur Sonne geht, — wenn es doch zur 
Sonne geht —!“ Clemens ſtrich über den jungen 


Kopf, dann atmete er ſchwer. — Von weit her 


dröhnte Kanonendonner. Durch das Straßenleben 
ging ein Ruck. Wie Rehe im Klee, wenn ein Schuß 
gefallen, ſo ſtand alles einen Augenblick da; dann 
ging das Getriebe weiter. Der Freiwillige duckte 


ſich ſchweigend atembeklommen unter die mächtig 
anflutenden Donnerwogen. Als er ſich umdrehte, 


40 


um eine Frage zu Stellen, war Clemens fort. Ver- 
wundert ſtreckte er ſich auf der Bank aus und ſchloß 
die Augen wie einen Vorhang vor etwas zu, was 
da drüben von den Bergen kam. — An Hillbrand, 
der am Kirchportal vor einer Madonna ſtand, ging 
Clemens vorbei, ohne auf deſſen Anruf zu hören. 
Sein Freund ſah ihm nach. Aus anderer Richtung 
kam der Hauptmann mit dem Vikar und ging — 
„laſſen Sie die Kompagnie nachher antreten, ich 
habe zu tun“ — in ſein Zimmer am Markt. Der 
Leutnant blieb ſtehen und ſtrich über ſein unraſiertes 
Kinn, daß es kniſterte: „Schön, die Madonna.“ 
„Ich ſehe ſie gern,“ antwortete Hillbrand, „unter 
Waffen erwärmt ihr gütiges Lächeln.“ „Verſtünden 
es nur alle Menſchen; aber beim Turmbau unſeres 
fleiſchlichen Lebens wurden uns wiederum Sinne 
verwirrt, daß es keine Verſtändigung mehr gibt; 
wir haben heute einen franzöſiſchen Gott, einen 
deutſchen Gott, einen ruſſiſchen, engliſchen — und 
jo fort...“ er ſah Hillbrand an und trat in die 
Kirche. — Der Sergeant ſtieg auf einen Prellſtein 
und legte ſeine Stirne in die zarten, ſchlanken Holz- 
hände der Mutter Gottes. Seltſam kreiſte es aus 
der Erde auf, durch ihre Geſtalt, in ſein Herz und 
wieder zum Boden zurück. — Häuſererſchütternder 
Lärm in der Unterſtadt ſchreckte ihn auf. Flieger⸗ 


ie 


abwehrkanonen beſchoͤſſen franzöſiſche Doppeldecker. 
Da die Straßen geräumt werden mußten, ſuchte er 
Schutz. . 

Clemens hatte ſich auf einen Hügel geflüchtet, 
der das Städtchen überhöhte. Knoſpendralle Zweige 
vergitterten ihm ſchwankend den Himmel. Wind- 
weißes Gras blieb hinter ſeinem Schritt. Ein Baum, 
der mächtig ſtammauf in Aſt und Gezweige wuchs, 
feſſelte ihn. Natürliche Anmut lebte um das ſtarre 
Gebilde. Das verwirrte ihn. Nachdenklich ſchritt 
er über goldwarme Steinplatten und Moos von 
Jahrhunderten durch einen Kirchhof auf die Grab- 
kapelle zu. Türen waren offen, er ging hinein. 
Eine Bank, auf die er ſich ſetzen wollte, brach zu- 
ſammen. Vermodert ſtützten ſich andere gegenſeitig. 
An ſchwammfeuchten Wänden lehnten Grabmäler, 
eingemeißelt mit religiöſen Handlungen. Unter 
zerfetztem Bild eines büßenden Weibes lagen ver- 
ſtaubtes Meßgerät und des Heiligen Hilarius zer- 
ſtückelter Holzleib. Wandgegenüber ruhte in Marmor 
der Erzprieſter von Longuyon und Marville. Kühle 
Stille trauerte bei den Steinen. Simserhoben 
ſtarrte ein Totenſchädel. — Fahles Licht haftete an 
ihm wie Wachs. Seltſam blaurote Holzpyramiden 
ſtanden wie Erinnerungen verblaßten Daſeins da- 
neben. Schattenvolle Augenhöhlen ſogen Licht in 
42 


* 


endloſe Finſternis. Wind wehte herein, tönte und 
entwich wie klirrendes Glas. Ohne beſtimmten 
Sinn beſtieg Clemens die Kanzel. Sein Mantel 
hing herunter. Modernde Gebeine waren unter 
ihm. — Welt — und Weltzweck zerbröckelten wie 
Gerümpel in Kirchenwinkeln. Torein brauſten 
Fichten, ödes Licht in und um ihn erſchütternd. Er 
ſtierte ins Graue, als ſei er der letzte Menſch und 
außer ihm nur noch Gewürm auf Erden. Zu wem 
ſollte er ſprechen. „O Du Gefeſſelter!“ und er 
beugte ſich zu einer Heilandsfigur, den Verſpotteten 
darſtellend, „verhießeſt Du nicht ein Himmelreich? 
Komm und ſieh Oir dieſe Erde an. Wahnſinn hat 
alle Menſchen geſchlagen. Lebſt Du, Toter, jo erhebe 
Dich! Oer Du das Meer gebändigt, dämme die 
Sündenflut! Ruf es mit uns, die wir ſtündlich es 
rufen, daß dieſe Hölle aus unſeren Tagen weicht! 
Hebe die Peitſche! Säubere die Tempel! Ach, 
Krämer und Schurken verſchachern die Seele der 
Welt.“ Er ſchrie es gell, daß es über Gräber hallte 
und in Fernen fortklang. 

Er fühlte ſich ſo ſchwach im Gebein und ſchlich 
aus der Kirche. Das weite Land überſah er mit 
allen Straßen wie vom Mittelpunkt aus. Überall 
bewegten ſich Beine. Regimenter marſchierten. 
Batterien raſſelten. Unaufhörlicher Lärm vor- 


43 


rüdender Truppen. Wie Plätſchern von tauſend 
Bächen, die zum Meer ſtreben. Sein Herz klopfte 
bis in den Hals hinein. „Hat kein Leben mehr 
Wert? Sind wir wirklich nur Mittel? Was iſt der 
Zweck? Wo finde ich Grund, der mich trägt, da 
alles wankt? Steigt ſolche Finſternis aus unſerem 
Blut?“ — Stöhnend richtete er ſich auf und ſah 
zur Mauer geſchichtet rings um ſich herum Tauſende 
von Menſchenſchädeln. Er war im Beinhaus. Von 
faulbraunen, regengrünen Knochen her roch es 
bitter. Immer auf je einer Schicht Arme und Beine 
ruhten Totenköpfe. Je länger er hinſtarrte, deſto 
grauſig lebendiger wurden Augen. Um breite 
Mäuler ſtand eiſiges Lachen. Im Zwang der 
Totenſtarre war Ruhe. Er atmete ſchwer, umfaßte 
mit beiden Armen einige hundert Gebeine: „Seelige 
Brüderlichkeit! Schlachtengrab! Jetzt noch in Haß 
und Vernichtungsgier, und ehe es Frühling wird, 
alle Gefallenen, ob ſchwarz, ob blond, in gleicher, 
ernſter Gemeinſchaft, wie hier. Kann nur Tod fie 
erzwingen?“ 

Seit vielen Wochen Kante ſeine Augen 
wieder, als er ahnungsvoll zum kalten Himmel 
ſchaute. Aufrecht verließ er den Gräberhof. Als 
er bis zum Horizont nichts, als Grau und Metall 
auf der Erde ſah, fühlte er, wie die Wucht ſolcher 


44 


Bewegung feine Seele losriß, feine Fauſt ballte. 
Unten bei der Kompagnie, die der Vikar ordnete, 
kam der Freiwillige ihm entgegen und ſagte: „In 
acht Tagen, munkelt man.“ „Was in acht Tagen? 
Ach fo, in acht Tagen.“ Dann trat er mit gezwun⸗ 
genem Lachen vor die Soldaten ſeines Zuges. 
Aus der Kneipe in ſanftem Zickzack kamen Preis 
und Schmidt. Mit ihnen ſtrömten aus Gärten und 
Gaſſen Kompagnieangehörige zum Sammelplatz. 
Schmidt führte den Trommler zur Kompagnie zu- 
rück, umarmte ihn immer und immer wieder: „Und 
laß Dir den Humor nicht ausjagen, und wohin auch 
das Schickſal uns treibt...“ Preis reckte ſich 
feierlich: „Ja, das Schickſal!“ „Ja, wir halten es 
mit dem Schickſal,“ rief Schmidt. „Nimm dieſes 
zum Andenken, eine Komödie, ein Märchenſtück, 
wenn Du willſt. Aus meiner Feder, wenn ich ſo 
ſagen darf,“ und ſteckte ihm ein Heft unter das 
Kochgeſchirr, „o vergiß nicht den Schauſpieler 
Schmidt aus Görlitz, mein Junge,“ fiel er ihm 
wieder um den Hals, aber ein Donnerwetter des 
Anteroffiziers holte den Trommler in Reih und 
Glied, der von dort mit fröhlichen Füßen ſchaukelnd, 
dem Schauſpieler zuwinkte: „Alſo, Caeſar Schmidt, 
wir beide wiſſen, was wir wollen! Wir werden 
eine gute Rolle ſpielen! Ein Luſtſpiel verſteht ſich! 


45 


Und wir wollen Verdun auf den Kopf ftellen!“ — 
„Ja, bis wir Franziska unter die Röcke ſehen ?“ 
„Das wollen wir, Junge,“ johlte der Trommler, 
„der Schädel ſoll ihr am Blutdrang platzen!“ — 
gillbrand las vor dem Sammelplatz der Kompagnie 
am letzten Haus auf einem Schilde: „Mors.“ Es 
traf ihn. Während er ſich beim Leutnant meldete, 
grübelte er: „Mors,“ das war Härte, Kälte, Ver- 
zweiflung, Grab und Derwefung. Heimlich neigte 
er ſich hin zu dem Wort ſeiner Sprache: „Tod,“ 
aus ihm firömte ihm Muſik, Wärme, Schlaf und 
Frieden; dem Freiwilligen ſchlug er auf den Arm: 


„Jüngling, wieviel Ahnung ruht in unſrer Sprache! 


— Im Schritt kam der Hauptmann angeritten und 
lächelte ernft, Tannenreiſig auf 21-Zentimeter- 
Mörferbatterien berührend: „Feſtlich, feierlich?“ — 


Kommandos wurden gegeben und abmarſchiert. 


Im Antreten hob der Freiwillige ein Heft aus dem 
Sande auf und las: „Kumpf der Grillen und Käfer 
gegen den Ameiſenſtaat.“ Er ſteckte es in feine 
Rodtafche und lief an die letzte Gruppe heran. 


er Kellner lag auf zweihundert Wolldecken, 
die ein Kraftautomobil aus dem Etappen- 
gebiet der Front zuführte. Es war Nachmittag, als 


46 


er aus Träumen böſer Art — es rückten 8000 Nägel 
gegen ihn an — auffuhr und „halt, um Gottes 
willen, halt!“ in den Wind brüllta. Der Wagen- 
führer aber, der den Kellner als „beſchädigt“ zum 
nächſten Lazarett mitnahm, hörte nicht auf das 
Geſchrei. Und „ja, was halt! Hier gibt es nun in 
der ganzen Armee kein Halten mehr,“ gab Gas, 
nur noch ſchneller ratternd. Von einer Wand zur 
anderen fliegend, ſchlug der Kellner puppenähnlich, 
hilflos mit Kopf und Armen. Es war ihm, als 
hingen Nägel an ſeinen Beinen und ſtächen — 
„nimm uns mit, es neigt ſich der Tag“ — in ſein 
Fleiſch. Und er ſah von Mitternacht her neue 
8000 Nägel aufwachſen und fühlte im voraus die 
Spitzen von 16-, 24, 32 000 und jo ins Unendliche 
wie ein Hagelwetter heranklirren. „Wir wollen 
vernagelt ſein,“ dröhnte es ihm ins Ohr. Und er 
lachte unſäglich blöde. Mit dem Kopfe nickte er: 
„Ja, ich bin vernagelt, vernagelt ſind wir alle, die 
ganze Welt iſt mit Brettern vernagelt!“ — Aber 
ſein Weheruf war noch nicht verklungen, als ſchon 
Chauſſeebäume vor ihm hinfielen wie Zinnſoldaten. 
Eine Pappel nach der anderen; ſie krochen unter 
reißende Sägen und kamen, ehe er Atem holen 
konnte, heran; weiße Bretter, Gerippe des Holzes. 
Sie bauten ſich vor ihm auf zum Gebälk, legten 


47 


— 


und glätteten ſich. In ihr Fleiſch bohrten ſich, 
ſchillernden Käfern gleich, die Nägelmaſſen tief 
hinein. Wellendes Blech ſchlug über den Balken 
als Dach zuſammen. Wie man im Traum den 
Traum ahnt, fo erkannte auch der Kellner die Un- 
ſinnigkeit der Geſichte. Deſſen aber ungeachtet ging 
er durch ſie dahin, als wären es weite Baracken. 
Wohl fünfzig hatte er bereits gezählt, als er er- 
ſtaunten Auges ein Lager von 500 Zelten großer 
und kleiner Art betrat. Lärm von 5000 Werkzeugen 
hämmerte auf ſeinem Kopf herum. Erde, auf die 
er ſich ermüdet legte, war ſo hart, daß er klagte; 
aber ſogleich ſchwebten, wie von Engeln getragen, 
duftige Heidekrautflächen heran und breiteten ſich 
überall wolkenweich. Er ſah neben ſich ganze 
Regimenter ſchlafſchwer verſinken. Selbſt Pferde 
lagen und rührten ſich nicht. Plötzlich gellte ein 
Aufſchrei des Durſtes! Wie in einem Sigeuner- 
lager wimmelten Menſchen und Tiere durchein- 
ander, Waſſer ſuchend. Da ſprang er auf, denn er 
kannte die Quellen, und lief, Tauſende führend, 
bis ſich ſeine Wünſchelrute bog. Mehr als 8000 
tränkte er ſtündlich. Wohl ſagte ihm innere Stimme, 
daß nicht er die Wunderbrunnen geöffnet an den 
Hängen der Zitadelle von Montmedy; dennoch 
ſchwebte er durch den Traum, glücklich, daß er um 


48 


die Geheimniſſe wußte. Eimer ſchoſſen wie Pilze 
auf, 25 000 Stück in der Woche, und er reichte ſie 
lächelnd jeglichem Bedarfe hin. Wie ein König 
ſtand er unter feinem Volke; da verfinſterte ſich der 
Himmel. Luft wurde ſtickig. Seine Unterſtimme 
flüſterte ihm zwar zu, das ſei Qualm aus 13 000 
Ofen, die den Truppen wöchentlich geliefert werden, 
aber er ſtreckte die Arme von ſich und ſchrie: „Sollen 
wir alle erſticken?“ und es röchelten ſchon viele 
ſeiner Soldaten dahin, lungenzerſtört. Da machte 
er Zeichen in die Luft, und ſogleich zogen ſeltſame 
Augen heran und legten ſich vor aller Naſen und 
Mäuler: „Gasmasken,“ ging es atembefreiend 
durch das ganze Heer. Nun tanzte Gas um die 
Menſchen, wie Tod, aber es fand keine ſterbende 
Lunge. Da lachte der Kellner auf mit ſeinem 
ganzen Volke. So laut lachten ſie vor Schadenfreude, 
daß Baracken und Zelte mit eins zuſammenſtürzten, 
wie Kartenhͤuſer; aber fie waren leichter als Papier, 
denn es war Wind, der um feine Naſe ſtrich. — Von 
weiten Flächen kam er her, von braunen Hügeln. 
Ruinen und Schafe ſtanden an den Hängen. Von 
weißen Kreuzen ſchwebten Adler ruhig ins Weite. 
Verlaſſene Schützengräben zogen Helme und Pa- 
tronentaſchen Gefallener in ihre verweſende Feuchte. 
Er erwachte, als ihn der Laſtkraftwagen auf der 


49 


Straße von Marville nach St. Laurent vorfuhr. 
„Iſt nun Wirklichkeit Traum, oder träumt man die 
Wirklichkeit?“ Er zwang ſeine Gedanken auf 
feſteren Boden: die Vergangenheit. An ſeine 
Kellnerzeit dachte er. Als Sonnenſchirme auf 
Hotelterraſſen, ſeltenen Blumen gleich, hin und her 
ſchwankten, und er Eispunſch herumtrug und 
reizende Lippen am Strohhalm ſaugen ſah. Er 
ließ ſeine Zunge an Gaumen und Lippen ſpielen 
und ſah ſchlanke Automobile wie Schwäne heran- 
gleiten, an Marmorſtufen Kies ſprühend. Da rief 
er aus: „Ach, erbarmt euch, erbarmt euch! Die 
Wege, die entſetzlichen Wege! — Schafft uns 
Menſchen, ſchafft uns Schippen!“ Aber ehe er ein 
Wort hervorbrachte, ſtreckten ſich ſchon 2000 Arme 
aus und ergriffen ebenſoviel und mehr Schaufeln 
und Hacken. Wagenladungen von Baſaltſchotter 
füllten alle Löcher in den Wegen aus. Dampf- 
walzen fuhren ebnend darüber hin! Braune 
Männer, Gefangenentrupp mit weißen, roten und 
orangenen Mützen und Schulterbändern arbeiteten 
Tag und Nacht, indem ſie den Schlamm zur Seite 
kratzten. In ſeinem Fieber glaubte er ſich nun in 
der Hochzeitskutſche und mußte lachen über die 
goldenen Treſſen, die bunten Pferde, den Kutſcher 
mit der ſeidenen Schleife an der Peitſche. Aber 


50 


— 


plötzlich ſtürzten die Pferde, in Draht verwickelt, 
der, immer länger und länger werdend, ſich ſtachelig, 
unaufhörlich um den Wagen, um Menſchen, um 
Feind und Freund, ja um die ganze Erde ſchlang. 
Mit Gewalt hob er ſich von ſolcher Laſt beſchwert 
auf: „Was würgſt Du mich, was erdroſſelſt Ou 
mich?“ Aber Hunderte von Meilen weit ſah er 
nichts als Stacheldraht und Stacheldraht. Lange 
Finger griffen in ſein Gehirn und zogen ihm die 
Nerven heraus zu den Drähten hin. Der Wagen 
hielt in St. Laurent vor der Roten-Kreuz-Flagge 
an. Ein Arzt fragte: „Kann er gehen? Sonſt zwei 
Mann her.“ Krankenträger kamen. „Was?“ — wie 
im Halbſchlaf hörte der Kellner alles mit an — 
„verrückt?“ — Er bäumte ſich auf, wurde aber 
niedergedrückt. „Kennen wir. Nerven verſagen!“ 
— „Verrückt?“ brüllte der Kellner. „Mein Gott, 
nicht ich, nicht ich,“ und hob ſich, ſeine Hände an 
die Gurgel krallend, vor dem Arzte auf: „Helft 
mir,“ als wolle er etwas losreißen. 

Man legte ihn auf einen Sack. Geſichter beugten 
ſich. Clemens erkannte ihn. Es war ihm als ſähe 
er im Kellner die ganze Hilfloſigkeit ſeiner Seele. 
Er ſetzte ſich zu ihm. „Mein Gott, ich bin ganz 
normal, ganz normal.“ Als ſein Puls befühlt 
wurde, ſchrie er: „Reißt den Draht ab!“ und ſeine 


51 


Augen aufichlagend, packte er Clemens. „Wo haft 
Du deine Erkennungsmarke? — Im Maſſengrab 
hat ein Mann ſeine Erkennungsmarke verloren.“ 
Dann ſank er hell auflachend zurück. Hillbrand und 
der Trommler, von Soldaten herbeigerufen, kamen 
ſchnell. Aber er krümmte ſich vor ihnen. „Fort, 
fort, Ihr Schipper! Fort, Ihr wollt mich tot- 
ſchlagen!“ Der Arzt gab ihm eine Morphiumſpritze. 
Danach träumte er von einer Kahnfahrt auf dem 
Genfer See. Zum Ufer wollte er hin, wo er Eis- 
punſch reichen ſollte. Schöne Damen in Spitzen 
und ſonnigen Seidenſtrümpfen ſchaukelten mit 
ihren Füßchen zur Waſſerfläche und riefen: „Eis- 
punſch, Eispunſch!“ Ein Krankenwärter legte ihm 
Waſſerlappen auf, die er fortſchleuderte. Clemens 
blieb allein bei dem Kellner. Während er ihm die 
Umſchläge machte, tat er Gelübde! Furchtbare 
Gelübde. Hillbrand ſchickte den Trommler mit 
einer Weiſung in den Gaſthof hinüber und ging 
— „das kommt davon“ —, dem Hauptmann von 
des Kellners Zuſtand Meldung zu erſtatten. Er 
traf Werner, als er gerade aus dem Generalitabs- 
zimmer kam. „Herr Hauptmann, der Kellner iſt 
wieder da.“ „Hat er Gründe, die ihn vor Arreſt 
bewahren?“ fragte der Kompagniechef, während 
er ein Paket Karten und Zettel immer wieder 


52 x 


unter feinem Arm zurechtſteckte. „Er iſt krank.“ 
„Krank? Wo liegt er?“ „Ich führe,“ und Hillbrand 
ging voraus. Sie waren kaum hundert Meter weit, 
da rief der Kommandierende General Werner 
zurück: „Bft es Ihnen bekannt gemacht?“ „Jawohl, 
Exzellenz.“ „Mögen Sie in dieſem Kommando 
Anerkennung finden,“ er grüßte. Der Hauptmann 
ſah ihm nach: „Sturmtruppe!“ Eine Kartenrolle, 
die herausgerutſcht war, hob er auf und ging weiter. 
Plötzlich blieb er ſtehen und griff in die Taſche, 
dann in die andere und dann ſuchte er alle Taſchen 
ab. Er rief Hillbrand zu ſich: „Ich glaube, ich habe 
mein Tagebuch verloren! Gehen wir ein Stück 
zurück, wir müſſen es finden. Ich bin keinen anderen 
Weg gegangen.“ Beide ſuchten den Boden ab, 
aber ſie fanden es nicht. „Ich wer de in das General- 
ſtabszimmer zurück müſſen !.. Nein, dort habe 
ich es nicht liegen laſſen. Suchen wir, ſuchen wir.“ 
Er ſah Hillbrand aus graukalten Augen an: „Dann 
könnte ich mich lieber gleich erſchießen. Gehen Sie 
um die Kirche, ich ſuche hier.“ Oer Sergeant eilte 
fort. Werner flimmerte es vor den Augen: „Wenn 
die Zettel gefunden würden! Verraten der An- 
griffsplan! Ich käme vor Kriegsg ericht! Und mein 
Tagebuch! Mein Tagebuch! Mein zweites Ich“ 
Er lachte gezwungen. Aber ſchon reckte ſich das 


53 


Buch. In der Zelle ſah er ſich! Kalt war der 
Wind, kalt der Gerichtstiſch, kalt der Morgen ſeiner 
Verurteilung. Er rückte die Mütze aus der Stirn: 
„Trat ich aus dem Rahmen erlaubter Gedanken? 
Darf man Zweifel nicht ausſprechen? Ausſprechen 
wohl, aber nicht ſchreiben, nicht ſchreiben, daß es 
jeder leſen kann!“ Luft wurde ſchwarz um ihn: 
„Ja, Ihr kennt nur die weiße, die glatte, willige 
unterwürfige Seite, aber,“ und er ſtampfte auf, 
„wollte mich jemand anklagen, weil mein Blut 
auch die andere Farbe trägt, die dunkle? Was 
ſchrieb ich denn? Darf man nicht Fragen ſtellen? 
Sind wir eine Hammelherde? Die ſich treiben läßt 
dierhin, dorthin? Sturmtruppe? Für wen? Für 
was?“ — Er hob eine Zeitung auf und las ſchwarz⸗ 
umrändert unter dem Kreuz: „Den Heldentod 
ſtarb uſw.,“ und trat auf die Zeitung: „Stünds 
ſchon von mir!, Ein Punkt hinter alles!“ — Dann 
ſuchte er gebückt weiter jeden Meter Erde ab. An 
der Kirche hockte ein Kutſcher neben ſeinem Gaul 
mit Papier in der Hand. Werner fühlte den Fund! 
Doch ehe er kam, griff ſchon Hillbrand zu, riß es 
dem Soldaten unter dem H.. fort und las in 
großer erregter Schrift: „Trommelfeuer!“ Es 
ſchlug durch ſeine Glieder: „Trommelfeuer!“ 
Werner winkte von weitem. Dicht vor Hillbrand 


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fand er ſein Tagebuch: „Schwarzer Teufel!“ Er 
drückte es an ſeine Bruſt: „Mein Buch, Himmel, 
mein Buch!“ Note Flecken blieben ihm im Geſicht. 
Hillbrand fragte, während er die Papiere abgab: 
„Trommelfeuer?“ Werner nickte, legte den Zeige 
finger an den Mund und warf einen Stein über die 
Kirchhofsmauer. „Es gibt Sturm, lieber Freund!“ 
Aufgeſcheucht flog eine Goldammer fort. „Dies 
Tierchen darf leben! Niemand befiehlt ihm, kämpfe 
für die Idee der Goldammern! Es wär auch eine 
zu tolle Idee! Hillbrand, für Goldammern kämpfen! 
Für Goldammern!“ — Plötzlich rüttelte er den 
Sergeanten an beiden Schultern: „Mann, Mann! 
Ich kann wieder atmen! Ich kriege Luft!“ Hillbrand 
ſah ihm nach: „Was ſpringt er, als käme er aus dem 
Abiturientenexamen em 


* 


lemens ſtand auf, als der Hauptmann in die 

Revierſtube kam und den Kellner — „was 
machſt Du für Geſchichten?“ — begrüßte. Der 
Kranke konnte nichts anderes hervorbringen als 
„Verdun!“ Werner richtete ihm Stroh unter dem 
Kopf: „Ja, Verdun!“ und ſah Clemens an: 
„Siebenhunderttauſend Köpfe und zweihundert- 
fünfzigtauſend Pferde am gleichen Strang: Verdun.“ 


59 


— Aus des Kellners Taſche ragte ein Zettel, er 
zog ihn heraus und las: „Einhunderteinundzwanzig 
Kaſſenverwaltungen, ſechsundvierzig Sanitätsfor- 
mationen, zweihundertfünfundachtzigtauſend Woll⸗- 
decken, dreizehntauſend Tonnen Kohle, dreihundert- 
ſechsundzwanzigtauſendzweihundertfünfzig Bett- 
ſäcke, dreitauſend Werkzeuge, Gießkannen, Axte, 
Hammer, Eſſenträger, Löffel, Schöpfer wöchentlich! 
— And täglich —.“ Über des Kellners Kopf ſtrich 
er hin: „Täglich ſechzig Kilometer Stacheldraht, 
achttauſend Nägel, zwei Waggon Wellblech! Ja! 
Ja, verſchlänge er das allein, der Rachen Verdun! 
Aber die Menſchen.“ — Während er das Papier 
in den Ofen warf, lachte er bitter: „Das verfluchte 
Papier!“ Clemens ſah Werner mit großen Augen 
an; „haben Menſch, Tier oder Material überhaupt 
noch Bedeutung?“ — „Nur im Hinblick auf das 
Geſamtziel, Clemens. Der einzelne biegt oder 
bricht, nicht wahr, mein Junge?“ Er klopfte den 
Kellner und verließ — „ich will mit dem Arzt 
ſprechen“ — das Zimmer. Clemens eilte ihm nach, 
doch als er die Türklinke ſchon in der Hand hielt, 
machte er kehrt. „Beſſer nicht, beſſer nicht eigene 
Gefühle abſchneiden wie Blätterüberfluß zugunſten 
der Frucht; welcher Frucht! Rot aus der Zukunft 
leuchtet fie mir.“ — Als der Krankenwärter eintrat, 


56 


ging er, die Hände auf des Kellners Stirn legend, 
„auch Du ſollſt von ihr eſſen,“ hinter dem Haupt- 
mann her zu Tiſch. 
1 | * 


Dee lange Saal im Gaſthof war für die Abend- 
mahlzeit der Offiziere hergerichtet. Schnee- 
glöckchen lagen zwiſchen Tellern und Fleiſchplatten. 
Kerzen brannten. Zn einer Ecke entfernt ſaßen zwei 
Soldaten. „Glaubſt Du, daß wir durchkommen?“ 
„Selbſtverſtändlich, am Horchpoſten vorbei.“ Der 
eine ſtand auf, ging durch den Saal. — „Was ſich 
ſchlachten laſſen will, ſolls tun!“ Die Fauſt gegen 
die Straße ballend, „Hunde! Ich verderb Euch das 
Spiel!“ Als er Schritte hörte, ſetzte er ſich wieder. 
Mit ſeinen Herren kam der Hauptmann. An der 
Mitte der einen Tiſchſeite nahm er Platz, links und 
rechts und gegenüber die anderen. Auf getünchter 
Wand ſtanden ihre Schatten dunkel mächtig bis 
zum Gebält hinauf, nur bewegt, wenn Ordonnanzen 
Türen öffnend, Wind um die Kerzen blieſen. Die 
bläulichen Flammen der Oochte ſpielten. Werners 
gepreßte Fröhlichkeit erlahmte an der gedrückten 
Stimmung der anderen. Hillbrand ſchaute beob- 
achtend in die Saalecke. Der Trommler kam: 
„Geſtatten, Herr Hauptmann, daß wir Tafelmuſik 


57 


ſtellen?“ Werner nickte, aber die Muſik begann 
nicht. Von verbrannten Köpfen tropften Schweiß- 
perlen auf Teller, die unter Gabeln klapperten. 
Naſſe Schnurrbärte wurden zähnefletſchend abgeleckt 
und der eine und andere unterdrückte Magenluft, 
die an den Gaunien ſtieß. „Wie die Fütterung 
wilder Tiere!“ ſagte Clemens. Alle lachten auf, 
dann ſahen ſie ſich beobachtend an. „Sturmtruppe! 
Sturmtruppe,“ klang es in Werners Hirn und 
zwängte ihm Lippen zuſammen; aber er hob den 
Kopf und rief: „Proſt, Freiwilliger.“ Heinz ſprang 
auf, daß der Stuhl hinklatſchte und goß das volle 
Glas hinunter. In den Fleiſchſchüſſeln gerann das 
Fett. Der Hauptmann unterbrach wieder die Stille: 
„Heinz, haben Sie den Entwurf unſeres Wald- 
lagers?“ „Jawohl, ein Märchenſchloß iſt es ge- 
worden!“ Die anderen ſtießen ſich an: „Wald- 
lager?“ und Clemens trat Hillbrand unter dem 
Tiſch: „Haft Du's gehört?“ Aber der ſtarrte unent- 
wegt auf die beiden Soldatengeſtalten in der 
Zimmerecke. „Jawohl,“ erklärte Werner, „wir 
werden uns ſelber Häuſer bauen!“ „Hier?“ — 
„Vorn!“ „Gibt es da keine Häuſer mehr?“ „Alles 
zerſchoſſen, völlig zerſäbelt.“ „Dann iſt es gut, 
wenn wir uns Häuſer bauen,“ wiederholte der Vikar 
und beugte ſich mit Stielaugen über eine Karte, 


58 


auf der Werner ihre zukünftige Stellung zeigte: 
„Was? Auf den Raum ſoll eine Diviſion?“ und 
alle hingen an Werners Lippen. Clemens ſtach ſich 
mit der Gabel in Fingerſpitzen, daß nur ein würgen- 
der Laut aus der Kehle kam. Plötzlich ſtand Hill- 
brand auf, machte ſich von den Händen des Vikars 
frei, der ihn wieder niederziehen wollte und ſtürzte 
„ich hab eine verfluchte Ahnung,“ hinter den 
Soldaten her, die lautlos verſchwunden waren. 
Werner rief: „Was iſt los?“ und ſah auf die er- 
ſchreckte Tiſchgeſellſchaft: „Clemens, was ſtarren 
Sie mich an?“ Da ſtotterte der Lehrer: „Ich, ich?“ 
und ſah durch die offene Tür. „Eſſen Sie doch Ihr 
Sauerkraut weiter!“ Aber da wurde Clemens 
dunkelrot, dann bleich und dann mußte er ſich über- 
geben. „Ja, meine Herren, was iſt denn los?“ und 
Werner blickte von einem zum anderen. „Ich 
glaube, das Zeugs war mit ſchlechtem Fett gekocht!“ 
ſagte der Vikar. Werner kaute Brot, als hätte er 
Kieſel im Mund, dann hob er die Achſel: „Glaubt 
Ihr, das Fett würde beſſer in Zukunft?“ 
Allein blieb der Trommler zurück. An dem noch 
nicht abgegeſſenen Tiſch ging er mit, übergeſchnappt“ 
von Platz zu Platz, ſeinen Teller füllend und Gläſer 
leerend. In ungeſtörter Behaglichkeit verzehrte er 
reichliche Reſte. Den letzten Schluck trank er auf 


59 


fein eigenes Wohl aus, knöpfte den Rod auf, faltete 
Hände über dem Leib und begann verdauend ſich 
in feierliche Stimmung hineinzulullen. Kerzen 
tropften, und indem ihm blinkende Kreuze und 
Kragentreſſen durch flackernde Luft gaukelten, betete 
er: „Lieber Gott, gib mir, worum ich Dich bitte. 
Ich will Dir zum Danke, ſo wahr ich der Trommler 
bin, nie mehr ein Mädel anſchauen.“ In dieſem 
Augenblick kam eine dralle Dirne herein und trug 
das Eßgerät ab. Mit ihrem Fuß die Tür auf- 
ſpreizend, die der Wind immer wieder zuſchlug, 
quetſchte fie ſich mit dem vollgepfropften Tablett 
hinaus. Der Trommler legte ſeinen Kopf auf die 
Tiſchplatte, dann ſtand er auf, knöpfte ſeinen Rock 
wieder zu und ſchloß das geöffnete Fenſter. Leiſe 
trat er vors Schlüſſelloch und ſchaute. Gequält 
machte er kehrt, und ſetzte ſich, „die Weiber, die 
verfluchten Weiber“ murmelnd, auf ſeinen Platz. 
Mehrfach den Kehlkopf aus der Halsbinde reckend, 
atmete er ſchwer aus offenem Munde und öffnete 
den Rock zum zweiten Male. An den Schauſpieler 
Schmidt aus Görlitz dachte er; an das Schickſal, 
an ſein Gelöbnis, dem Schickſal treu zu ſein. Die 
eine Kerze war heruntergebrannt, die andere 
kämpfte; er kaute an einer Serviette herum. Als 
Geſchirrklappern und Gelächter klang, ſtürzte er — 


60 


„nein, nein“ — zur Türe hinaus. Es wurde völlig 
dunkel, Wind klirrte an Scheiben. Still öffnete 
ſich die Tür; mit einer Taſchenlaterne leuchtend, 
taſtete ſich Preis am Tiſch entlang quer durch den 
Saal und verſchwand in der Küche. 


* 


D Kriegsfreiwillige ſuchte die Chauſſee auf, 
die an den Feind führt. Seinen Dolch zog 
er aus der Scheide und hieb im Vorwärtsgehen 
durch die Luft. Immer, wenn es ganz wolten- 
dunkel wurde, ſtach er mit vorgeſchnellter Kraft um 
ſich, als ſtünde er im Gefecht. Aus dem Wald 
ſchlängelte ſich ihm ein Glühwurm entgegen. Licht 
hob Bäume aus der Finſternis und ſpiegelte in 
Waſſerpfützen des Weges. Heinz trat an einen 
Baum und ließ die Kraftwagenkolonne porüber- 
lärmen. Schlammwellen bewarfen ihn bis an die 
Hüften voll Kot. Hinter dem letzten Automobil 
war wieder Nacht. Er eilte weiter. Alle hundert 
Meter ſtieß er auf Poſten in braunen Zelttüchern. 


Durch einer Laterne Licht ſah er Munitionswagen, 


von keuchenden Pferden gezogen, aus dem Dunkel 
verſchiedener Seitenwege kommend, wieder in das 
Dunkel verſchwinden. „In den Tod,“ ſagte ein 
Offizier, ſich die Hoſen aufziehend. Dann nahm 


61 


er den Freiwilligen am Arm und führte ihn auf 
eine Höhe. Zu langen, ſchwarzen Bergſtrichen 
deutete er: „Dort,“ und als er des Freiwilligen 
erſtaunte Augen ſah, brüllte er auf: „ich will gar 
nicht wiſſen, wer Sie ſind, iſt auch ganz gleich, ganz 
gleich!“ Plötzlich legte er ſich in das naſſe Feld, 
wühlte ſich mit den Händen ein Loch und lachte: 
„In vier, in fünf Tagen liegen wir ja alle fo! Kalt, 
was? Faſt zum Verweſen zu kalt; aber ganz gleich, 
ganz gleich!“ Heinz erſchrak vor dem ſeltſamen 
Gelächter. „Scharr mich zu! Scharr mich zu! 
Schweinerei! Verdammte Schweinerei, da vorne! 
Exzellenz, weißt Du, wie man einen Spatzen zer- . 
legt? Wirf mir Oreck über'n Kopf, daß mich die 
roteingefaßten Lümmels nicht finden! Diele 
Schufte! Biſt Du etwa auch Generalſtäbler, ha? 
Sonft hilf mir! Hilf mir! Hilf mir!“ Oer Frei- 
willige floh entſetzt von ihm fort. Als er wieder 
in das Laternenlicht kam, ſah er eine tote Katze 
am Wege. Er drehte ſie mit dem Seitengewehr 
herum, fo daß Pfützenwaſſer aufſpritzte. „Totes 
Vieh!“ Durch winternackte Sträucher fiel matter 
Biwakſchein und beleuchtete lange Zelte und vieler 
Pferde ſchwanzwedelnde Hinterteile. — „Totes 
Vieh,“ und Heinz ſtellte ſein Seitengewehr mit der 
Spitze ſenkrecht auf den Katzenbauch; dann ſchauerte 


62 


er — „das haben wir nicht geübt, man follte es 
doch probieren“ — zuſammen und drückte den 
Stahl tief, widerwillig in das Fleiſch. Mit dem 
Stiefel ſtemmte er ſich gegen die Katze, zog den 
Dolch — „widerlich, widerlich“ — heraus und 
wiſchte ihn ſchnell im Schlamm hin und her. Dann 
rannte er die Straße wie gehetzt hinunter, zurück 
zum Quartier. Als er an erſte Häuſer kam, ſteckte 
er ſein Meſſer in die Scheide und ſchlich auf den 
Kirchhof, von deſſen Gräbern er vormittags Blumen 
gepflückt hatte. In bereifte Blüten ſchaute er. — 
Während des Turmglockenſpiels ſüßes Geläut 
Mitternacht ſchlug, ſah er ſcheu zum Kirchturm hoch 
und wiederholte: „Widerlich; wenn das doch nicht 
notwendig wäre.“ 
% 


I Jene: hatte bis jetzt am Tagebuch gearbeitet. 
Er ſtand auf, malte blaue Striche auf ſeine 
Karte und ſchrieb aus den Stammrollen ſeiner 
Kompagnie beſondere Liſten heraus. „Die Frei- 
willigen, erſte Sturmwelle.“ Nach Korporalſchaften 
getrennt, zeichnete er ſie ein. „Hillbrand ſetze ich 
auf linkem Flügel an, dort brauche ich Energie. 
Rechts den Vikar, die Mitte mag Clemens über- 
nehmen. Bei mir bleibt der Trommler und als 


63 


Melder der Sturmtruppe foll der Freiwillige laufen. 
Der hat die jüngſten Beine von uns.“ Nachdem 
er ſich in der Vorſchrift für Pioniere, einige Minuten 
herumblätternd, über techniſche Fragen orientiert 
hatte, ſteckte er ſich eine Zigarre an, nahm wieder 
das Tagebuch zur Hand. Das ſchwarze Heft ſtreichelte 
er. „Hab ich Dich wieder! Auch unter Blumen, 
dem goldenen Korn und der ganzen Pracht der 
Natur rauſchen tiefe Quellen, lautlos jegliches 
Nachtgetier tränkend. Nicht jede Gänſeblume reicht 
mit ihren Wurzeln in dieſe Macht.“ Er ſtand auf 
und zog ſich den Waffenrock aus. Primeln, die ihm 
der Freiwillige auf den Tiſch geſtellt hatte, preßte 
er an fein Geſicht. Über einen Lehnſtuhl gebeugt, 


. 


ſchloß er die Augen. Seine Bruſt glühte; er Inöpfte 


das Hemd über ihr auf und ſtreckte die Arme von 
ſich: „Frühling, mein Gott, Frühling!“ Seinen 
Revolver rückte er weit von den Blumen. „Früh- 
lingsſturm, Du ſprengſt harte Erden! Du brichſt 
mit der Wucht deiner Sonne in kalte Räume, bis 
ſie lind werden, wie Frauennähe.“ Aber ſein Rock, 
den er über einen Stuhl gehängt hatte, ſchien ſich 
zu füllen. Vor ihm ſteif, gerade, ſaß Hauptmann 
von Werner. Er trat an die Wand zurück und 
ſtarrte ihn an. „Bewege Dich, bewege Dein Herz! 
Mißgönnſt Du mir Frühling und junge Kraft? 


64 


Fühlſt Ou nicht, wie es aufbricht aus allen Schollen? 
Willſt Du über dieſem Drängen immer noch bis 

in den oberſten Haken den Kragen geſchloſſen 
halten? Sieh, wie ſich mein Hals fo frei aus den 
Schultern hebt! Ou vor mir, halte Dein Kinn 
nicht fo ſchrecklich feſt. Weine, ſchluchze, lache ein; 
mal! Ach, es iſt Grund für beides. Wende Deinen 
Blick nicht von Gräbern fort, die ſich füllen für Dich, 
Lächle nicht kühl. Nicht dieſen drohenden Finger! 
Gib uns, uns Deinem Volke, gib Oeine Adler frei, 
die immer noch wie zu Zeiten der Kurfürſten warten. 
Wie verlangend ſieht mich ihr Wahlſpruch an: Auch 
der Sonne nicht wollen wir weichen! So weiche 
Du,“ und er ſprang an den Stuhl und knitterte 
den Rock auf ſein Bett: „Weiche alles jetzt, was 
ſich noch vor unſere Sonne ſtellt! Volk will vor, 
will Wahrheit! Nicht mehr den Stock! Wir lieben 
dich, nicht mehr unter dem Zwange: Du ſollſt! 
Wir vergöttern dich! Brich Tore auf! Die Dämme 
der Vormundſchaft! Wir ſind reif! Würden wir 
ſonſt, Tod vor Augen, Dein neues Oaſein er- 
kämpfen?“ Er beugte ſich wieder tief über den 
Rock. „Auf daß Deine Kraft aufblühe in den 
Völkern, wollen wir ſterben. Gib uns Wahrheit! 
Rede nicht weiter von leichten Triumphen und 
unverwelklichem Lorbeer! Reiß Deinen Mantel 


65 


auf, daß wir das Blut aller Wunden ſehen! Mäch- 
tiger, als Frühling, gären Säfte in Deinem Voll; 
ſchüttle den Froſt ab, ehe Naturgewalten ihn 
ſprengen! Oder, wie glaubſt Du, ſollten wir weiter 
den Ernſt dieſes Krieges begreifen, wenn er 
wirklich ſo leicht wäre, wie man ihn ſchildert! 
Predige es, daß die Zeit vor dem Kriege zufammen- 
geſtürzt iſt. Komm her!“ und er zog feinen Rock 
an und knöpfte ihn über ſtürmendem Atem zu. 
„Fühle es, daß Frühling in Dir jauchzt! Zieh uns, 
die wir einen Meter vor dem Gipfel ſtehen, nicht 
zurück in den Staub vergangener Jahrhunderte. 
Wir wollen aller Höhen Freiheit jetzt genießen!“ 
— Er ſetzte ſich. Sein Kopf war heiß, als er den 
Kragen zuknöpfte, erſchrak er und verſchloß ſein 
Tagebuch. Hillbrand kam herein und überbrachte 
ein Dutzend weißer Armbinden. „Was ſoll's?“ 
fragte Werner, indem er ſich die Leinenſtreifen 
betrachtete. Hillbrand entgegnete, daß ſie ihm 
ein Regimentsſchreiber eingehändigt, wofür, wiſſe 
er ſelber nicht. Der Hauptmann ſchloß die Papp⸗ 
ſchachtel, machte mit Rotſtift ein Fragezeichen dar- 
auf und ſtellte ſie auf den Tiſch: „Nun?“ — „Herr 
Hauptmann?“ „Ich meine, was iſt aus den beiden 
Soldaten geworden?! Der Sergeant ſchwieg, dann 
trat er näher: „Hauptmann, es iſt gut, daß wir 


66 


die Bücher gefunden haben.“ Werner zog ſich den 
Mantel an: „Das verſtehe ich nicht.“ „Dann iſt 
es gut, Hauptmann,“ und Hillbrand atmete auf. 
„Was bedrückt Sie, Freund?“ „Hauptmann, mir 
war es, als ſtünde ein Geheimnis auf dem Spiel, 
als hätten die beiden Soldaten etwas gewußt, das 
verraten werden könnte!“ Werner ſah zur Erde: 
„Verraten, das könnte doch nur von uns aus- 
gehen.“ | 

Hillbrand blieb einen Augenblick hinter der Tür 
ſtehen, die der Hauptmann geſchloſſen. „Was meint 
er damit?“ Er fand keine Ruhe. Seines Freundes 
Clemens Bild trat ihm vor Augen. Durch welche 
Gedankenverbindungen wußte er ſelber nicht. Er 
ſah Clemens grübeln, hörte ihn zweideutige Aus- 
ſprüche tun, die ihm wie Gift durch die Adern 
trieben und in ſein Herz wollten. Darum quälte 
es ihn jetzt mächtig zu ihm hin. Clemens lag auf 
Stroh und las aus der Felddienſtordnung über 
Feuerverteilung und Sturmangriff. Hillbrand 
nahm ihm das Buch fort und ſagte: „Glaubſt Du, 
daß es unter uns Verräter gibt?“ „Verräter?“ 
wiederholte Clemens, „wie meinſt Du das?“ „Freund, 
— unſer Hauptmann “ „wWarſt Du beim 
Werner?“ „Ja,“ und er ergriff Clemens Hand, 
„fühlen wir beide uns frei davon? innerlich frei 


67 


davon?“ Oer Vize verbarg ſich hinter dem Glanz 
der Kerze — „was heißt Verrat?“ — und ſtarrte 
zur Decke. Hillbrand brach in Knie und Beben 
ging durch ſeinen ganzen Leib, als er ausrief: „Ich 
wollte Dir kein Unrecht antun, ganz gewiß nicht, 
keinem auf der ganzen Welt wollte ich das tun!“ 
Minutenlang tlöpften ihre Herzen; dann ſprang 
Clemens hoch: „Geh, geh!“ Doch als der Sergeant 
ihm offenen Geſichtes gegenüber blieb, fiel er ihm 
um den Hals: „Hillbrand!“ Sein Freund packte 
ihn an den Schultern: „Junge, mein alter Junge!“ 
Noch leiſer als zuvor, ſagte Clemens, indem er die 
Oienſtvorſchrift aufhob: „Ich glaube, bald brauchen 
wir das nicht mehr, aber noch heißt es frieren, 
unſäglich frieren.“ — „Das laß nur, wenn mal erſt 
durchſichtige Luft herrſcht, kann Sonne ſchneller 


wärmen.“ 
x 


ls der Trommler aus der Küche des Gaſt⸗ 

hofes kam, war es mondhell. Fortgeſetzt 
ausſpuckend, wiſchte er ſich mit dem Armeltuch 
Blut aus dem Geſicht: „Weiberbande, Weiber- 
bande! Geſchieht mir recht, ganz recht,“ und ſeine 
Fauſt zum Monde hebend, ſtöhnte er: „Schickſal, 
Dir gehöre ich!“ Dann drehte er ſich ſchnell herum 


68 


und ziſchte: „Katze, Katze, verdammtes Katzen- 
geſchlecht! Mir das Geſicht ſo zu zerkratzen, daß 
ich herumlaufe wie ein verprügelter Eſel. O Caeſar 
Schmidt aus Görlitz, wäre ich Dir gefolgt, ſo brauchte 
ich jetzt kein Eſel ſein.“ — Auf einem Schutthaufen 
glänzte der weiße Leib eines Schaukelpferdes; er 
zog es vor und ſetzte ſich breitbeinig — „o Schickſal“ 
— darauf, und wiegte ſich voller Freude über ſeinen 
langen Schatten, der an einer Hauswand hin und 
her pendelte. „Weiß der Kuckuck, ſo wollte ich in 
Verdun einziehen, daß mir alle Weiber nachſähen. 
Den Gaul wollte ich mit den Schenkeln quetſchen, 
bis er meine Verachtung unter ſeinem Schweif 
rauskugelte! Verdammtes Katzengeſchlecht!“ Mit 
geſchloſſenen Augen ſchaukelte er durch geheimſte 
Träume hin und her. Plötzlich ſprang er, heiß vom 
Geſicht ſeiner Zukunft, ab, ſtieß das Holzpferd von 
ſich und blieb mächtig auf der leeren Dorfſtraße 
ſtehen. Als er aber den unendlichen Sternenraum 
über ſich ſah, zog er ſein Taſchentuch und ſchnaubte 
ſich — „weiß der Kuckuck!“ — trompetend die Naſe. 


69 


Schützengraben 


„Ein Holzhaus nach dem anderen fügt ſich 
zuſammen. Schloſſer, Maurer, Bauern, 
Arbeiter, jeder ſtellt ſeine Kraft zur Verfügung. 
Kinderzeiten leben auf. Oft, wenn wir aus 
Nachbarlagern Hammer- und Axteſchlag anderer 
Regimenter hören, geſchieht es, daß wir wie 
auf Verabredung zu klopfen beginnen als wollten 
wir ſagen: ſeht her, wir ſind auch da, wir ſchaffen 
das Gleiche. Es iſt ſchön, daß wir zuſammen 
in Arbeit ſtehen. Gern würde ich Dich durch 
dieſe kleine Holzſtadt führen. Auch über Wege 
brauchteſt Du nicht zu klagen, breite Dämme 
ſind angelegt, die ſumpfige Felder und grundloſe 
Strecken mit benachbarten Wieſen und Anmarſch- 
ſtraßen verbinden...“ Er legte den Bleiſtift hin 
und ſah den Trommler erregt auf dem Knüppel 
damm mit Clemens in das Waldlager kommen. 
„Nein, verſucht mich nicht zu beruhigen, er ſoll mir 
vor die Klinge! Mich zu verhöhnen, daß alle ihre 
Arbeit abbrechen und der ganze Wegebau in Frage 


70 


He ga beendete einen Brief an ſeine Frau: 


geſtellt wird!“ Der Lehrer nahm ihn am Arm, 
aber Preis machte ſich los. „Und wenn er dreißig- 
mal Paſtor iſt! Ich ſpreche mein Gebet ſo gut wie 
irgendein Chriſt!“ — „Wir wiſſen es!“ — „Und 
ſo fleißig wie ein Konſiſtorialrat.“ „Aber man ſoll 
Privatangelegenheit unter das Ganze ſtellen!“ — 
„Privatangelegenheit?“ rief der Trommler, „iſt 
meine Ehre Privatangelegenheit?“ — „Aber Fhre 
Ehre iſt ja gar nicht berührt.“ — „Ha,“ ziſchte Preis 
und trat vor den Kriegsfreiwilligen, der auf einem 
Brett rohes Fleiſch in Portionen hackte und es dem 
Kompagniekoch hinwarf. „Heinz,“ aber Heinz ſah 
und hörte nichts, ſondern ſchlug mit dem Beil in 
das ſaftige, rote Kalb, daß Knochen und Knorpel- 
ſplitter herumſpritzten. „Willſt Du mich anhören?“ 
und er packte ihn am Genick. Heinz ſtellte das Beil 
auf, wiſchte ſich Blut vom Arm und wartete. „Weißt 
Du, was Ehre iſt?“ „Ehre iſt, wenn man... hieß 
es in der Schule,“ antwortete Heinz. „Willſt Du 
mich foppen?“ In dem Augenblick kamen Soldaten 
gelaufen und riefen durcheinander: „Nun, Herr 
Tambour, gebt acht, daß nicht wieder eine Granate 
aus dem Himmel rutſcht und Dein Geſicht zer- 
kratzt. Vorſehen, da läßt ein Spatz was fallen! — 
Geficht weg, es könnte blutige Riſſe geben.“ Preis 
bebte: „Und wenn es das erſtemal wäre in der 


71 


Religion, daß ein preußiſcher Tambour einen Paſtor 
vor die Klinge ruft. Soviel Schmiſſe will ich ihm 
geben als er mir Beleidigungen.“ Hillbrand legte 
einen Stamm auf eine halbfertige Baracke und 
begann ihn feſt zu hämmern. „Bin ich nicht ein 
Mann? Seid Ihr keine Männer? Steht im Fahnen 
eid, daß ich kein Weib anſehen ſoll? Daß mir der 
Leutnant von Amts wegen kommt. Zu Waſſer und 
zu Lande und von der Luft ſteht was drin, von 
einem Frauenzimmer habe ich nichts gehört. Und 
wenn dieſe Riſſe auf meiner Backe von ſolch einem 
Katzenvieh kämen? Bäh! Was glotzt Ihr nun? 
Was dann?“ Als alle vor Lachen johlten, umſchlang 
er ein großes 42 er Geſchoß, das gerade mit anderer 
Munition abgeladen war und wütete: „Wer noch 
ein Wort wagt, dem ſchmeiße ich dieſen Zuckerhut 
an den Schädel, und weiß der Kuckuck, ich will jetzt 
meine Forderung ſchicken. Laßt mir meine Ruhe, 
ich will meine Ehre, mein Schickſal vor der ganzen 
Welt ſäubern.“ — Hillbrand hörte mit Hämmern 
auf und ſagte: „Ausgeſchloſſen, Ou erreichſt nichts. 
Ehre iſt Ehre, und Gehorſam Gehorſam. Wieviel 
Gehalt kriegſt Du? 17 Mark 40, und Du willſt eine 
Forderung ſchicken?“ Als alle den Trommler er- 
wartungsvoll anſahen, mußte er herausplatzen und 
drehte ſich raſch um: „Kinders, Ihr könnt mir 


7% 


alle...“ Oann riß er dem Kriegsfreiwilligen das 
Beil weg: „Eine Wut habe ich, eine Wut! Jetzt 
will ich Haſchee machen,“ und ſchlug in die Portionen 
hinein. Der Vikar kam aus Werners Zimmer und 
befahl: „Die Kompagnie zum Appell antreten!“ 
Dann ſchlug er dem Trommler auf die Schulter. 
„In Ordnung?“ Preis legte das Beil hin und 
murmelte, während er das Fleiſch knetete: „Ich 
will keine Unordnung ſchaffen.“ — „Alſo in Ord- 
nung?“ — „Wie man's nimmt, Herr Leutnant.“ — 
„Dann lauf, fie ſchweißen noch! Daß es der Haupt- 
mann nicht ſieht!“ Während Preis dem Kompagnie 
koch Fips das Hackfleiſch in den Keſſel warf, fluchte 
er: „Weiß der Kuckuck, dieſes Katzenvieh,“ und ging 
zum Appell. Fips fiſchte das Fleiſch ärgerlich aus 
der Suppe: „Muß fo ein Trommler immer General- 
marſch hacken? Will ihm daraus einen falſchen 
Haſen formen, nach dem er Durſt kriegt.“ 
* 
jene beobachtete durch ein kleines Fenſter, 


wie ſich die Kompagnie verſammelte. 
Weiße Armbinden wurden ausgeteilt. Die Zug- 


führer meldeten. Der Vikar ließ Richtung nehmen 


und dann wartete man. — „Was ſoll ich ſagen? 


Soll ich ſie betrügen und noch nicht nennen, worum 


73 


« 


es ſich handelt?“ Während er Generalſtabskarten 
faltete, ſchaute er auf ſeine Mannſchaft. „Was geht 
Euch die große Lage an? Was Ihr wiſſen müßt, 
hat damit nichts zu ſchaffen. Sterben ſollt Ihr! 
Euer Blut hergeben, dieſes Blut, das uns die Adern 
erwärmt. Sterben ſollen wir! — Dieſes Urteil 
habe ich euch jetzt zu verkünden. Es iſt nicht leicht, 
ſo vielen friſchen Jungens zu befehlen: ſterbt! 
Wofür 2 werdet Ihr fragen. Was ſoll ich antworten? 
Soll ich wie ein Feldherr behaupten: Verdun hielte 
eurem jungen Blute die Wage? Ein Stück Land, 


eine Feſtung! Wer wollte das beſchwören! Nein, 


laßt uns ehrlich miteinander ſein. Uns geht kein 
Kartenplan etwas an, kein Blau und Rot. Unſere 
Aufgabe iſt ſimpel. Sehr ſimpel. Sie Euch aus- 
einanderzuſetzen, das würgt mir die Kehle. Sturm- 
truppe! Noch reden darüber? Sturmtruppe!“ Er 
ſchnallte ſich den Leibriemen um und ging zur Tür. 
„Handle ich recht? Wäre nicht vielen unter euch 
mehr gedient, wenn ich das letzte unausgeſprochen 
ließe? Iſt es nicht früh genug, wenn Tod es euch 


ſagt?“ Als er herauskam, ließ er die Kompagnie. 


im Halbkreis um ſich treten. „Jungens, ich will 
keine lange Rede halten. Wenn uns jemand den 
Hals abſchnürt, daß wir keine Luft mehr bekommen, 
ſo wehren wir uns, denn Luft braucht der Menſch 


74 


zum Atmen. Luft braucht auch ein Volk, um leben 
zu können. Was ich meine, wißt Ihr's?“ Treue 
Augen hingen fragend, wiſſend, ahnend an ſeinen 
Lippen. Werner ſenkte die Stirn und er kam ſich 
jämmerlich vor. Plötzlich warf er den Kopf hoch 
und ſtraffte ſich „Männer, wir greifen an!“ Wie 
ein Schuß klang der Satz über die Köpfe. „Und 
was?“ Eiſiges Schweigen. Aug in Aug blieb der 
Hauptmann mit ſeiner Kompagnie. „Was euch 
bewegt, fühle ich. Sturmkompagnie! Wollen. wir 
unſere Waffen führen?“ — Ein „Ja“ des Trommlers 
flog auf; ein zweites folgte und ein drittes und bald 
rief die ganze Kompagnie, daß es durch Bäume 
drang: „Das wollen wir!“ — Werners Herz klopfte 
ſo, daß er unvermittelt „wegtreten“ kommandierte 
und in ſein Zimmer zurücklief. Immer noch ſtand 
die Kompagnie da. Schließlich befahl der Vikar 
nochmals „wegtreten“. Die Soldaten gingen aus- 
einander. 

Fips war bei der Feldküche eingeſchlafen. Der 
Kriegsfreiwillige rüttelte ihn wach. „Weißt Du's?“ 
„Was?“ „Es geht los!“ — „Willſt Du eine geſegnete 
Klinge führen?“ fragte der Trommler und wetzte 
das Fleiſchmeſſer am Beil: „Weiß der Kuckuck, 
Fips, wenn wir Verdun ebenſo zerlegten wie Du 
Deinen Ochſen, und die Sperrwälder abſchneiden 


75 


wie Ou den Kohl, wo alle zwei Zentimeter eine 
Schnecke halbiert liegt, dann wäre die Suppe bald 
fertig.“ „Ja, angreifen,“ ſagte ein anderer, indem 
er aus ſeinem Bruſtbeutel Scheine und Geld heraus- 
nahm, „das heißt Abrechnung halten, oder was 
ſollen wir im Grabe mit dem Zeug? Fort damit!“ 
„Eingekauft wird heute, als wären wir der Kaiſer!“ 
riefen alle und ſtürzten mit Gebrüll in die Marke- 
tenderei hinüber und plünderten Vorräte. Beladen 
mit .Apfelfinen, Zigarren, Bier und Wurſt jeder 
Art, balancierten ſie wieder zurück. Preis, der ſich 
gerade raſieren ließ, weil er den Angriff als prop⸗ 
perer Menſch feiern wollte, ſagte, während der 
Barbier ihn an der Naſe feſthielt, mit verſtopfter 
Stimme zu Clemens, der zum Fenſter hereinſchaute: 
„Profeſſor, genehmigen Sie mit uns einen Ab- 
ſchiedstrunk? Wir find guter Laune.“ Indem er 
ſich den Seifenſchaum abſpülte, machte er dem 
Lehrer Platz, „ſo billig lebt man nicht wieder,“ und 
ſchenkte ein; „das ſchreiben wir alles Verdun auf 
die Rechnung. Mein Gott, wenn mir das an der 
Wiege geſagt wäre, daß ich in der Sturmtruppe 
enden ſollte, ich glaube, mir wäre der Atem aus- 
gegangen oder der Amme vor Schreck die Milch 
ſauer geworden.“ Hillbrand, der es mitangehört 
hatte, beugte ſich in das Fenſter: „Sturmtruppe, 


70 


brauft das nicht wie Waldnatur?“ — Oer Frei- 
willige, der eine flügellahme Meiſe in ſeinen Händen 
erwärmte, ſchimpfte, als Hillbrand das Fenſter zu⸗ 
warf und davonging, „hätte man mir das ſchon in 
der Sexta geſagt, dann hätte ich kein Latein mehr 
gelernt.“ Aber Preis, deſſen Narben nach dem 
Rafieren friſch bluteten, tupfte fie unter Gelächter 
ab und beugte ſich zum Freiwilligen: „Ach was, 
Latein! Danke Du Gott vor allem, daß Dir die 
Weiber erſpart bleiben! Sie ziehen uns von hohen 
Gedanken ab! Vor das Schickſal ſtellen ſie ſich! 
Mir rannten fie nach an alle zehn Finger! Ich 
hatte Mühe, ſie abzuſchütteln, aber ich ſagte mir: 
ein Mann, der das Schickſal nicht kennt, iſt ein 
Stiefelknecht.“ Während er ſich eine echte Zigarre 
anzündete und ihre Bauchbinde als Ring an den 
Finger ſteckte, fuhr er fort: „Jawohl, ein Stiefel“ 
knecht, auf dem andere ſich die Beine frei machen.“ 
Er ließ ſeine Lippen in Bierſchaum ſpielen: „Ach 
Jungens, trinken wir doch mal einen Schluck auf 
die Möglichkeit.“ Als die anderen ihn erſtaunt an- 
ſahen, rief er lachend: „Jawohl, auf die Möglich- 
keit!“ . Und während er das Glas wieder vollſchenkte, 
ſchaute er in die Luft, als ſähe er ſeiner Braut in 
die Augen. Dann ſchnitt er, aus dem Stiefelſchaft 
ein Meſſer holend, ein großes eiſernes Kreuz aus 


77 


einem Stück Papier aus. An einem Faden be- 
feſtigte er es dergeſtalt an der Dede, daß es, vom 
Licht bewegt, über ihren Häuptern ſchwebte. 
„Können wir nicht plötzlich berühmt ſein; über 
Nacht?“ fragte er. „Heute noch Preis, ein Name, 
ein Oreck! Morgen aber, da bedeutet Preis ſoviel 
wie: Hut ab, Du Lümmel, oder: ſeht her, die 
Tapferkeit, oder: will man für Verdun einen 
höheren Ausdruck finden, ſo ſagt man: Preis.“ 
Alle lachten. „Möglichkeiten,“ rief er, „gibt es mehr, 
als wir Haare auf den Zähnen haben! Mehr als 
Perlen um einen Weiberhals reihen ſich Forts rund 
um Verdun. Und jedes iſt einen Pour le mérite 
wert. Brüder, es lebe die Möglichkeit! Und da 
ſind genug für uns alle. Nimmſt Du den Douau⸗- 
mont,“ und er ſchlug dem Clemens die Schenkel, 
„ſo nehme ich das Fort Vaux!“ und auf die anderen 
deutend, verteilte er mit leutſeliger Geſte die Forts 
Souville, Vacherauville, Marre, Bourrus und Belle 
Epine. Die Karte, von der er die Namen abgeleſen, 
fortwerfend, fragte er: „Oder wäre hier auf unſeren 
Brüſten kein Platz mehr? Tummelt Euch! Noch- 
mals, jedes Fort bleibt einen Pour le mérite wert; 
und ich ſage Euch, wenn wir in vierzehn Tagen 
nicht alle dieſe Namen auf unſerer Kriegsſpange 
tragen, dann mögt Ihr mir mein Eiſernes Kreuz 


78 


nehmen.“ Als die anderen entgegneten, daß er 
noch gar keins beſäße, reckte er ſich: „Genügt es 
nicht, wenn ich es in meinem Geiſte längſt ſchon 
beſitze? Und ich denke, ſo gut wie der erſtbeſte Haſe 
werde ich es auch noch tragen dürfen!“ Ein Artil- 
leriſt, der von anderen aus der Marketenderei mit- 
gebracht war, ſetzte ſein Bierglas hin: „In acht 
Tagen haben wir Verdun!“ „Dagegen wette ich,“ 
rief ein anderer. „Zwei Monate,“ warf Clemens 
dazwiſchen. „Zwei Monate?“ und der Artilleriſt 
ließ ein paar kräftige Winde gehen, „was? Wenn 
wir reinſchießen, zwei Monate? Jungens, Ihr 
habt Euren Kopf wohl noch unter keinem Zwei⸗ 
undvierziger gehabt. Das ganze Neſt iſt ein 
Trümmerhaufen nach acht Tagen!“ „Wenn das 
wahr wäre,“ entgegnete der Trommler, „dann 
wollte ich mich mein Lebtag nicht mehr jucken!“ 
„Und ich wiederhole,“ ſagte der Artilleriſt, „wenn 
Ihr nach acht Tagen nicht im Parademarſch nach 
Verdun reinmarſchiert, dann ift die ganze In- 
fanterie keine Kartoffel wert.“ „Was!“ ſchrie jetzt 
der Trommler, indem er dem Artilleriſten das Bier 
vom Munde fortſchlug, „was tuſt Du denn anderes 
als den Strick abreißen? Gehört da Schmiß dazu? 
Das übte ich ſchon an Schaukeln, auf denen ge- 
blümte Kleidchen ſaßen, als ich noch kurze Hoſen 


79 


trug.“ — „Hit es ein Kunſtſtück, vorzugehen, wenn 
es nicht mehr ſchießt?“ ziſchte der Artilleriſt. Der 
Trommler leerte ſein zehntes Glas Bier und lallte: 
„So möchte ich doch, daß Dir alle Rohre krepieren, 
wenn Du ſo ſtolz biſt!“ „Nicht ich, ſondern Du 
haſt den Größenwahn,“ und der Artilleriſt deutete 
auf das Eiſerne Kreuz, „oder hört man Oich, wenn 
Du trommelſt, wie unſereins bis nach Metz und 
nach Frankfurt hin, daß die Bürger erſchreckt auf 
ihre Balkone treten und ſich einander gegruſelt 
ſagen: Das iſt der Krieg, wir haben den Krieg 
ſoeben gehört!“ Der Trommler drehte ihm den 
Rücken: „Nun wollte ich wirklich, daß ich Verdun 
hieße und mein Name in aller Munde wäre, nur 
um Dir eine Naſe zu drehen!“ Einige Minuten 
hörte man Gluckſen und Schlucken von Biertrinten, 
dann nahm der Freiwillige, nachdem er die Meiſe 
in einem Zigarrenkaſten gebettet hatte, aus Seiden 
papier die weiße Armbinde heraus und befeſtigte 
ſie ſich am Arme. Seinem Beiſpiel folgten alle 
bis auf einen, der ſie — „nein, das ſieht mir zu 
geſpenſterhaft aus“ — wieder fortlegte. „Wir 
glauben an keine Geſpenſter,“ riefen die anderen. 
Nachdem der Freiwillige jedem ein Stück Brot, 
das ihm ſeine Mutter gebacken, zugeſteckt hatte, 
fragte er: „Aber den Tod, den gibt es?“ Ein 


8⁰ | “= 


- anderer, der ein kleines Blechſtück blank putzte, 
antwortete: „Ich ſcheure mir ja ſchon meine Er- 
kennungsmarke, muß doch im Maſſengrab wiſſen, 
wer ich bin.“ Da keiner lachte, nahm er fein Glas: 
„Na, dann Proſt! Ihr Leichen!“ Der Trommler 
wehrte ab. „Ich für meine Perſon gedenke nicht 
eher zu ſterben, als bis ich zu leben aufhöre.“ Er 
ſtreichelte ſeine Armbinde und ſtreckte ſich — „nun 
habe ich doch auch etwas beſonderes, wie der Pionier 
ſeinen Totenſchädel“ — auf einem Bettſack aus. 
Das gleiche taten die übrigen. Von Nachbar⸗ 
baracken klang Geſang: „Haltet aus, haltet aus 
im Sturmgebraus, laſſet hoch das Banner wehn.“ 
— „Na, denn Proſt! Wenn ich nur wüßte, woher 
ich den Durſt habe. Ich könnte das Meer aus- 
ſaufen!“ Als niemand antwortete, drehte ſich der 
Trommler zur Seite und liebäugelte mit dem 
Papierkreuz, dann ſchlief er ein. Die anderen auch. 
Dem Freiwilligen war es, während das Papier- 
kreuz über dem Bierdunſt leuchtend ſtand, als würde 
es ein Stern, ein warmes Licht, ein glänzendes 
Auge. Er faltete die Hände und i „Gute 
Nacht, Mutter.“ 


81 


lemens, der ſich während des Geſpräches 

immer mehr in eine Ecke zurückgezogen hatte, 
machte Licht und ging hinaus. Gedanken ſchlichen 
neben ihm her, wie Nachtſchatten; er ſuchte ſeinen 
Freund, um in ſeiner Nähe ihnen Stirne bieten 
zu können. Hillbrand lag breit auf dem Rüden. 
Die Arme hatte er von ſich geſtreckt, die Beine an- 
gezogen. Er ſchnarchte aus zurückgebogenem Kopf. 
Dem furchtbaren Sägen der Lunge horchte der 
Vize zu. War das ſein Freund? Fremde Macht 
erſchütterte den gewaltigen Körper. Seine Ge- 
danken aber: Vaterland, Weib, Kaiſertum und 
Weltkrieg waren ſtill, wie einſt der Erzprieſter in 
der Kapelle zu Marville. Odem, jene umfaßliche 
Kraft, wehte aus ſeines Freundes Bruſt, ſie zu 
raſtloſem Lebensverbrauch zwingend. Menſchheit 
tauchte wieder vor ihm auf, am hellen Tage Reiche 
gründend, angreifend und verteidigend; in der 
Nacht aber hingeworfen, rücklings. Auf den Fuß- 
ſpitzen ging er fort. Als er am Ende der Baracken 
angekommen war, brach ein Zweig des Knüppel- 
dammes. Dieſes Geräuſch erſchreckte ihn, als wäre 
er auf verbotenem Wege. Herzklopfend hörte er, 
ob Poſten in der Nähe. Wie Wellen gegen Schiffs- 
planken, ſo ſchlug der atmende Schlaf der Kom- 
pagnie gegen die Holzwände des Lagers. Stiller 


82 . 


Mondglanz hielt den hohen Wald gleichſam gütig 
an ſeiner Bruſt. Clemens lehnte an einem Stamm, 
„und morgen?“ flüſterte er, und hieb mit einem 
Stock gegen feinen Stiefelabſatz: „Wie man ein 
Rebhuhn köpft! Morgen nacht, oder in zwei Tagen, 
wohin iſt dann der Schlaf, der Atem all der Kame- 
raden? Dann ſind die Baracken ſtill, ſehr ſtill.“ 
In das Gezweige ſah er hinauf: „Und Du, Du 
lebſt weiter, Du holde Knoſpe,“ er bog ſie zu ſich, 
„Dir gönnt man Ruhe, Oich zu entwickeln, Du wirft 
Deine Blättchen treiben dürfen, wirſt in weicher, 
blauer Mailuft glänzen, und aller Sommerblumen 
Duft ſteigt zu Dir auf! Sturmtruppe! Zeder 
Gedanke erweckt den fürchterlichen Klang.“ Als 
dumpfes Brauſen durch die Kronen der Bäume 
ging, fröſtelte er. Im Begriff, in ſein Zimmer zu 
gehen, blieb er wieder ſtehen. Weiße Schnittflächen 
des Holzes ſahen ihn an. Wie Köpfe der Schädel- 
kammer fügten ſich Barackenwände, Fleiſch und 
Haare bildend, zuſammen. Näher kamen ſie, glas- 
grün und zerbrechlich, man konnte die Bäume durch 
ihre Geſtalten ſehen. Arme hoben ſie gegen ihn 
auf, es wurde ein Volk, es wurde die Welt! Und 
dann blieb eine Frage ſtecken; fie ſollte ausge; 
ſprochen werden, preßte aber alpſchwer hinter des 
Lehrers ſtöhnender Bruſt. Lippen verſagten und 


83 


fein Ohr vernahm hölliſche Dinge der Nacht. — 
Werner kam über den Knüppeldamm heran. 
Clemens ſchrak bei des Hauptmanns Anrede zu- 
ſammen. „Ich komme vom Kommandierenden! 
Was ich da erfahren habe! — Es ſteht viel auf dem 
Spiel, ſehr viel! Die Probe aufs Exempel!“ „Auf 
welches Exempel?“ fragte Clemens, aber Werner 
überhörte ihn. „Angeſetzt ſind drei Korps; unſeres 
in der Mitte. — Den Caureswald ſollen wir ſtürmen 
bis Beaumont und 344. Oer Generalſtab glaubt, 
wenn wir dieſe Linie und den Thiaumont-Rücken 
erreicht hätten, fo wäre Verdun als Feſtung er- 
ledigt. Faſt drei Millionen Schuß ſtehen bereit 
und dann am 13., früh 11 Uhr, — dann ſoll's los- 
gehen! Ehern iſt das Vertrauen, vom Chef des 
Feldheeres bis zur Diviſion! Zweifel, daß es nicht 
glücken könnte, gibt es nicht. Rückſichtsloſigkeit allen 
Einwänden gegenüber! ſagte der General. Das 
iſt es! Und gäbe es nicht tauſend, bei einem Angriff 
auf Verdun?“ — Er hieb durch die Luft. „Aber 
da heißt es: Fort, abtreten und heran alle, die 
Glauben haben! Nur damit iſt in der Welt etwas 
anzufangen. Den Sturm einer Viſion haben viele, 
Gedanken, ihn zu begreifen, manche. Ihn zuge 
ſtalten, dazu gehört Mut! „Unſere eigenwillige 
Wucht,“ meinte der General. Clemens, der bis 


8⁴ 


* 


jetzt geſchwiegen hatte, fragte plötzlich: „Herr 
Hauptmann, und was wollen wir?“ Werner ſah 
ihn an: „Der Frühjahrsoffenſive zuvorkommen, 
das wollen wir! Aber kommen Sie, ich muß meinen 
Fuchs in den Stall bringen und will den Burſchen 

nicht wecken.“ Beide holten das Pferd. — „Morgen 
iſt alſo Sturm?“ — „Nein, morgen ſchießt ſich erſt 
Artillerie ein,“ — Werner lockerte die Sattelgurte — 
„Sturm iſt übermorgen.“ Während er den Kopf 
gegen dus Leder ſtemmte, zog er den letzten Riemen 
mit den Zähnen heraus und wiederholte: „Über- 
morgen!“ Clemens bog dem miſtenden Pferde aus, 
„es reißt einem das Herz entzwei.“ „Was?“ und 
Werner hob den Sattel ab und legte ihn auf eine 
Kiſte; während er den Rückenſchweiß des Pferdes 
mit Stroh abrieb, ſagte er: „Ja, aber es hilft doch 
nichts!“ Dem Pferdekopf, der ihn beißen wollte, 
wehrte er. Clemens ſah durch die Stalltüre in die 
Nacht. „Wäre Verdun ein Verſprechen!“ „Was 
für ein Verſprechen?“ fragte Werner und ſetzte ſich, 
dem Pferde Futter zuſchiebend, in die Krippe. Des 
Lehrers Augen brannten: „Daß wir der Menfch- 
heit den Halsring abreißen!“ „Krieg? Meinen 
Sie das?“ — „Ja!“ Aber Werner ſchüttelte den 
Kopf. „Solange wir Menſchen ſind, nie!“ Clemens 
wiederholte: „Nie?“ und ließ den Kopf ſinken, 


8⁵ 


2 


dann krampfte er die Finger; „nie, Hauptmann? 
Aber irgendwoher muß doch Erlöſung kommen!“ 
„Freund, weichen wir nicht vom Wege, das iſt 
gefährlich; geben wir uns dem Geſetze der Natur 
hin. Sie könnte nicht in und um uns wirken, daß 
ſich jede Kreatur ihr unterwirft, wenn nicht Pflicht 
eine gottgewollte Forderung wäre.“ „Pflicht!“ 
antwortete Clemens erregt, „wahrlich der Name 
iſt groß und ſchlägt jede eigene Regung um. Aber 
was hinter ihr ſteht, das wurde klein! Daß pünktlich 
die Züge fahren, daß wir ſchnauzen, wie ein General 
und unſere Seele abtöten, — das nennt ſich heute 
die Pflicht! Der Krebs am Herzen des Volkes iſt 
ſie! Sie trägt eine Pickelhaube, nicht unſere Liebe! 
Ja, umfaßte Pflicht noch wie einſt Himmel und 
Wahrheit.. Der Hauptmann hob die Laterne 
vom Stroh und ſagte faſt befehlend: „Gehen wir, 
gehen wir.“ Aber Clemens trat vor die Tür und 
ſeine Stimme füllte ſich mit geheimer Macht: 
„Verträgt unſer Herz nur Hergebrachtes, daß wir 
ängſtlich werden, ſobald wir den Atem der Schöp- 
fung fühlen? Hauptmann, ſind wir unwert, nach 
Klarheit zu ringen, ehe wir in das Jenſeits gehen? 
Sollen wir Sklaven bleiben immer und ewig? 
Schreitet Seele nicht vorwärts durch die Jahr- 
hunderte? Sollen uns Skelette beherrſchen? Ent- 


86 


— 


wurzeln wir nicht Bäume, in denen die Maden 
niſten, und dürften nicht Grenzen abſchütteln, die 
uns beengen? Glaubt Ihr, die Jugend da vorne 
ſtürbe umſonſt? Ihr heller Geiſt blute für Länder- 
erwerb? Ahnt Ihr nicht endlich, daß wir in heilige 
Gemeinſchaft ſterben? In des Geiſtes, in eines 
Volkes ernſte Verbrüderung? Was kümmern uns 
Feſtungen oder Länder! Und wurde Welt faul, 
vergiftet, daß Eiter an ihrer Seele frißt, ſo ſei ſie 
verbrannt! Ach will der erſte fein, der in dieſes 
Neſt der Auszehrung Fackeln wirft! Leib werde 
wieder der Seele Tempel! Wäre Verdun dies 
Verſprechen, dann ſoll jeder Zoll hinfort bewaffnet 
gehen! Rückſicht falle! Denn ich erahne ein Kraft- 
geſchlecht! Wie ich, fühlt heute jeder! Noch ſchweigt 
es; aber einmal wird es nicht mehr zu dämmen 
ſein! Lachen Sie nur! Gerichtstag naht! Ach, 
Erdenvölker, geht es nicht um das Licht Eures 
Geiſtes, — dann wurde alles Pulver umſonſt ver- 
ſchoſſen!“ Daß Werner in ſeinem Schatten ganz 
zuſammengeſunken war, ſah er nicht; die Hand 
drohend gereckt rief er in die Nacht: „Wehe, wer 
uns den Weg vertritt!“ — Als der Hauptmann 
aufblickte, war Clemens fort. In die flackernde 
Kerze ſchauend, ſtreichelte er über das ſchnuppernde 
Pferdemaul und wiederholte: „Ja, jeder fühlt es! 


87 


Wer erklärt dieſen Drang durch die Menſchen- 
geſchlechter? Auflodern, bis Schlacken des Wahn 
ſinns von Europa fallen! — Verdun!“ Und er 
hob die Laterne dieſem Geheimnis der Zukunft 
entgegen. „Jeder fühlt es!“ Er ging aus dem 
Stall: „Jeder?“ — Es begann langſam zu ſchneien. 


* 


euchte Finſternis war unter Bäumen, als die 

Kompagnie frühmorgens aus den Baracken 
trat. Frrlichtern gleich flogen Flämmchen aus 
Taſchenlaternen zwiſchen der ſich verſammelnden 
Mannſchaft herum. Werner band ſich ſeines Sturm- 
helmes Kopfleder enger und ſtülpte ihn auf. Des 
Helmes matter Eiſenſchimmer ſtand über ſchatten⸗ 
dunklem Kopf. Der Hauptmann kommandierte: 
„Laden!“ Einziger Metallſchlag riß Gewehr- 
kammern auf. Das Einführen der Patronenſtreifen 
klang hart in den Morgen. Hinter das aufgepeitſchte 
Blut der Kompagnie warf Gewehrkammer- 
ſchließen dröhnenden Punkt. Die Front der 
Sturmtruppe ging Werner langſam ab. Ernſt im 
Anblick ſolcher Männerwand, erhob er die Hand 
und grüßte. Den Trommler rief er an ſeine Seite. 
Als ſein Fehlen bemerkt wurde, ſchickte er nach ihm 
— Preis aber ſaß hinter einem Baum und ſtieß 


88 


Verwünſchungen aus: „Das verfluchte Bier! Es 
hat einen Sturm in meinen Gedärmen erregt, es 
macht mir den Hinterkopf kalt und krampft mir die 
Schenkel zuſammen!“ Dem Freiwilligen, der ihn 
eindringlichſt aufforderte, ſich zur Stelle zu melden, 
da die Kompagnie jeden Augenblick abrüde, gab 
er mit geſchloſſenen Augen zur Antwort: „Wenn 
ich das Bier nicht getrunken hätte, Bengelchen, 
dieſes Bitterwaſſer! Dieſer Betrug von einem Bier! 
Zu ſolch unmäßigem Trunk hat mich die Artillerie 
verleitet! Dieſer Pulverkopf hat mir über Nacht 
ſeine ganze Munition in den Magen gehext.“ Und 
als Heinz noch immer wartend vor ihm ſtand, ſchrie 
er ihn an: „Schafft mehr Batterien, das ich ab- 
protzen kann!“ Oer Freiwillige eilte zurück. Hinter 
ihm her, unter Verſuchen, ſich aufzurichten, rief 
der Trommler: „Läßt Ou mich hier, Bengelchen, 
habe Geduld! Alles Ding will ausreifen!“ Als 
der Freiwillige ihm aber aus den Augen kam, knickte 
er wieder zuſammen: „Willſt Du Dich zwiſchen 
mein Schickſal ſtellen? O, ich dachte, mein Herz 
ſollte gar bald zu Oir, o Schickſal, aufſteigen, und 
nun fällt es nach unten und hält mich im Staube 
feſt! O, mein Schickſal! O, Cäſar Schmidt aus 
Görlitz, ſende mir Deinen Humor, in mir rumort 
es wie eine Tragödie.“ Und er ſchloß wieder die 


89 


Augen. — Der Hauptmann ftieg zu Pferde und 
führte die Kompagnie aus dem Lager heraus. 

Dem Graben entgegen. Einen Augenblick ſchlug 
durch die Mannſchaft ein Zögern, daß über manchen 
Männerrüden eine Gänſehaut rieſelte, dem Schau- 
der in Baumkronen vor dem Herbſtwind ähnlich. 
Aber dann wurde friſch angetreten. 

An einer Kleinbahn kamen ſie vorbei, aus der 
Schipper Steinſchotter in Laſtautomobile umluden. 
Werner, der etwas vorgetrabt war, mußte ſein 
Pferd bändigen, das vor dem trommelnden Lärm 
der Steinmaſſen vom Wege ſchreckte. „Srommel- 
feuer,“ und er nahm ſeine Zähne zuſammen. Wind 
wirbelte ihnen Schneeflocken entgegen. Ordnung 
in Gruppen ging bald verloren. Einige fielen in 
Löcher, andere ſtolperten über ſie dahin. Sehr 
bald mußten ſich die Soldaten Mann für Mann 
durch den Schlamm vorarbeiten. Sie waren bald 
nah am Feinde. Hinter Laubwänden, ſogenannten 
Masken, rückten ſie vorwärts in ſtummer Wucht. 

Preis, der auf Befehl des Hauptmanns mit den 
Feldküchen nachfahren ſollte, ſagte, indem er ſich 
an den Keſſel ſetzte: „So wünſchte ich doch allen 
Armeen der Erde dieſen Tumult in den Leib, der 
mich zu einem Wiſchlappen macht, nur brauchbar, 
alle fünf Minuten ausgerungen zu werden! Wer 


90 


nähme dann noch Gewehre zur Hand, wenn er 
geduckt gehen müßte wie ich! Wer wollte Befehle 
erteilen, wenn ihm wie mir das Gehirn im Rücken 
ſäße? O du Trommel, du Trommelfell, du In- 
ſtrument aus Gedärmen, ſollte es Rache ſein, daß 
ich ſo tauſendfach auf dir herumgeſchlagen habe? 
Wüteſt du nun auf meinen Därmen?“ Den Koch, 
der ſich ſoeben Sporen anſchnallte, fragte er: 
„Willſt Du reiten, mein Junge?“ Über die Achſel 
ſah ihn Fips an; „was befohlen wird, wird gemacht, 
aber daß ich Dich an meinem Eßkeſſel mitſchleppen 
muß, ich, als Koch des Königs von Griechenland, 
dieſe Zumutung iſt wohl ſporenwert, wenn einem 
die Haare auf den Zähnen nichts mehr nützen. 
Sporen, verſtehſt Du, auf daß Du meine Ab- 
ſtammung nicht vergeſſen mögeſt, trotzdem ich den 
Kohl in die Suppe ſchneide.“ Als die Pferde an- 
zogen, ſprang er vor den Keſſel neben den Kutſcher 
und befahl: „Rücke vom Eſſen fort, Trommler, 
oder ſtatte uns mit Gasmasken aus!“ Preis ſaß 
bei der dampfenden Suppe und ſeufzte: „O Du 
Koch vom König von Griechenland, Du Herr über 
die Gedärme der Könige, mißgönnſt Du mir das 
bißchen Feuer? Ach, wohin entweicht mein Haß, 
den Du noch ſo reichlich ſpritzen kannſt, wohin? 
O Fips, mir iſt's, als ſollte ich England gebären. 


91 


— 


Glaubſt Du, der Kaiſer von China könnte bei der 
Macht feines chineſiſchen Reiches auch ſolchen Leib- 
jammer haben?“ An den Feldküchen vorüber 
trabte Artillerie. Der Kanonier letzter Nacht er⸗ 
kannte den Trommler. „Durchfall,“ rief Preis. 
„Ja, Durchhalten!“ lachte der Kanonier; aber ehe 
der Trommler eine Antwort fand, war die Batterie 
abgebogen hinter den Morimont, einen Berg, von 
dem aus ein Artilleriegeneral das Einſchießen und 
Wirkungsſchießen der Geſchütze leitete. „Ich 
wünſchte, ich wäre ein Kanonier und brauchte nicht 
weiter vor. O, Du Koch, was gäbe ich drum, ich 
könnte mein Fähnchen hier flattern laſſen wie der 
General dort am Berge und die Schlacht donnern 
laſſen.“ Die Feldküchen hielten plötzlich an. ks 
hieß, weiter dürften ſie nicht vor; maskengeſchützt 
mußten fie ſtehen bleiben. „Und ich?“ „Mach Ou, 
daß Du Dein Loch findeſt, wo Du hingehörſt,“ 
antwortete der Koch. „So ſchaffe mir einen Stöpſel; 
einen Stöpſel, Fips, ich kann ja nicht vom Wagen 
herunter.“ Der Koch entgegnete, während er den 
Keſſel aufſchraubte, ſo daß heiße Dampfwolken 
herausziſchten: „Wirſt Du mich nochmals ver- 
höhnen, wenn ich Kartoffeln ſchäle?“ „Nein!“ 
„Wirſt Du mir nochmals Deine weißen Raupen- 
neſter unter die Naſe halten, wenn ich für Euch 


92 


einen Ochſen zerlege? “ — „Nein! Nein!“ Und er 
beugte ſich mit ſeinem Oberkörper gegen die 
Schenkel: „Nein, Fips, und wenn ich ſolches jemals 
wieder täte, jo dürfteſt Du mich einen Engländer 
nennen! Fips, Du Königskoch, beſänftige meinen 
Magen.“ — Der Koch holte eine Flaſche Kognak 
heraus und ſchenkte ſie, — „das alte Lied, Not lehrt 
beten“ — dem Trommler; dann führte er die Pferde, 
unter denen ſich ein See gebildet hatte, etwas auf 
den Acker hinauf. 

Der Freiwillige war zurückgeſchickt, um den 
Trommler zu holen. „Veeilen wir uns,“ bedrängte 
er Preis. „Sobald es tagt, ſind die Wege von den 
Franzoſen eingeſehen. Noch iſt es mäuschenſtill. 
Keiner hat geſchoſſen.“ „Nun, das iſt eine glatte 


Lüge, wenn Du ſagſt, keiner hätte geſchoſſen! Ach, 


laſſe Gott noch Finſternis fein.“ Damit ſtieg er 
mühſam von der Feldküche und folgte Heinz. Bald 
kamen fie in jene ſeltſame Luft, die er vom Schüßen- 
grabenkrieg her kannte. Geſpräche wurden halblaut; 
die Möglichkeit, jeden Augenblick beſchoſſen zu 
werden, ſchuf ſeltſame Augen. „Sage mir,“ fragte 
er Heinz, „glaubſt Ou, daß Verdun ein Ort von 
Kultur iſt?“ „Von hoher!“ „So wollte ich, ich 
ſäße ſchon dort im Frieden bei meinen Geſchäften.“ 
Indem er dies ſagte, zwang Natur ihn wieder zur 


93 


Erde. Ungeduldig zum Horizonte ſchauend, wartete 
der Freiwillige: „Gleich wird es Tag!“ — Entſetzt 
ſtarrte der Trommler in den fahlen Lichtſtreifen, 
der immer mehr aus der Nacht herausarbeitete: 
„Ach,“ und er ſah zum Freiwilligen auf, „daß ich 
doch eine Meiſe wäre, und keinen größeren Magen 
hätte als ſie! O Bengelchen, wie ſieht mir doch 
die ganze Welt heute ſo anders aus.“ 


* 


Au einem Feldbette in der Kirche von Merles 
erwachte der Kellner. Dem Arzt und ſeiner 
Begleitung ſah er nach, der ſich, von Bett zu Bett 
gehend, davon überzeugte, ob die als Lazarett ein- 
gerichtete Kirche zur Aufnahme von Verwundeten 
fertig ſei. Mit einem Generalſtabsoffizier, der her- 
zukam, beſprach er ſich. „Wir müſſen“, ſagte er, 
„ſehr bald auf Eiſenbahnen rechnen können, da ein 
Transport Schwerverwundeter bei dem Zuſtand 
verfügbarer Straßen ſchlechterdings unmöglich iſt.“ 
Indem er auf die ſauber bezogenen Betten und 
ſchwarzen Namenstafeln ſah, ging er zum Hoch- 
altar hinauf. Er prüfte die Meſſer und Sägen und 
nickte befriedigt. — Der Generalſtabsoffizier führte 
ihn auf den Gefechtsſtand des Korps in ein kleines 


94 


Zimmer, vor dem die Flagge des Genetallomman- 
dos in einem Zipfel wehte. Beide ſetzten ſich. 
‚ Zelephonapparate, Aktenmappen, Karten; etwas 
vom Ciſche rückend erklärte der Arzt ſeine Wünſche 
betreffs der Verteilung von Sanitätskompagnien, 
Feldlazaretten und Krankenſammelſtellen. „Viel 
Arbeit wird es jetzt geben.“ „Leider! Aber man 
hört noch gar keine Artillerie?“ „Der Angriff iſt 
um einen Tag verſchoben. Pech, gemeines Pech! 
Bis jetzt ſollen die Franzoſen nichts von unſerem 
Aufmarſch gemerkt haben. Man kann unſeren 
armen Kerls dieſen Tag ja noch gönnen. Aber,“ 
und er führte den Arzt an ſein Pferd zurück, „dann 
werden die Herren Sanitäter ſich tummeln müſſen.“ 
„Leider, nochmals,“ entgegnete achſelzuckend der 
Arzt, während er anritt. „Ich ſage, Gott ſei Dank, 
daß es losgeht,“ antwortete der Generalſtäbler. 
Der Kellner legte ſich wieder auf ſein Bett. Er 
war der einzige Kranke. Außer der Idee, daß er 
der Welt den Stacheldraht, in den ſie ſich immer 
tiefer verwickelte, abreißen müſſe, hatte er ſich 
wieder beruhigt. Ja, Heimweh nach ſeiner Kom- 
pagnie trug dazu bei, ſeinen Wahn immer mehr 
abzuſchwächen. Wohl am Tage ein dutzendmal 
zog er ſich Pantoffeln an und aus, im unbeſtimmten 
Gefühl, den Kameraden nacheilen zu müſſen. Aber 


95 


jedesmal, wenn er ſchon vor der Türe ftand und 
über die ſchlammige, beſchneite Straße zu den ſechs 
Feſſelballons ſah, die wie dunkle Drachen drohend 
hinter den Bergen ſtanden, verbarg er ſich wieder 
hinter dem Ofen. Naſſe Kälte, Schmutz und die 
Drachen am Himmel verdichteten ſich dann der- 
geſtalt hinter ſeiner Stirne, daß er erneut ratlos 
wurde und keinen anderen Gedanken bewegte als 
„den Stacheldraht fort, den Stacheldraht fort“. 
Leichter Geruch von Karbol war zurückgeblieben. 
Den Arzt nachahmend, ging der Kellner von Bett 
zu Bett, ſtreichelte das feuchte, derbe Laken, und 
— „wo zerriß er Dich?“ oder „bleib nur, bleib nur, 
es ſoll nicht weh tun, wenn ich ihn Dir aus der 
Wunde nehme“ — ſtieg gleichfalls zum Hochaltar 
hinauf. Auf den Operationstiſch legte er ſich. 
Steife vergoldete Heiligenbilder ſahen ihn geifter- 
haft an. Blutende Teile von Menſchenkörpern 
krümmten ſich wimmernd. Immer mehr weiße 
Laken färbten ſich dunkel. Ihre Falten griffen 
ſtinkig, rotnaß nach feiner Lunge. Mit den Armen 
wehrend ſprang er herunter und ſchrie: „Wo ſeid 
Ihr, wo ſeid Ihr? Wollt Ihr uns alle verbluten 
laſſen?“ — In der Mitte beider Bettreihen fiel 
er um. Ein Krankenwärter kam hereingeſtürzt, 
ſchleppte ihn auf ſein Lager und fluchte: „Wenn 


96 


Ou hier ſolche Unordnung ſchaffſt, wirft Ou in 
eine Gummizelle geſperrt.“ ö N 


* 


ips, der Proviant in den Schützengraben vor- 

fuhr, beſtieg unterwegs einen großen Turm. 
Während er von Sproſſe zu Sproſſe kletterte, war 
es ihm, als müſſe er irgendwo durch die graue Luft 
in den blauen Himmel ſtoßen. Je höher er kam, 
deſto leichter · wurde ihm ums Herz. Aber plötzlich 
erſchien ein Geſicht- mit dickem Schnauzbart und 
donnerte: „Kerl, find Sie verrückt? Der Komman⸗ 
dierende General iſt hier oben.“ „Was,“ dachte 
Fips, „kann mir ein General den Himmel ver- 
wehren?“ und griff zur nächſten Sproſſe. Aber 
der Unteroffizier riß ihn mit hartem Griff zurück, 
ſo daß der Koch um ein Haar abgeſtürzt wäre und 
mit beiden Beinen die Leiter umklammern mußte. 
Der Soldat war wieder auf der Plattform ver- 
ſchwunden, aber das Geſicht mit dem Bart und 
der ſchnauzende Stimmenklang wuchſen vor ſeinen 
Sinnen ins Unendliche. „Ich möchte behaupten, 
das Ungetüm glich dem Söllen-Zerberus! Mir 
war nicht bewußt, daß auch der Himmel ſolche 
Hundswächter anſtellt. Und wenn mir ein General 
die blaue Luft verweigert, ſo weiß ich nicht, was 


97 


— 


ich dazu ſagen ſoll, da ich dieſes Recht nirgends 
verbrieft vorgefunden habe.“ Das Fichtenholz des 
Turmes ſchwankte leiſe über der Erde. Ganz vor- 
ſichtig reckte ſich der Koch wieder in die Höhe und 
ſah über der Plattform auf einem Gerüſt mehrere 
Offiziere. Karten und Mäntel flatterten, Fernrohre 
wurden geſchraubt und das Gelände erklärt: „Was 
Exzellenz links ſich über den Wald erheben ſehen, 
ist das Fort Baux. Nach Weiten der zweite mar- 
kante Kegel iſt Douaumont. Zwiſchen beiden der 
Cailettewald, und wenn Exzellenz auf die Luft- 
nebellinie achten, die ſich zwiſchen den Waldſtüͤcken 
abhebt, jo erkennt man den Caureswald. Hinter 
ihm, auf der hohen runden Bergkuppe, die gerade 
eine lichte Wolke erhellt, liegt das Dorf Beaumont 
und rechts davon tritt die Höhe 344 deutlich heraus. 
„Was,“ ſagte Fips, „da müßten wir hin? Die 
Wälder müßten erobert werden? Nun, arme Zeit- 
genoſſen, jo wünſchte ich, ihr wäret ſchon dort.“ — 
„Lümmel, ſolche Unverſchämtheit, doch raufge- 
kommen? Lümmel! Ich ſchmeiß Oich runter, daß 
Du nicht weißt, ob wir Sommer oder Winter 
haben.“ — Fips zog den Kopf in ſeinen Wollſchal 
wie eine Schnecke und ſtieg die Leiter hinunter. 
Als er zwiſchen zwei Sproſſen wohl zwanzig Meter 
zur Erde ſah, konnte er nicht weiter. Die Tiefe zog 


98 


ihn jo mächtig an, daß er die Finger der einen Hand 
ſchon von dem Holz zu löſen begann. Aber dann 
krallte er ſich wieder um die Sproſſen. „Solange 
ich in den Himmel ſchaute, war es mir, als hätte 
ich Flügel und jetzt, wo ich, wie meine Sohlen, zu 
Boden ſehe, iſt es mir, als zerrten tauſend Arme 
an' mir. Man reißt mich noch auseinander! Was 
dann, wenn ich abſtürze? Wer bedient meine Feld- 
küche? Wer bringt den Proviant zur Kompagnie, 
und wird es nicht heißen: dieſer Lümmel!“ Und 
das Wort Lümmel kam ihm nicht aus dem Ohr. 
„Was zog mich dieſer Turm ſo magnetiſch zu ſich 
hinauf, wenn ich wieder in den Straßenſchlamm 
muß und mich durch die Kolonnen durchquetſchen? 
Sollte ein harmloſer Menſch wie ich nicht freie 
Ausſicht verdienen? Neulich, als ich in der Kirche 
recht andächtig ſaß, mußte ich auch einem General 
Platz machen! Ich möchte behaupten, die Welt 
ſteht auf dem Kopf, daß man überall einen General 
antrifft! Wenn ich meine Kompagnie verſorgen 
ſoll, daß fie ſich bis zum Horizont durchkämpfen 
kann, warum verbietet mir dieſer Zerberus, daß 
ich gewiſſermaßen ein weiteres Bild in mich auf- 
nehme, von dem ich abgeben kann?“ Scheu hob 
er den Kopf: „und ich hätte ſo gern die blaue Luft 
geſehen!“ Aber da ſtieg der General von der Platt- 


99 


form, und den Fips überfiel eine ſo ergreifende 

Angſt, daß er plötzlich die Leiter hinunterrutſchte 

und ſich die Beine faſt bis in den Bruſtkorb ſtieß. 

Dann lief er und rollte und kugelte und lief, als 

ſchnaubte der Zerberus hinter ihm her, bis er auf 

der Anmarſchſtraße unter den Truppen verſchwand. 
| 


* 


illbrand war in ſeinem Stollen eingeklemmt, 
als ſprenge jede ſeiner Bewegungen die 
Wände. Schlaf fand er nicht. Da eben eine Ratte 
von ſeiner Bruſt ſprang, kroch er aus der Höhle 
heraus und ging langſam durch den Graben von 
Poſten zu Poſten. Unbeweglich ſtanden fie, die 
Augen zum Feinde. Der Schneefall ließ etwas 
nach. Sterne blinkten zwiſchen Wolken. Er ſank 
im Schlamm bis über die Waden ein. Mit dem 
Ellbogen ſich gegen den Graben ſtemmend, arbeitete 
er ſich hoch und trat auf die erſte Stufe. Im fran 
zöſiſchen ſchlugen Hunde an. Nach raſchen Worten 
ſauſten Gewehrkugeln über ihn fort. Fünf Meter 
vom Feinde lehnte er rücklings an der Bruſtwehr. 
„Weib, meine Liebe, wo biſt Du jetzt? Denkſt Du 
an mich? Haft Du Dir rings um Verdun Steck- 
nadeln geſteckt? Weißt Ou, daß ich hier lauere? 
Meine Briefe liegen hinter der Sperre. Es wäre 


100 


8 2 
= = 
A 228 


ſchmerzlich, ſuchte mich Dein Herz noch im Norden 
Frankreichs. Noch brauche ich keinen Abſchied von 
Dir zu nehmen. Aber morgen, wenn es ſich auf- 
hellt, wie es den Anſchein hat, dann! Wenn Du 
ſtark biſt und es gut mit uns meinſt, ſo bete, daß 
es Sonnenſchein gibt; nicht für mich, ich lebe jede 
Stunde bewußt und Dir innig nahe. Für die 
anderen laß uns Hände falten. Für die anderen, 
die nicht ſo ſtark gewurzelt ſtehen wie wir. Für 
dieſe Armen bedeutet Warten vor dem Angriff: 
Qual und Grübelei.“ 

Werner kam auf dem Poſtengang heran, blieb 
ſtehen und flüſterte: „Was bewegt ſich im Draht?“ 
Beide horchten. Plötzlich hörten ſie dicht vor ſich 
einen Franzoſen: „Nicht ſchießen, nicht ſchießen, 
Kamerad!“ Er hatte keine Waffen. Werner packte 
ihn und übergab ihn einem Poſten. — „Der Kerl 
behauptet, er wüßte, daß wir an dieſer Stelle einen 
Angriff planen. Deshalb ſei er übergelaufen!“ 
„Woher wüßte er das?“ Werner ſtach mit ſeinem 
Seitengewehr in die Lehmwand. Hillbrand deckte 
ein paar Säcke über Handgranatenſtapel, um ſie 
vor dem wieder einſetzenden Schneefall zu ſchützen 
und fragte: „Woher könnten die Franzoſen etwas 
wiſſen?“ Der Hauptmann beugte ſeinen Kopf 


und ging raſch fort. Hillbrand ſchlich in entgegen- 


101 


. „ 5 


geſetzter Richtung durch den Graben. In jeden 
Vnterſtand ſah er hinein. Die Leute ſchliefen, ſelbſt 
Clemens und der Freiwillige, auch der Trommler. 
Darum kroch er in feinen Stollen zurück. Schnee- 
waſſer tropfte, über dem Boden ſtand Waſſer 
fingerhoch. Eng zuſammengekauert griff er ſich 
mit beiden Händen ins Haar: „Verraten? Von 
uns verraten? Dunkle Geiſter hättet Ihr Euch 
mir doch angekündigt? Gibt es keine Macht, die 
ſolche Kreaturen in ewig wütender Fäulnis unter 
Menſchen lebendig läßt als Zeichen des Abſcheus? 
Verrat! Und der Himmel läßt fchneien! Nimmt 
uns die Möglichkeit, anzugreifen, ehe ſie Vorteil 
ziehen!“ Schnee, der immer naſſer zur Graben- 
ſohle fiel, ſtieß er mit Stiefeln von ſich und blieb 
in gekrümmter Stellung, beengt von außen und 
innen, ahnungsſchwer dumpf grollend. 


* 


N eulend flitzte ein Hund mit eingezogenem 
Schwanz aus dem Generalkommando. Hinter 


ihm her flogen Teller. Dann klatſchten Türen 


zu. Man hörte Stühle hin. und her ſchleudern. 
Danach war Grabesſtille. Ein Soldat klopfte 
vorſichtig an die Tür des Generalſtabszimmers. 
„Herein!“ „Darf ich das Eſſen anmelden?“ — 


102 


„Raus!“ Wieder knallte die Tür. In dieſem 
Augenblick kam Hauptmann von Werner in das 
Haus und fragte den Soldaten, ob Exzellenz zu 
ſprechen wäre, ging aber, da er keine Antwort 
erhielt, den Flur entlang, wartend, horchend. Es 
war ſtill wie im Totenhaus. Schwere Schritte 
knarrten eine Wendeltreppe herunter. An ihm 
vorbei kamen der franzöſiſche Überläufer, zwei 
Landſturmſoldaten mit aufgepflanztem Bajonett 
und kurz darauf ein Generalſtabsoffizier. „Was 
wünſchen Sie?“ fragte er Werner. „Kann ich zum 
Kommandierenden General?“ Aber der Herr ſah 
ihn nur von oben bis unten an und' ließ ihn ſtehen. 
Werner aber ſtieg die Stufen hinauf und öffnete 
die nächſtbeſte Tür. Der Kommandierende ſtand 
am Fenſter, der Chef des Korps am CTiſch. Als 
Werner ſchnell zurück wollte, wandte ſich der Chef 
zu ihm. „Hm?“ Auch der General ſah ſich um. 
Werner klopfte das Herz. „Darf ich Exzellenz 
ſprechen?“ Der hörte ihn und hörte ihn doch nicht 
und fragte den Chef: „Die 51. Reſerve-Diviſion 
und 72. Reſerve-Diviſion ſtünden uns gegenüber?“ 
— „Zawohl, der Franzoſe behauptet, es hätte ſich 
nichts geändert.“ — Der General klopfte ans 
Barometer: „Selbſt wenn es mit dem Kerl ſtimmt, 
die können unſerer ſchweren Artillerie über Nacht 


103 


kein Gegengewicht heranſchaffen! Mit einem An- 
griff von Norden her ſcheinen ſie wirklich nicht 
gerechnet zu haben.“ Der Chef ſchlug mit einem 
Lineal auf die Tiſchplatte: „Um ſo toller, wenn 
das gerade verraten wäre. Solche Schweine!“ 
„Exzellenz!“ und Werner trat vor. „Dazu dies 
Wetter!“ fluchte der Chef. „Artillerie kann nicht 
ſchießen, Flieger nicht fliegen! Exzellenz, ich gehe 
in das Generalſtabszimmer.“ — Werner blieb. 
Der General ſah ins Schneegeſtöber. Werner 
wünſchte ſich in ſolch ein Eiskriſtall. „Warten Sie 
auf etwas?“ fragte der Kommandierende plötzlich. 
— „Exzellenz, den Überläufer nahm ich gefangen.“ 
„Was?“ „Deswegen komme ich,“ und er konnte 
vor Erregung nicht ſprechen, ſo daß ihn der General 
auf die Schulter faßte: „Was iſt Ihnen, Werner?“ 
Und plötzlich, als würde ihm beim Ausſprechen des 
Namens erſt klar, wen er vor ſich hatte: „Mein 
Gott, Sie gehören doch in den Schützengraben!“ 

— „Sch bin ja ſchuldig * „Schuld? Woran ſchuld?“ 
— „Am Verrat unſeres Angriffes!“ Der General 
nahm ſeine Hand von Werners Schulter und faßte 
ſich an die Stirn. Werner brach heftig los: „Im 
letzten Quartier hatte ich meine Notizen über den 
Angriffsplan auf der ODorfſtraße verloren... und... 
und. . . ich fürchte, daß fie fo ein Schuft benützt 


104 


— 


hat.“ Der Kommandierende atmete auf: „Unfinn! 
Die Überläufer find gar nicht von unſerem Korps. 
Aber haben Sie Ihre Blätter denn wieder?“ — 
„Schon nach einer Minute fand ich ſie, und eigentlich 
kann ſie keiner geleſen haben!“ „Schleunigſt in den 
Graben zurück,“ befahl der General. „Fort, fort! 
Wir haben Ernſteres vor, als ſpinnen!“ Der Kom- 
mandierende ſchob ihn zur Tür hinaus, dann nahm 
er ſein Fernglas und ſchaute nach der Sonne aus. 
„Jetzt ſehe ich aber fahles Licht durch die Flocken,“ 
rief er dem Chef zu, der im Garten ſtand und auch 
in den Himmel ſchaute. „Wirklich, Exzellenz?“ „Ich 
kann mich auch täuſchen.“ Der Chef ſpuckte aus. 
„Ich ſehe nichts. Alle Pläne werden uns übern 
Haufen geworfen!“ Er riß ein Thermometer vom 
Fenſter, „immer noch über 0!“ Er warf das Shermo- 
meter gegen die Mauer und klatſchte das Fenſter 
zu, daß eine Scheibe zerſprang! — 


* 


Re feit gejtern mit anderen Pionieren der 
Sturmtruppe angegliedert, ging in dem 
Graben, Handgranaten verteilend, herum. Als er 
an Hillbrands Stollen vorüberkam, brummte der 
Feldwebel: „Es wäre beſſer, ihr ließet ein paar 
Minen hoch und ſprengtet den Schnee aus dem 


105 


Himmel fort.“ „Es iſt blauer Himmel geworden!“ 
— „Das lügſt Su, Menſch!“ — „Es iſt blauer 
Himmel, ſage ich.“ „Scherzſt Du, knall ich Dich 
übern Haufen!“ — „Sind unſere Granaten blau 
oder nicht? Sind ſie blau, ſo mache ich Ihnen keinen 
blauen Dunſt vor, derart, daß ich blau wäre; ich 
bleibe dabei: der Himmel iſt blau geworden.“ 
Hillbrand kroch vor und ſtellte ſich aufrecht hin: 
„In der Tat, blauer Himmel! Ganz blau. Es iſt 
keine andere Farbe, und der Schnee ſchmilzt Ihon 
vor ihm!“ Er nahm fein Gewehr, ſtieg zur Bruft-/ 
wehr hinauf, zielte durch die Schießſcharte und 
drückte — „blauer Himmel“ — ab. Der Freiwillige, 
der dem Trommler gerade ſelbſtgekochten Tee 
reichte, fuhr bei dem Knall zuſammen. Preis 
fragte: „Glaubſt Du, daß wir helles Wetter be- 
halten? Sieht man keine Wolke?“ — „Doch, über 
den Bäumen türmt ſich ein dunkles Ungeheuer!“ 
„So durchſtich ihm den Bauch, wie ich geſtern der 
Ratte. — Habe ich Augen? Da kommt ja mein 
Schmidt aus Görlitz. Cäſar Schmidt, Bengel!“ — 
Der Schauſpieler legte ein paar Weinflaſchen vor 
ihm hin und fagte, ihm kräftig die Hand ſchüͤttelnd, 
ſo daß ſich Preis ſeine Wolldecke immer wieder 
über den Magen ziehen mußte: „Wir ſind noch 
in Ruhe, da wollte ich doch mal nach Euch ſehen, 


106 


wir find auf das Fort Baur angeſetzt.“ — „Nun, 
das hatte ich anders verteilt,“ ſcherzte der Trommler, 
„aber ganz gleich, wie oder wo!“ Während Schmidt 
eine Flaſche entkorkte, drohte er: „Du wirſt doch 
nicht krank werden!“ „Ach, Junge, das Schickſal 
hat es auf meinen Leib abgeſehen. Ja, es iſt als 
ginge Anſteckung von ihm aus. Schon zwanzig in 
der Kompagnie hätte ich infiziert, ſagte der Sani- 
täter.“ Kox ſah herein: „Guten Tag!“ und ging — 
„die Welt iſt nicht größer als ein Flohzirkus, wo 
man ſich immer wieder über die Beine krabbelt“ — 
weiter. „Wollt Ihr Feinde bleiben?“ rief Schmidt 
ihm nach. Der Pionier blieb ſtehen: „Ich für meine 
Perſon frage nichts danach.“ „Nun,“ und Preis 
ſtreckte ihm ſeine Hand hin, „ſo wollen wir als 
Brüder über die franzöſiſchen Gräben ſpringen.“ 
Kox nahm die Hand an und trug — „ja, es ſoll 
Schläge ſetzen“ — ſeine Handgranaten weiter. — 
„Bums!“ — Alle fielen um. Ein Zweiundvierziger 
flog über ſie weg. „Wahrlich, wie das Ding durch 
die Luft dahinfährt, recht wie das Organ einer 
Koleraturſängerin!“ „Ach, Schmidt,“ ſagte der 
Trommler gepreßt, „müßte ich doch nichts von 
Cholera hören.“ Clemens, der, wie benommen, 
durch den Graben hin- und herging, hielt den Kopf 
etwas gebückt und flüfterte, als der Schuß vorüber 


107 


war, dem Trommler im Vorübergehen zu: „Morgen 
geht es los! Seht Eure eiſernen Portionen nach! 
Fehlendes foll gleich gemeldet werden!“ — Heinz 
trat neben Hillbrand, der, unbeweglich den Finger 
am Abzug, lauerte und ſah durch den Sehſpalt in 
den Caureswald: „Wie es tief in den Wald hinein- 
geht! Wie ſchön er ausſieht im Schnee!“ Der 
Feldwebel ſchob ihn beiſeite und drückte ab. Der 
Schauſpieler, auf den Schuß hin herausſchnellend, 
verabſchiedete ſich raſch von dem Trommler: — 
. „And ſollteſt Du vor mir in Verdun ankommen, ſo 
mach eine Atempauſe. Vor das Schickſal wollen 
wir zuſammen treten!“ „Ja, das ſchwöre ich Dir,“ 
antwortete Preis, „und wir wollen das Kreuz ſo 
gut wie irgend ein Haſe tragen.“ Kox, der zurück- 
kam, fluchte, während er mit Cäſar Schmidt weiter- 
ging: „Danach fragen wir nichts.“ 
* 


De Trommler ſaß neben dem Pionier und 
wickelte ſich den kalten Schwanz einer Ratte 
um den Finger, die er ſoeben getötet hatte: „Kox, 
Du magſt über Orden denken wie Du willſt; ich 
für mein Teil ſage: Was man hat, das hat man. 
Trage ich den Pour le mérite, fo tritt mir keiner 
zu nahe. Und wenn Du im Minenfprengen ein 


108 


Kaiſer wärſt, was nutzt es Dich, wenn Du auf 
Deiner Bruſt kein Zeichen trägſt. Getan, iſt getan; 
keiner fragt mehr danach.“ „Nochmals,“ entgegnete 
Kox, „ich frage nichts danach,“ und ſchlief ein. 
Wütend ſah Preis ihn an: „Du haſt keinen Ehrgeiz 
im Leib, Du Waſſerſuppe, Du Beſtandteil, Du 
Ding, bloß da, damit etwas getan wird mit Dir! 
Doch habe ich meine Gedärme beſänftigt, ſo ſollt 
Ihr's erleben. — Wenn ich nicht der erſte aus dem 
Graben bin und in Beaumont ſchon Suppe koche, 
wenn Ihr noch um die zweite Stellung kämpft, 
dann mögt Ihr mir von der Bruſt die Haare einzeln 
reißen. Keinen Ehrgeiz zu haben! Glaubſt Du 
denn nicht an Dein Schickſal? Du Pionier!“ Er 
rollte ihm Augen und warf die Ratte auf ſeine 
Bruſt: „Da, Du Maulwurf, ſchlaf mit Oeiner 
Verwandtſchaft!“ und ging aus dem Anterſtand. 
Den Freiwilligen ſuchte er auf: „Frei und willig, 
da muß auch Ehrgeiz ſein.“ 

Hillbrand ſprach mit ſeinem Weibe, als ſäße es 
auf ſeinen Knien. „Morgen um dieſe Zeit, Gretchen, 
werde ich Deine Augen noch einmal ſehen? Ja, 
es iſt eng hier im Stollen! Komm, aber ſtill iſt es. 
Niemand hört uns! Wollen wir das letztemal 
nicht aufrichtig miteinander ſprechen? Fſt es nicht 
wie im Grabe, Gretchen? Weine nicht, warum 


109 


weinen! Warſt Du nicht ſonſt fo mutig? Entſinne 
Dich, als ich einſt fiebernd lag, wie Du da ſtandhaft 
den Arzt beredeteſt, er ſolle nur zuſchneiden, wenn 
es mich heilen würde. Gretchen, entſinnſt Du 
Dich? Bei allen Qualen Deiner Gebärungsſtunde, 
die Dir bevorſteht, bitte ich Dich, ſchluchze nicht ſo. 
Siehe, auch wir liegen im Fieber heut. Im Blut- 
krampf wälzt ſich die Menſchheit. Wollen wir da 
nicht mannhaft zuſtimmen, wenn der Arzt ſagt, es 
muß geſchnitten werden, ehe Geneſung kommt; 
ehe der Frieden kommt, Gretchen, Gretchen! Der 
Arzt weiß es doch, Gretchen. Er muß es doch wiſſen! 
Wir können nur folgen. Ihm nur vertrauen! Das 
wollen wir auch! Gretchen, wenn ich Oich bitte, 
kannſt Ou nicht ſtandhaft fein? Laß es doch.“ Und 
er ſchüttelte ſich auf: „Es muß doch ſein! Ach, 
Gretchen, ich ertrage es nicht.“ Und er brüllte vor 
Sehnſucht. Dann knöpfte er ſich den Mantel zu 
und kroch aus dem Stollen. „Leb wohl, Gretchen. 
Ich kann es doch nicht ändern! Weiß Gott! Erſt 
muß das Vaterland gegründet ſtehen! Dann, 
Gretchen.“ Er machte plötzlich kehrt, riß ſich den 
Mantel auf und rief in den Stollen: „Komm, 
komm, komm, Du bleibſt ja immer bei mir. An 
dieſem Herzen ruht mir Dein Kopf! Nicht leb 
wohl, ſondern halt aus, Gretchen; jetzt noch halt 


110 


aus! Bald iſt's ja vorbei! Dann, dann!“ Er rief 
das letzte „dann“ leidenſchaftlich in die Nacht und 
ging auf ſeinen Patrouillengang. Hinter einer 
Schulterwehr traf er ſeinen Freund Clemens. Er 
gab ihm die Hand: „Alſo morgen.“ „Leiſe, leiſe, 
wecke den Tod nicht auf.“ Hillbrand ſah ihm in 
die Augen, nickte ernſt und taſtete ſich am großen 
Flammenwerfer vorbei zum Hauptmann von 
Werner. Clemens rührte ſich nicht. Dort an dem 
Grabenrand oben, wo ſie ihre Köpfe zuerſt in dem 

Sturm aufheben ſollten, da ſaß der Tod. Er ſchlief. 
Bleiern war Luft rings um ihn her. Artillerie ſchoß 
nicht mehr, Minenſprengungen waren verſtummt, 
der Tod ſchlief. Heftig pochende Herzen zwangen 
ſich zu ruhigerem Schlag, auf daß fie ihn nicht 
ſtörten. Als Hillbrand ſchattenhaft im Nebel der 
Nacht verſchwand, flüſterte der Lehrer ihm durch 
den ſchmalen Graben nach: „Jawohl, Hillbrand, 
morgen.“ Selbſt Wind kam auf Socken und wich 
vor dem Tode aus. Immer noch ſchlief er. — Die 
kleine Meiſe, die ſich in des Freiwilligen Pflege 
wieder erholt hatte, flatterte im Unterſtand und 
pickte am Speck, den ihr Soldatenfreunde hin- 
gelegt hatten. Der Freiwillige träumte: er öffne 
eine Tür. Im Bett lag ſeine Mutter mit gefalteten 
Händen. Eine Bibel war auf dem Nachttiſche auf- 


111 


geſchlagen. Primeln, die er ihr auf dem Kirchhofe 
in St. Laurent gepflückt, hatten ſich wieder erholt 
und leuchteten lieb aus dem Waſſerglas. Eine 
überwinterte Fliege brummte ums Licht. An der 
Wand hing ein Marienbild. „Mutter, weißt Ou 
es, Mutter; morgen!“ Er trat an die Bettwand 
und beugte ſich zu ihr: „Mutter!“ und ſeine Worte 
klangen ſanft, „willſt Du Deine Augen auftun? 
Ich möchte Dir noch einmal hineinſchauen; aber 
Du ſchläfſt wohl ſchon!“ Leiſe trat er näher heran 
und küßte ihre Hände. Dann ſah er lange auf ſeine 
Mutter hin. Ihre Bruſt atmete heftig: „Weißt 
Du, Mutter, morgen ſoll es nun fein.“ Augen 
öffneten ſich. Sonnenwarm ſah fie ihn an; lange, 
o wie lange. Blau und ernſt, wie der warme 
Himmel. Lippen bewegten ſich: „Morgen?“ 
Dann richtete fie ſich langſam aus Kiſſen auf und 
wurde weiß im Geficht. — Er erwachte, als der 
Trommler hereingeſtolpert kam: „Bengelchen, haſt 
Du keinen Ehrgeiz im Leib, daß Du ſchläfſt, wo 
wir bald Morgen haben?“ Schlaftrunken wieder- 
holte Heinz: „Morgen? ach ja, morgen,“ und ſank 
wieder zurück. Preis hockte ſich neben ihn hin. Nur 
die Meiſe flatterte, ſonſt war es ſtill, ſo ſtill: „Nun 
wünſchte ich doch, daß eine ſolide Mine krepierte. 
Weiß der Kuckuck, ich mache mir nichts daraus, 


112 


wenn es ſo leiſe iſt. Ich ſitze da ohne Einfall 
und Witz. Meine Trommel glotzt mich dumm und 
bleich an.“ Mit einem Finger berührte er ſie: 
„Hohler Klang.“ Einer der ſchlafenden Soldaten 
rief plötzlich: „Verdun.“ Es war wie der Schlag 
einer Kirchenuhr. In Werners Unterftand klingelte 
es ſchrill an: „Jawohl? Nein, Euer Exzellenz. 
Bis auf die Näſſe ganz gut. Leider viel Magen- 
kranke. Verluſte bis jetzt keine. Wie das Wetter 
iſt?“ Der Vikar ſah hinaus. „Mein Leutnant 
ſagt: leidlich.“ Er legte den Hörer hin. Mit dem 
Vikar kam Hillbrand: „In meinem Stollen ſteht 
fußhoch Waſſer.“ Werner bat, es ſich bequem zu 
machen, „ſo gut wie es eben geht, und ich denke, 
wir ſchlafen noch ein wenig.“ Er lehnte ſich zurück. 
„In ſieben Stunden; in ſieben Stunden! Dann 
vielleicht. Wird dann mein Kopf ſtill ſein? Er hat 
mir viel zu ſchaffen gemacht! Und Ihr Lebenden, 
wenn ihr einſt an unſeren Kreuzen vorüberfahrt, 
werdet ihr an uns denken, an uns unterm Rajen? 
Es nie vergeſſen, warum wir ſtarben? Wir werden 
ja ſchweigſam ſein für das gewöhnliche Ohr. 
Schweigſam wie dieſe Stunde. Aber unſer Geiſt 
wird wirken. Werdet ihr ihn vernehmen? Selbſt 
auf das Schreckliche hin, daß die Welt weiterliefe, 
wie vor dem Kriege? Habt bei allem Lärm eures 


113 


Tages ein wachſames Ohr für die Stunden der 
Nacht.“ 

„Ting, Tang, Tong.“ Oer Freiwillige horchte 
auf. „Ting, Tang, Tong,“ wie der Geſang einer 
Waſſerfee; er hörte ihm zu: „Preis, ſoll ich Dir 
ein Märchen vorleſen von den Grillen?“ — „Ben- 
gelchen,“ brummte der Trommler, „alle Achtung 
vor Deinen Grillen, aber ich wünſchte, Du hätteſt 
einen handfeſteren Charakter. Wenn Du mir ein 
Stück Ochſenfleiſch anbieten wollteſt, das wäre mit 
ſchon lieber als Deine Grillen.“ 

Clemens ſtand in kaltem, durchdringenden 
Schneeregen vor Werners Unterſtand und meldete: 
„Herr Hauptmann, es ſchneit ſchon wieder.“ — 
Werner aber war eingeſchlafen. Hillbrand hatte 
keinen Mut ſeinen Freund anzuſprechen; aber als 
er wieder im Graben ſtand, löſte ſich alle Spannung 
ſeines Blutes in ein einziges, furchtbares „alſo doch 


nicht“ auf. 
* 


ö Vb den Wäldern in ödem Schneefeld kauerte der 

Kellner im Flockengewirr an einem Soldaten 
grab. Bald verſchleiert, bald deutlicher und wieder 
verſchleiert galoppierte ein Reiter mit wehendem 
Umhang, als wollte er die Laſt des Winterhimmels 


114 


auffangen oder durch die Wolken ſtoßen. „Hallo!“ 
Aber der Einſame war fort. An das Holzkreuz 
griff der Kellner. Es war morſch und rings um 
den Hügel war Stacheldraht. „Zieht man auch 
um Tote den reißenden Stahl?“ — „Was!“ und 
Rein Kerl ſtand da, den er vorher nicht geſehen. 
„Schurke, gehſt Du an Gräber?“ Des Kellners 
Blick wurde gläſern. Als er wieder leidlich ſah, 
ſchnupperte ein herrenloſes Pferd an ihm, erſchrak 
und jagte davon, ſchwarze Hufklumpen ſchleudernd. 
An der Höhe bewegten ſich Bluttupfen in weißer 
Fläche. Er erkannte Schipper in Zelttüchern, 
mechaniſch warfen ſie Schnee von der Straße wie 
Kinder, die das Meer ausſchaufeln wollen. — Der 
Kellner kniete am Draht und preßte ſeine Stirn 
in die Stacheln: „au!“ Wieder drohte ein Mann: 
„Ich erſchieße Dich!“ Es knallte, aber es war 
Pferdegalopp. Oer Kellner ſchlug ſich an den Kopf, 
daß Schnee aus den Haaren fiel. „Ich möchte ja 
nur dem Toten freie Bewegung verſchaffen, viel- 
leicht will er keinen Stacheldraht mehr?“ Aber er 
ſprach es in leere Luft. Nur eine leichenfette Krähe 
flog über die Weite und ſetzte ſich auf das Kreuz. 
Ihr glänzendes Gefieder putzte ſie trocken. Offnete 
ſie den Schnabel, ſo kam grauer Hauch in die Luft; 
und der Kellner ſah Hauch vor ſeinem Munde, vor 


115 


den Nüftern der Kolonnenpferde und überall, wo 
Lebendiges atmete. Er kümmerte ſich nicht um 

Stacheldrähte und Grenzen. Hoch über den Sied⸗ 
lungen der Menſchen verſchmolz er zu einer leuch- 
tenden Wolke. Der Kellner ſtarrte hinauf, aber 
es wurde wieder finſter um ihn. Ziellos ſtapfte 
er kopfſchüttelnd in den Spuren des Pferdes über 
die Acker, der Kompagnie nach, bis er vor Schnee 
und Schnee nichts mehr erkennen konnte. 


* 


ips machte auf Werners Befehl Punſch für die 
Kameraden heiß. An ſeinen Sporen, die er 
nicht abgelegt hatte, klebten handgroße Lehmklöße. 
Am feinen Hals hatte er mehrere wollene Tücher 
gewickelt. Nur die rote Naſe ſah aus dem Kopf- 
ſchoner heraus. „Ach,“ ſagte er zu Heinz, der ſich 
für ſeine Korporalſchaft Kochgeſchirre füllen ließ, 
„Athen iſt ein angenehmer Aufenthalt. Legte ich 
ein Ei auf den Marmor, ſo war es, während ich zur 
Sonne aufſah, um nieſen zu können, ſchon hart 
gekocht. Ich möchte ſagen, Athen beſaß einige Vor- 
züge unſerem Aufenthalt hier gegenüber. Herr 
Heinz, es konnte vorkommen, daß Sie weiß wie 
die Lilien Frankreichs aus dem Säulenhof traten, 
um über das blaue Meer zu ſchauen, und ehe Sie 


116 


jagen konnten: „o du mein Griechenland“, ſchon 
ſchwarz gebrannt waren, als wären Sie irgendein 
Neger aus dem Aquatorialgebiete, wie ſie uns bei 
den Franzoſen jetzt auf Spuckweite gegenüberliegen. 
Ich möchte ohne Übertreibung behaupten, daß man 
mich ins Tollhaus geſperrt hätte, wenn ich den 
erlauchten Herrſchaften oben auf der Akropolis 
heißen Punſch angeboten hätte. Aber: tempora 
mutantur! wie ein griechiſches Sprichwort ſagt. 
O, ich habe mich viel in der griechiſchen Wiſſenſchaft 
umgetan. Der kleine Prinz Georg ſagte immer, 
wenn er die Küchen revidiert hatte: Fips, wenn ich 
König bin, ſo billige ich dir einen Platz im Parla- 
ment zu. Du mußt mir durch ſolide Ernährung den 
Magen des Volkes im Zaum halten. Und der kleine 
Prinz konnte unterſcheiden, ob der Salat nur 
ſkizziert war von mir, oder ein Werk.“ Und während 
er das letzte Kochgeſchirr füllte: „Mein verehrter 
Herr Kriegs freiwilliger, wenn man eine Lotos- 
blume ausreißt und fie in ſchneeiges Land ver- 
pflanzt, — bei aller Liebe für den Schnee —, ich 
weiß nicht, ob ſie mit den Maiblumen noch leben 
würde.“ Oabei huſtete er: „Aber Krieg iſt kein 
Sanatorium. Nur, ohne es mir verübeln zu wollen, 
möchte ich bekennen, daß ich lieber in den Hallen 
Platons verſchieden wäre, als mit der Ausſicht auf 


117 


eine mir ziemlich fremde Stadt, die ich nur einmal 
aus dem Munde eines Fſraeliten vernommen hatte, 
der mir neue Kochherde „Verdun“ anpries und 
behauptete, „Verdun“ ſei ſeit Menſchengedenken 
der beſte Bratofen. Aber der Unterſtand erſetzt 
keine Griechenluft, und ſo mag es mit dem Verduner 
Herd ſeine Bewandtnis haben.“ Heinz trug die 
Kochgeſchirre heraus. Kaum war er fort, ſo erſchien, 
wie Parrizida in Schillers Tell, der Kellner. Fips 
trat erſchrocken zurück und ſtarrte ihn an: „Bei 
allem, was Dir lieb iſt und teuer an der Unter- 
nehmung auf Verdun beſchwöre ich Dich: Haſt 
Du noch Verſtand oder keinen? Denn wo Du 
keinen haſt, ſo verſtehe ich unſere Medizinalabteilung 
nicht, und wo er Dir wiedergekommen ſein ſollte, 
jo frage ich, was willft- Du hier, morgen wird an- 
gegriffen! Iſt das eine Veranſtaltung, zu der man 
ſich hindrängt, wie der Siegesläufer von Marathon, 
um hier zu verenden? Allen Ernſtes, ich möchte 
behaupten, es wäre vernünftiger gehandelt, wenn 
Du das Quäntchen Verſtand nicht zu früh wieder 
aufgedeckt hätteſt. Hier gilt der Kopf Cäſars und 
das Hirn meines penſionierten Peterſilienſammlers 
gleich. Ein unerwünſchter Zufall und Oir iſt das 
Fünkchen Geiſt ganz ausgeblaſen. Mann!“ und 
er packte ihn, „noch hat Dich keiner geſehen! Mach, 


118 


daß Du fortkommſt! Auf eine Leiche mehr oder 
weniger kommt es hier nicht mehr an! Vorwärts 
ins Lazarett zurück, oder wer ſollte die Hotels im 
Frieden bedienen?“ — Der Kellner goß eine Schale 
Punſch hinunter und ſeufzte „ach“ und „o Gott“ 
und „o Fips, mein guter Fips“ und ſchlich ſich 
wieder fort. 

„Was?“ rief der Trommler, als Heinz den 
Punſch hereingebracht hatte, und von dem Koch 
erzählte: „Dieſer Südländer! Dieſer Gallier! 
Dieſer Aufſchneider! Ein Ei hart gekocht während 
man nieſt? Oieſer Eunuch! Unter uns,“ und er 
wandte ſich an die Soldaten, „dem hat die Sonne 
Griechenlands ſoviel geſotten, daß er weder für 
ein Weib, noch den Ehrgeiz Intereſſe haben darf!“ 
Er ſpuckte aus: „Dieſes Zuckerwaſſer! Wenn einem 
ſolch Punſch nicht gleich in Feuer bringt, daß man 
meint, man ſtünde vorm Hochzeitsbett, ſo mag man 
dies Geſeire ebenſogut Waſſer nennen! Für 
Männer, denen es um die Knie herum kalt iſt und 
der Schleim in der Gurgel ſteckt, kann dies Geſeire 
nichts bedeuten. Ich bin wirklich ärgerlich. Ich ſehe 
es kommen, der Februar wird erſt fein ange- 
ſammeltes Maß von Waſſer abſchneien wollen, ehe 
er für den klaren Himmel ein Verſtändnis gewinnt. 
Darum, Bengelchen, laſſe jetzt Deine Grillen ge- 


119 


teoft hupfen. Mit dem Angriff wird es doch nichts 
vorerſt.“ Heinz nahm alſo jenes Heft, das Cäſar 
Schmidt dem Trommler in Marville zugeſteckt 
hatte, rückte näher zur Kerze und las: „Es war 
einmal ein großer Krieg.“ — „Wenn das wahr 
wäre,“ rief der Trommler, „daß man ſagen könnte: 
Es war einmal ein großer Krieg, ſo wollte ich meine 
Trommel an den Nagel hängen und ein Bürger 
werden.“ Der Freiwillige fuhr fort: „Gegen das 
Ameiſenvolk hatten ſich Grillen, Käfer und anderes 
Inſektenzeug verbündet.“ — „Käfer iſt gut, ja er 
hat Einfälle, mein Freund Cäſar Schmidt!“ „Wenn 
Ou mich immer unterbrechen wirft,“ ſchalt der Frei- 
willige, „ſo leſe ich lieber erſt gar nicht vor.“ „Gut, 
gut, ich will mein Maul hüten.“ Das Märchen ging 
weiter: „Die Grillen ſchwuren, Ameiſen verdürben 
den luſtigen Ton in den Feldern. Die Käfer und 
Inſekten ſummten: ja, Ameiſen dienen nur zur 
Zerſetzung. Folglich Krieg gegen die Ameiſen. 
Gegen ihr Reich machten fie ſich auf. Der Ameifen- 
könig lachte, ſetzte ſich ſeine Krone aufs Haupt und 
rief die Generale. Die kamen fröhlich herbei. Was, 
rief der König, und ſetzte ſich, um beſſer ſehen zu 
können, einer Schlange zwiſchen die Augen. Wahr- 
heit iſt, daß wir nicht anders leben können, als es 
unſere Ameiſennatur erfordert. Wahrheit, Wahr- 


120 


heit, riefen die anderen und begannen zu zirpen, 
daß ſich die Schlange mit ihrer Doppelzunge das 
Maul ableckte. König, es iſt zwecklos, ſagten die 
Generale. Gut, entgegnete er, und zog ſein Schwert.“ 
„Man ſoll ſich ſeine Freunde ausſuchen,“ rief der 
Trommler. „Cäſar Schmidt trägt eine gewölbte 
Stirn und ich finde ſeinen Einfall ganz munter. 
Wirklich, er hat Einfälle wie ein ausgedienter Feld- 
webel.“ „Die Grillen kämpften mit Bravour und 
geſchichtlicher Tapferkeit und dann guckten ſie 
plötzlich auf, als wollten ſie ſagen: jetzt wär's genug. 
Aber die Schlange öffnete ihr Maul weit und 
züngelnd, daß den Grillen angſt und bange wurde 
vor dieſem Schlund und der König bei ſich dachte: 
wie erſtaunlich iſt die Natur. Plötzlich riefen alle 
Grillen: „Nanu,“ und das kam daher, weil aus 
dem Ameiſenſtaat Geſang laut wurde, „welche 
Dreiſtigkeit, dürfen Ameiſen ſingen?“ Einige 
Grillen wurden ganz traurig. Ein Floh begann 
mit Kot zu werfen. Warte, riefen die Generale, 
das kitzelt uns nur. Und dann wuchs der Berg 
über Tag, über Nacht unheimlich, nur in ſeinem 
fiebernden Wachstum tönend. Plötzlich aber kam 
eine große gelbe Hexe und trat alles tot, ſo tot, daß 
das Blut nur ſo quatſchte und einen tiefen, roten 
Teich bildete. Die Schlange ertrank in ihm, denn 


121 


ſie konnte das Blut nicht vertragen. Aus dem Ameifen- 
kadaver aber flog eine leuchtende Seele. Die Hexe 
fing das Flämmchen ein und lebte von ſeiner Wärme 
noch viele tauſend Jahre.“ — Die Tür wurde auf⸗ 
geriſſen und eine Laſt von CTreibſchnee ſtürzte 
herunter. Ein Soldat rief den Freiwilligen zum 
Hauptmann von Werner. Heinz eilte fort. Preis ſteckte 
ſich nachdenklich eine Zigarre an und befühlte ſeine 
Hofen. „Noch ein paar Tage ſolcher Niederſchläge 
und wir werden alle nicht anders wie aufgeweichte 
Semmeln dem Angriffe zur Verfügung ſtehen.“ 


* 


N Ferner ſpitzte einen Bleiſift und ſagte, 
während er Licht abblendete: „Es iſt 
wieder verſchoben worden.“ Keiner antwortete. 
Clemens rückte tiefer in Schatten; „noch einmal 
vierundzwanzig Stunden gähnender Qual,“ — 
dann ſtieg er mit Heinz wieder in den Graben 
zurück. Der Vikar las in der Bibel. Nach einer 
Weile blickte er auf. „Erleben wir Gethſemane?“ 
— Als aber der Hauptmann weiter ſchrieb, be- 
trachtete ihn der Leutnant. In kalten, grauen 
Augen ſpiegelte grünes Licht. Harter Ausdruck 
wölbte ſich über den Lidern. Kerzenſchein glänzte 
von braunen Lehm wie goldener Vorhang; gegen 


122 


——— 


ihn hob ſich Werners Stirn aus dem dunklen Geſicht 
wie eine Bergkuppe unter Sternen ab. Viertel- 


ſtunden ſeltſamer, feierlicher Ruhe vergingen, in 


denen der Unterſtand einer Kapelle glich. Die vier 
Meter ſchwere Erddecke ſchwebte über den Scheiteln 
wie Wolken. Der Vikar fragte noch einmal: „Stört 
es?“ Der Hauptmann verneinte. „Glauben Sie, 
daß ſich unſere Soldaten bewußt ſind?“ „Unbe⸗ 
dingt,“ entgegnete Werner. „Daß ſie ihr Leben 
bewußt preisgeben?“ Der Hauptmann legte den 
Bleiſtift hin: „Jeder geht den Weg, den er an- 
getreten hat.“ „Chr iiſtus wies uns ſolches zu tun.“ 
— „Wiſſen wir, wem wir Wege weiſen? Wir 
Soldaten anerkennen, daß wir ſterben müſſen, 
wenn wir den Rock heilig verſtanden haben! Wie 
ſich der Herr dem Tod beugte, wenn anders er 
ſeinen Geiſt nicht verleugnen wollte. Aber was 
hinter uns kommt, ahnen wir nicht. Daß es beſſer, 
herrlicher ſein muß als alles, was uns zu dieſem 


Augenblick trug, das allerdings erhoffen wir!“ 


Werner löſchte ſeine Zigarre an der naſſen Wand. 
Der junge Vikar wurde blaß vor Erregung. „Und 
daß der einfache Mann ſolches empfindet, nochmals, 
Sie glauben es?“ — „Sahen Sie noch nie Ihrer 
Mannſchaft ins Auge?“ — 


* 


123 


A unterſtem Stufengang ſaß Hillbrand im 
Graben. Rechtes Bein ausgeſtreckt, hielt er 
ſein Knie mit geſchwungenem Arm. Von Näſſe 
tropfte die ganze Geſtalt. Neben ihm hockte Clemens; 
aber Hillbrand blieb unbeweglich. Kein Wort war 
aus ihm herauszubekommen. Clemens flüſterte: 
„Zwiſchengeiſter haben ſtille Lippen an meinem 
Ohr. Warum nochmals achtundvierzig lebendige 
Stunden? Warum ſchneit es? Warum, warum? 
Hillbrand, wenn es der Welt hätte erſpart werden 
können! Wenn es nicht nötig geweſen wäre, dies 
Menſchenmorden!“ Und er ſprang auf. „Wahn- 
ſinnig macht mich ſolch ein Gedanke! Hörſt Du das 
Klopfen der lebendigen Herzen aus all den Unter- 
ſtänden und Löchern? Leben wollen die Leiber! 
Hilldrand! Nur leben! Und wir laſſen die Stunden 
vergehen! Achtundvierzig Stunden! Zeit genug, 
um dem Mordbefehl Schlingen zu legen! Muß dieſe 
Jugend gemetzelt werden?“ Hillbrand ſtand auf, mit 
dem Kopf reichte er an den Grabentand und 
ſchaute auf feinen Freund herab. „Was ſtörſt Du 
mich? Ich atme in Einſamkeit! Zu tiefſten Quellen 
unſerer Nation tauchte ich nieder und ſchöpfte Kraft! 
Weiche von mir mit Deinem Gewinſel! Hebe Deine 
Augen auf! Dieſer Nächte Verſuchung ſchickt Gott! 
Recke Dich auf, wenn Du Mann ſein willſt! Zer- 


124 


ſtoße in Dir alles, was Glauben zerfrißt! Ich ſage 
Dir: Wichtiger als alle Pläne des Angriffs, heiliger 
als Fragen der Zukunft, bleibt es hinfort, wie wir 
dieſer Ode des Wartens begegnen. Clemens, ſtarr 
mich nicht an! Auch an mir riſſen Zweifel! Vier⸗ 
mal, ſtundenlang habe ich mit meinem Weibe im 
Abſchied gerungen, daß Gott es ſonnen laſſe, daß 
er meinem Gretchen dieſen Jammer ewigen Ab- 
ſchiednehmens erſpare; doch es blieb: Schnee! 
Es blieben alle Fragen offen. Ich ſage Dir, auf 
dem Weg unſerer Wünſche kommen wir Gott nicht 
nahe. Werde ſchweigſam! Gott redet nicht! Er 
iſt allgegenwärtig! Richte Dich auf! Ich fühle 
Kräfte von Cherubim und weiß, auch mein 
Gretchen hebt ihre Hände auf und beſchwört mich, 
ſtandhaft zu fein; oder wie wollten wir Höllen 
beſiegen, wenn wir nicht zwei, drei, vier Tage lang 
Herr unſerer Gedanken ſein können! Antworte 
nichts! Tat ſei unſere Freundſchaft, Tat unſer 
Schwur. Mann, es gilt Beiſpiel zu ſein!“ Clemens 
ſchlich zerſchlagen und müde durch den Graben fort. 
Oer Kellner hatte ſich in den Gräben verlaufen. 
Ratlos wie in einem Frrgang ſtarrte er über die 
Bruſtwehr auf den Stacheldraht. Magiſch wurde 
er ſcharfreißend angelockt, ſeine Augenbrauen hoben 
ſich. Dicht hinter ihm ſchlug eine franzöſiſche Mine 


125 


4 
7 


in das Hindernis. Erde flog. Stöhnend ſtützte er 
ſein Kinn auf einen Sandſack; ausweichen konnte 
er nicht mehr. Mächtiger als zwiſchen Mond und 
Meer ſtrömten Gewalten vom Draht auf ihn zu. — 
Sie zwangen ihn aus dem Graben, in das Hindernis 
hinein. 

Hillbrand ſah plötzlich, wie jemand den Kopf weit 
auf den Rücken geworfen, mit überirdiſcher Kraft 
das Drahtgewirr aus dem Erdreich zog. Er meldete 
es dem Hauptmann. Werner kam mit dem Pionier. 
eine Leuchtrakete wurde abgeſchoſſen. Taghell 
blinkte das Hindernis. „Da hängt ja der Kellner 
im Draht!“ Kox fand Mittel, den Kameraden 
herauszuziehen. Hände und Geſicht bluteten über 
zerfetzter Uniform. Werner ließ ihn zum Koch in 
den Unterſtand tragen. — Während Kox dem 
Kellner das Blut abwiſchte, ſagte Fips, kopfſchüttelnd 
bei ihm kniend: „Ich möchte behaupten, ein Mohn⸗ 
feld in königlicher Marmorpracht könnte nicht roter 
leuchten. Armer Zeitgenoſſe, bald werden wir von 
dieſer edlen Flüſſigkeit ſo verſchwenderiſch Gebrauch 
machen dürfen, daß ich ganz Sparta für ein Jahr- 
hundert mit Suppen verſorgen könnte.“ Bei dem 
Pionier, der ihn anbrummte, er ſolle nicht ſo 
dummes Zeug reden, entſchuldigte er ſich: „Ich 
möchte Eure Rückſicht in Anſpruch nehmen, wenn 


126 


ich behaupte, daß man ſich erſt an alles gewöhnen 
muß. Wohl las auch ich im Frieden, auf dem Söller 
ſitzend, mit Vorliebe blutrünſtige Hiſtorien. Ich 
erbaute mich jedesmal, wenn ich nach ſolch einer 
ſchlafſcheuchenden Begebenheit das Buch ſchloß und 
über meine erlauchte Herrſcherfamilie ſah, die in 
Rofenalleen; meiner Hände Werk verdauend, über 
die Schönheit der Seele ſprach. Werter Herr 
Pionier, Ihr müßt mir zubilligen, daß der Wirk- 
lichkeit Antlitz keinen verſöhnenden Ausgleich ſchafft, 
und ich ſage, Verdun iſt keine Taube.“ — Werner 
kam. Dem Kellner gab er einen ſanften Backen 


ſtreich. „Haben wir noch heißes Waſſer? Vierzig 


Leute liegen mit Magenkrämpfen. Fips, ſorge für 
Deine Kameraden. Bald werden wir überhaupt 
nichts Warmes mehr bekommen. Nutze das Feuer 


aus!“ Der Koch ſah dem Hauptmann heftig 


huſtend nach: „So wollte ich doch, alle Hitze 
Griechenlands führe unter die Keſſel. Nutze das 
Feuer? Bald werden wir überhaupt keine Wärme 
mehr haben? Nun, das iſt eine kalte Ausſicht, aber 
ich hörte einmal, wie mein kleiner Prinz Georg 
zum Lehrer ſagte, daß der Welten Ende Abkühlung 
ſei. Ohne Überhebung möchte ich behaupten, daß 
ich ähnliche Erwägungen öfters ſchon unter der 
Mondſichel angeſtellt hatte, wenn ich an erloſchenem 


127 


Herd über geſcheuerte Keſſel ſag. Arme Zeit- 
genoſſen, ich will Euch das Blut noch einmal er- 
hitzen.“ — Er rührte im dampfenden Keſſel, „was 
mich anbelangt, ſo konnte es Sokrates nicht ſchlechter 
ergehen, als er den Gifttrank hinter den Stimm- 
bändern fühlte. Er beugte ſich zu dem Kellner: 
„Wahnſinniger, konnteſt Du nicht meinen Befehlen 
gehorchen? Mußt Du der Welt ſolch klägliches 
Schauſpiel bieten? Ich möchte behaupten, ſelbſt 
Gott mit allen Engeln und Erzengeln und dem 
ganzen Heer der himmliſchen Heerſcharen könnte 
der Welt den Stacheldraht nicht von den Gliedern 
reißen! Wahnſinniger! Was unterfängſt Du Dich!“ 


* 


erner erklärte Kox und Preis, die ſich frei- 

willig gemeldet hatten auf Erkundung zu 
gehen, die franzöſiſchen Gräben: A, B, C. „Bis 
an den C Graben müßt Ihr heran! Wahrſcheinlich 
werdet Ihr erſt hier Widerſtand finden. Zeichnet 
Euch klar ein, wo die Hinderniſſe zerſtört ſind, wo 
nicht.“ Dann klopfte er Kox auf die Schulter: „Daß 
mir das Minenfeld über morgen pünktlich in die 
Luft geht! 10 Uhr 59, ſonſt können wir nicht aus 
dem Graben! Denke daran!“ Mit felbftverftänd- 
licher Miene antwortete Kox: „Haben erſt kürzlich 


128 


in den Argonnen fo ein Ding geſprengt, daß wohl. 
80 Franzoſen wie Papierſchnitzel durch die Luft 
gefegt kamen.“ — „Und Ou! Nicht zu tollkühn 
und vorwitzig!“ Preis richtete ſich vor dem Haupt- 
mann auf. „Weiß der Kuckuck, nun wollte ich, es 
gäbe noch einen Graben D.“ — Werner ließ den 
Schnee von feinem Lager ſchippen, dann blieb er. 
allein. Es läutete ſchrill am Telephon. Er horchte. 
Minuten blieb es ſtill. „Geräuſche der Nacht! Wie 
ſie durch die Drähte kommender Schlacht ſtöhnen 


und klagen! Wie die Seelen derer, denen es morgen 


gilt! Bettelnd! Wünſchend! Drohend! Hallo?“ 
— Leiſe legte er den Hörer zurück. „Niemand hat 
ſich gemeldet? Seltſam! Was hat geläutet?“ 


* 


er Chef meldete dem Kommandierenden: 

„Die Artillerie hat angefangen.“ „Ich über- 

legte mir gerade, ob man die erſte Sturmwelle 
wieder aus dem Graben zurücknehmen ſolle. Acht 
Tage haben die Jungens im Waſſer gelegen. Nun 
ſehen Sie ſich dieſe Hinderniſſe an.“ Er klopfte mit 
ſeinem Kneifer auf die Karte. — „Exzellenz, beide 
Diviſionen ſind angewieſen, das Erkundungs- 
ergebnis umgehend mitzuteilen.“ „Iſt die Uhr ver- 
glichen?“ — „Zu Befehl.“ „Sorgen Sie dafür 


129 


daß morgen während des Angriffs dauernde Ver- 
bindung gehalten wird.“ Oer General ſchloß 
hinter dem Chef die Tür; dann zog er ſeine Uhr 
auf, hakte ſie von der Kette und legte ſie neben ſich 
auf den Tiſch. „Alſo um 11 Uhr.“ Seinen Nagel 
hielt er auf das Zifferblatt. „Um 11 Uhr. — So 
ſah ich vor 46 Jahren auf dieſe Zeiger, als die 
Garde zum Angriff ſchritt! Ich trug die Fahne 
bei St. Privat! Und als ich mir nachmittags, um 
dieſe Stunde war es, an einem Brunnen den 
Schweiß abwuſch und wie im Traum erſt über 
das Schlachtfeld, dann zur Fahne aufſah, die zer- 
fetzt von der Stange hing, — was war das für 
ein Krieg! Jeder Abend ein Sieg! Und über 
Schlachtfelder ritt unſer geliebter König mit Moltke, 
mit Bismarck!“ Seine Augen glänzten. Er ſah 
zum Fenſter. Das Artilleriefeuer wurde wütender. 
„Kaiſer, Paladine, Spiegelſäle, Fahnenrauſch, 
deutſcher Lande Hochzeitstage, da alles im Braut⸗ 
ſchmuck ging! Ergraut iſt mein Kopf; Söhne!“ 
rief er ernſt zu den Bergen hin, „zwiſchen einſt 
und heute fallen die Brücken! Eure Leiſtung brennt 

meine Erinnerung auf. Wie im Traum liegt alles 
zurück. Unwirklich!“ Er ſeufzte tief auf. „Was 
wird jetzt?“ Hilflos trat er vor eine Wandkarte und 
ſchrieb unter die Feſtung Verdun: „General Herr, 


130 


Gouverneur von Verdun,“ ſetzte ſich wieder und 
ſchaute, während er Aufſtellungspläne ſchwerer und 
leichter Artillerie ausbreitete, auf den Namen des 
Gouverneurs, wie ein Fechter, der ſeinem Gegner 
gegenüber tritt. 


* 


Ker kroch mit dem Trommler in den franzöſi- 
ſchen Graben. Er war unbeſetzt. „Kamerad,“ 
murrte der Trommler, „wenn Du in dem Atem 
weiter vorgehſt, dann bleibt für andere nichts mehr 
zu tun. Zch für meine Perſon denke, wir haben 
hier gute Deckung und was die fünf Meter an- 
belangt, die wir eben überkrochen haben, ſo war 
das auch kein Butterbrot. Selbſt in Betracht ge- 
zogen, daß der Preis der Butter fo infam an- 
ſchwillt.“ Kox rief, während er aus dem Franzöfi- 
ſchen wieder herauskletterte: „Dann hätteſt Du 
ebenſogut zurückbleiben können. Wenn wir nicht 
an den dritten Graben kommen, hat die ganze 
Erkundung keinen Zweck.“ Alſo folgte Preis. Am 
Graben B, gerade als ſie über das Drahthindernis 
ſteigen wollten, wurden ſie durch Salven überraſcht. 
Kox konnte gerade noch in ein Granatloch ſpringen 
und Deckung nehmen. Preis aber wurde durch 
ſein altes Beſchwerden, welches ſich in geſchilderter 


131 


Situation nicht. verminderte, in feiner Bewegung 
beeinträchtigt und mußte inmitten des feindlichen 
Feuers hinter einem mäßig ſtarken Baume hocken 
bleiben: „Sauſte das nicht ſo pfiffig um mein 
Geſäß herum? Ich bin verwundet, weiß Gott.“ 
Er wollte mit der Hand danach fühlen, da aber in 
dieſem Augenblick zwei Maſchinengewehre unſym- 
pathiſch zu hämmern begannen, wagte er ſich nicht 
zu rühren. „Duck Dich, duck Dich, Menſch,“ rief 
Kox. — „Weiß der Kuckuck, ſo wünſchte ich doch, 
daß ich Deine Kameradſchaft nicht zu beanſpruchen 
brauchte! Hätteſt Du mich nicht mitreißen können? 
Du ſitzt recht wie in Abrahams Schoß, indeſſen ich 
alle Qualen der Hölle erdulde.“ — Als es wieder 
ſtill wurde, erſchien der Pionier mit den Augen 
über dem Granattrichter: „Weiter, weiter!“ — 
„Weiter? Biſt Du taub, daß Du Dich noch über- 
zeugen willſt, ob der Graben beſetzt iſt, — wo es 
doch Kugeln gegeben hat wie Sand, den ein 
wütender Affe ſchmeißt?“ — Aber Kox war ſchon 
wieder neben ihm: „Nimm Oeine Drahtſchere! 
Hinterm Baum vor!“ — „Trage ich einen Panzer,“ 
ziſchte der Trommler hinter ihm her. „Bin ich 
unverwundbar? Hinterm Baum vor? Springt 
man ſo mir nichts dir nichts dem Tod in den 
Rachen?“ — „Memme,“ rief fein Kamerad zurück. 


132 


„Könnte ich Dir doch Deinen Schneid mit dieſer 
Schere hier abzwacken! Verwünſchte Tollkühnheit! 
Verſtand muß dabei fein, Geiſt! Memme? Ic 
nenne es Tapferkeit! Memme? Ich behaupte mein 
Leben! Ich trotzte ſelbſt den Fleiſchpreiſen und der 
Kartoffelnot! Iſt es ein Kunſtſtück, dem zu ent- 
fliehen? Nur durchhalten! Da kann ich mir ja 
gleich die Mündung an meine Schläfe halten, wenn 
ich ſo wahnſinnig nach vorwärts entfliehe. Haſt 
Du keinen Patriotismus?“ Wieder ſauſten In- 


- fanterietugeln. „Weiß der Kuckuck! Da ſinkt der 


Kox? Das kommt vom Totenkopf in den Kokarden. 
O Kox, kann Dir die Hand nicht geben, bleib Du 
im ewigen Leben, und ich denke, es wird Zeit, daß 
ich mein Leben nicht außer acht laſſe.“ Hinter ab- 
geſplittertem Aſtwerk ſchlängelte er ſich an den 
erſten Graben zurück und ließ ſich von der Bruſt- 
wehr auf die Grabenſohle fallen. Minutenlang 
glaubte er, er wäre tot. Erſt als ſich unter ſeinem 
Nabel ein Vulkan regte, beſann er ſich dergeſtalt, 
daß er ſich wie ein Held vorkam. Zu den deutſchen 
Gräben höhnte er hinüber. „Trinkt Ihr nur Punſch, 
indeſſen wir ganz alleine den Angriff vortragen. 
Nun, ich denke, man wird es zu würdigen wiſſen.“ 
— Als unmittelbar bei ihm Granaten einſchlugen 
und eine Schulterwehr auf ihn zu fallen drohte, 


133 


zwang er ſich hoch und ſtürzte von kaltem Leibſtich 
gehetzt, in den nächſtbeſten Unterſtand. Er erſchrak 
nicht wenig, als er neben ſich in gleicher Beichäfti- 
gung ſitzend, einen Franzoſen erblickte. Zitternd 
ſah er ihn an; doch da der Franzmann ihn gleichfalls 
bebend und bleich anſchaute, zitterten ſie beide und 
rührten ſich nicht. Als der Trommler Erleichterung 
fühlte, nutzte er dieſen Umftand aus, griff den 
Franzoſen am Hals, zog ihn von ſeiner Beſchäftigung 
fort und ſchrie: „Du biſt mein Gefangener, folge!“ 
— Doch als er mit ihm in den Graben kam, und 
das Artilleriefeuer nicht nachgelaſſen hatte, fluchte 
er: „Nun wünſchte ich wirklich, daß ich Dich hin- 
überſpucken könnte! — Weiß der Kuckuck, fünf 
Meter wollen zurückgelegt fein. He, Musjö, findeſt 
Du Weg?“ „Chemin? Chemin?“ — „Wui, Ka⸗ 
naille,“ ſchrie der Trommler; aber ehe er ſeinen 
zweiten Fluch aus der Gurgel hatte, war der 
Franzoſe ſchon aus dem Graben heraus und in 
den deutſchen geſprungen. „Nun wünſchte ich doch, 
daß ich Deine Geſchmeidigkeit hätte. Wirklich, 
Cäſar Schmidts Vergleich mit den Grillen ſtimmt. 
Aberſpringt da fünf Meter, als wäre es ein Gras- 
halm. Soll ich den Erfolg meiner Unternehmung 
aufs Spiel ſetzen und leichtſinnig wie ein Franzoſe 
ſein? Gibt es kein Sprachrohr? Nun bereue ich 


134 


es wirklich, daß ich nicht Pionier geworden bin! 
So könnte ich mir jetzt einen Gang graben. Armer 
Kox, wer ſollte Deinen Nachruhm verkünden, wenn 
mein Mund verſtummte!“ Einſchläge rückten von 
ihm fort, darum kletterte er aus dem Graben und 
ſchritt langſam auf die deutſche Stellung zu, laut 
„O Deutſchland hoch in Ehren“ ſingend. Mit Hände 
klatſchen und Hurra wurde er empfangen. Der 
Hauptmann, der es mit angeſehen hatte, verſprach 
ihm das Eiſerne Kreuz, worauf Preis nur kurz 
fragte, wo ſein Gefangener ſei. Als ihm bedeutet 
wurde, daß er leider nichts ausgeſagt habe, reckte 
ſich Preis: „Hättet Ihr mir das fünf Meter früher 
gemeldet, ich hätte noch ein Outzend ſolcher Kanaillen 
auffangen können, und was die franzöͤſiſche Stellung 
anlangt, ſo iſt dieſe ſo gut wie ausgeräuchert. Ein 
paar Kanaillen, nicht der Rede wert, hocken noch 
in den Gräben und erwarten ihr Schickſal.“ — 
„Und der Pionier?“ fragte Werner. Preis wiſchte 
ſich eine Träne aus den Augenwinkeln: „Hin ift 
hin, und ich wollte, er hätte mehr Selbſtzucht 
beſeſſen!“ | 


* 


. | 135 


N 


ips ſaß bei dem Freiwilligen im Unterſtande. 

„Bei aller erdenklichen Sehnſucht zu leben, 
rechnete ich auf Ihr Verſtändnis, Herr Heinz, wenn 
ich behaupte, daß mir der Tod des Narcis in dem 
mondwarmen Blütenflaum auf den Felſen Arka⸗ 
diens freundlicher dünkt als mit abgeriſſenem Hals, 
wie ein geköpftes Huhn ſich ein Grab in dem An- 
griffsgewirr noch ſuchen zu müſſen. Ja, ich möchte 
behaupten, daß ein Glas Sekt, am Abend kredenzt, 
wenn ſich der Bufen der Frauen lockert, freundlicher 
über die Zunge läuft als der Vorgeſchmack eines 
Angriffs, ſelbſt wenn er uns den Trank der Ewigkeit 
in Ausſicht ſtellt. Aber ich geſtehe, daß ich dem 
Spiel blauer Schmetterlinge zu lange zugeſehen 
habe, als daß ich das Sauſen der Granaten gleich 
poetiſch empfinden könnte. — Und ſo mag es dabei 
ſein Bewenden haben. Auch der Löwe, wie groß 
immer ſein Blutverluſt, verglichen mit der Taube, 
ſchließlich hat er im Tode nichts voraus vor ihr. 
Behaupten möchte ich alſo, es wäre weiſe gehandelt, 
ließe man jeden nach ſeiner Art ſterben.“ Der 
Freiwillige hatte die Augen geſchloſſen. Einer Ulme 
Wurzeln, die in den Anterſtand griffen, trieben ein 
grünes Zweiglein, als flüchtete der Frühlingsſaft 
vor der Vernichtung der Menſchen. „O wie ſchön, 
wie herrlich war ſonſt Stutm in den Wäldern, wenn 


136 * 


Baumkronen gegeneinander ſchlugen und Stämme 
im Winde knarrten. Fips, hörſt Du die Bäume? 
Hörſt Du wie das Erdreich ihrer Wurzeln dröhnt, 
wenn Aſte darauf zuſammenſtürzen?“ — „Maden 
wimmeln aus aufgeriſſener Rinde, ſo viele, daß ich 
ein neues Paſtetenragout erfinden könnte. Außer- 
dem, Herr Heinz, möchte ich behaupten, ein Mann 
wie ich, der in Trümmern von FJahrtauſenden ge- 
kocht und geſchlafen hat, kann durch den Ruin von 
hundert Jahren, denn älter ſchätze ich dieſe Pflan- 
zungen kaum, erheblich nicht berührt werden.“ 
Beide ſchwiegen. Aber fürchterlicher heulten 
Granaten über den Graben und noch war kein 


Trommelfeuer. 
* 


Kor meldete ſich bei Werner zurück. „Doc 
durchgekommen?“ „Es ging hart zu.“ „Trink 
den Kognak.“ Und der Hauptmann gab ihm eine 
Flaſche. „Trink, trink.“ Der Pionier dankte: „Das 
tut gut, aber was die Geſchützeinſchläge anbelangt, 
ſo liegen die faſt alle zu kurz, und Gaſſen zu ſchneiden, 
ausgeſchloſſen! Der raffinierteſte Pionier ließe 
Haare dabei. Beim geringſten Schnauf ſchlagen 
Maſchinengewehre an. Das Reſumee, Herr Haupt- 
mann, oder das Refultat, wie man zu ſagen pflegt, 


137 


iſt Null; denn vor dem Graben C find die Hinderniſſe 
ſo gut wie gar nicht beſchädigt. Herr Hauptmann, 
einer muß es kontrollieren.“ „Wohin? Sind Sie 
toll?“ Und Werner hielt ihn am Arm. „Wenn 
nicht einer aufpaßt, ob unſere Brummer treffen, 
dann kann der Sturm nicht reüſſieren.“ Mit dieſen 
Worten machte er ſich los und ſchnellte wieder aus 
dem Unterſtand. Werner ſah ihm bewegt nach und 
ließ feine Zugführer kommen. Das Erkundungs- 
ergebnis meldete er den Diviſionen. Dann breitete 
er eine Karte im Maßſtab 1: 5000 aus, zirkelte ab 
und ſagte den Eintretenden: „Meine Herren! Wir 
dürfen nur an das eine denken: heraus aus dem 
Walde. Sollten Gefangene gemacht werden, — 
wir dürfen uns nicht aufhalten laſſen.“ Und während 
er die Kerze wieder anzündete, die durch den Wind 
vorbeifliegender Granaten gelöſcht war, fuhr er 
fort: „Vergeſſen wir unſere Aufgabe in keinem 
Augenblick! Ferner“, und er beugte ſich von der 
Kerze fort, „haben Sie daran gedacht, Nachfolger 
zu beſtimmen? Clemens? Ja, es hilft nichts, nicht 
auf uns kommt es an, ſondern daß der Angriff 
glückt.“ Mit zuſammengezwängten Mundwinkeln 
ſtarr ſtanden die drei Geſichter der Zugführer, von 
flatterndem Licht überhuſcht, wie Marmorköpfe. 
Werner ſetzte ſeine Mütze tiefer, und es war ihm, 


138 


als ſpräche er nicht mehr mit Lebendigen. Er 
knotete Zirkel und Kilometermeſſer an feinem Rod 
feſt, faltete die Karten unter den Zelluloiddeckel 
ſeiner Taſche und fragte: „Alles klar? Alſo Punkt 
11, wenn wir die Exploſion des Minenfeldes hören! 
And überzeugen Sie ſich, daß nur die erſte Welle 
Handgranaten bekommt, ſonſt ſchlagen wir uns 
gegenſeitig tot.“ Er ſah nach der Ahr: „Noch neun 
Stunden; ſchlafen ſie.“ Ohne Antwort zu geben 
oder einen Geſichtsmuskel zu verziehen, löſten ſich 
die drei Köpfe voneinander, und es blieb flimmernde 
Luft vor dem Hauptmann. — Draußen im Graben 
verabſchiedeten ſich die Zugführer. Clemens blieb 
allein. Vollmond wärmte die Winterſtarre. Sein 
milder Glanz hob ihn in die Bläue der Nacht. Und 
wie er ſich im Unendlichen verlor, fühlte er ſeinen 
Leib nicht mehr. Himmelshelle brach in ſein Herz. 
Ihm fiel der Kopf zur Bruſt, wie der Blume der 
Blütenkelch, wenn heiße Sonne ihn trifft. Da 
weckten ihn Gewehrſchüſſe und jene rätſelhafte 
Feſtung mit Mauern, Forts und verſchanzten 
Wäldern ſtand wieder dunkelkalt vor feinen Wim- 
pern. Aber als er die Augen auftat, floß weißes 
Licht über Sandſäcke der Bruſtwehr. Er trat heran, 
legte ſein Gewehr in die Scharte und viſierte über 
den blinkenden Lauf, als könne er auf dem Licht- 


139 


ſtrahl das Geſicht ſeiner Seele wiederfinden. 
Schweigend wartete er in ſtaunender, entſchloſſener 
Gebärde. 


* 


Dee Trommler hockte ſich zu dem Freiwilligen. 
„Weiß der Kuckuck, man ſollte bei jeder 
Unternehmung den Verſtand nicht zu gering ein- 
ſchätzen. Bengelchen, ich ſage, es iſt ſchade um den 
Nichtsnutz! Bei aller Verſchiedenheit unſerer An- 
ſchauungen war der Pionier doch ein Brauchbarer! 
— Aber er konnte ſeinen Ehrgeiz nicht zügeln! Ich 
bin der letzte, der ihm etwas nachſagt, aber hätte 
er anſtatt ſeines Totenkopfes Selbſtzucht zwiſchen 
den Kokarden getragen, ſo lebte er jetzt in Hoffnung, 
wie ich. Bengelchen, und kröche mir nicht eine 
Kreuzſpinne über den Arm, ſo würde ich ſagen: 
dem Verdienſte feine Krone! Das iſt ein recht- 
ſchaffener Satz, mit dem man leben kann.“ — Heinz 
hielt ſein Ulmenzweiglein in der Hand: „Wie es 
nach Blüten duftet.“ Seine Meiſe nahm er und 
ſchmiegte ihr weiches Körperchen an ſein Geſicht, 
„Preis, ich gehe zum Koch.“ — Der Hauptmann 
ſah in den Unterftand. „Wenn Ihr noch Poſt er- 
ledigen wollt, tut es gleich, es wird die letzte Ge⸗ 
legenheit fein.” — Dann ſtieg er hinter die Unter⸗ 


140 


ſtände feiner Kompagnie und wachte. Die Uhr 
ſah er an und hielt ſie ans Ohr. „Tick, tick, ſeltſam, 
wie das Pochen des Blutes. Die Sterne laufen 
nach ihrem Schlag, und den Morgen kündet ſie 
an. Den Sturm! Dies kleine Ding! Ihre Räder 
greifen noch ineinander, wenn unſer Herz viel- 
leicht...! Weiter geht alles, weiter dieſe uner- 
meßliche Zeit, in die wir Menſchen geworfen ſind. 
Aber unſere Ahnung mißt keine Uhr!“ — Seine 
Augen leuchteten im Dämmer. Stumm ſchlug er 

den Mantelkragen auf und horchte, wie Schleuſen 
des Untergangs mit dem Morgen aufdonnerten, 
als zerbröckle die ſchöne Welt unter dem ein- 
ſetzenden Trommelfeuer in ihre Atome. 


Ju das weite Angriffsgelände, unter ent- 
feſſeltem Artilleriekampf verqualmt, ſahen 
der General und ſein Chef. Unweit von ihnen im 
Schnee an einem Kruzifix ſtanden der Kellner und 
zwei Verwundete; ein Blinder und ein Tauber, 
die der Arzt wegen der warmen Mittagsſonne aus 
dem Lazarett geſchickt hatte. „Sieht man das 
Trommelfeuer?“ fragte der Blinde. Der Kellner 
nickte: „Ungeheuer, ungeheuer! Einſchläge im 
weiten Umkreis. Dörfer und Wälder rauchen!“ 


141 


Und dann klopfte er mit einem Feldſtein die Füße 
des Heilands ans Kreuz. — „Was klopfſt Du?“ — 
„Ich klopfe, ich klopfe!“ — Der Taube hockte auf 
einer Dede, die er immer wieder glättete, als höbe 
ſich der Boden unter ihm auf. Dann zeigte er mit 
langen Fingern in die Schollen, bis der Kellner 
fragte: „Ein Maulwurf?“ — Aber der Taube 
ſprang hoch, riß die Decke mit und ſetzte ſich auf 
eine andere Stelle. Ein Soldat kam gelaufen und 
ſchrie den Kellner an: „Sie ſollen mit Klopfen 
aufhören!“ — „Das ſage ich auch, dann ſprängen 
dieſe Beine nicht immer vom Holz, aber bei dem 
Luftdruck halten die Nägel nicht!“ — „Quatſchen 
Sie nicht!“ Und er ging wieder zu dem Stabe des 
Generals. Der Kellner ſchüttelte den Kopf und 
knöpfte feine Hoſenträger ab. Mit ihnen knotete 
er die Beine feſt: „Das darf doch nicht in der Luft 
hängen!“ — „Ich höre die Luft!“ ſagte der Blinde. 
„Das find Vogelſchwärme, die von der Cöte fliehen!“ 
— „Fliehen fie?" „Wie man's nimmt, Du kannſt 
auch ſagen, ſie machen Platz!“ „Ich ſähe für mein 
Leben gern, wie das Trommelfeuer ausſieht, wenn 
man nicht wie ſonſt mitten drin ſteckt.“ — Der 
Taube machte plötzlich ein ſchreckverzerrtes Geſicht 
und lief, als bäumte ſich die Erde im Blut, zum 
Dorf zurück. Der General fragte, Schnee von den 


142 


Füßen ſchüttelnd: „Nun?“ Oer Chef ſah gierig 
mit geöffneten Naſenflügeln nach der Uhr. „Ex- 
zellenz, in fünf Minuten.“ — „Sit es ſchon 112“ 
„Gottſeidank, in fünf Minuten geht die Infanterie 
aus den Gräben.“ — Der Kellner bemerkte, wie 
der General ſein Haupt entblößte und riß dem 
Blinden die Mütze vom Kopf. „Was tuſt Du?“ 
„ die Leute da vorn nehmen die Hüte ab.“ „Warum?“ 
— „Weil's jetzt losgeht!“ Und damit zog er den 
Hoſenträger feſter an. Der Trommeleinſchlag aller 
Batterien wandelte den leichten Raum in ein 

Chaos nachtgeborener Töne. Die Bergwälder um 
Verdun verfhwanden in Dämpfen. Der Blinde 
taſtete und packte des Kellners Stiefel: „Du ſagſt, 
es ginge jetzt los? Dann iſt's gut!“ — „Was iſt 
gut?“ „Daß wir die Mützen abnehmen!“ 


143 


Stur m 


eder war auf feinem Poſten. Am 
8 großen Minenfeld glimmte die Zünd- 

ſchnur. Unterſtände glühten von Augen. 
In gedrängten Menſchenknäulen ſchlug ein 
Herzſchlag der Erwartung. Weltenzertrüm⸗ 
mernder Lärm warf ſtechende Glutwellen auf 
Ohren der Mannſchaft. Durch Gehirne ſtach und 
hämmerte es. Werner ſah nur das Zifferblatt. 
Zwiſchen Sekunden — und Sekunden türmten ſich 
Ewigkeiten. Uhr wuchs ins Weltall. Er war Gott, 
der zwiſchen eins und zwei und vier Schöpfungen 
erſann und zerſchlug. Gewaltiger einte ſich Wille 
vor der letzten Sekunde: „Werde!“ Bis es aus 
geheimnisvoller Macht aufſchrie: „Vor, aus Gräben 
heraus!“ Erſtaunten Geſichtes ſah die Kompagnie 
ihren Kopf über dem Grabenrand: was würde 
kommen? — Clemens biß die Zähne in Lippen, 
daß ſie bluteten. Tod war nun aufgeweckt. Drohend 
ſprang er unter der Trommelwut aller Batterien. 
Es grinſte ſein Maul. Der Hauptmann hob — 
„Il Uhr“ — den Arm, aber das Minenfeld explo- 


144 


dierte nicht. Er wartete von 11 Uhr 1 bis 11 Uhr 2, 
bis 11 Uhr 3, — von Nachbarabſchnitten klang Lärm 
vorgehender Kompagnien —, ihm rann Schweiß 
über's Kinn. Das Minenfeld explodierte nicht. Über 
jene Fläche, die unter ihnen jeden Augenblick berſten 
konnte, mußte er vor. Eiſige Glut überkam ihn, 
als er dem Sturm Zeichen gab. — Hillbrand 
kletterte, in geſchwungenem Arm eine Axt, aus dem 
Graben. Dräuenden Knies, vom erſten Geſchoß⸗ 
hagel, der am Grabenrand ſuchte, unberührt, be⸗ 
wegte er ſich an den Feind. Hinter ihm ſchreitend, 
in fürchterlicher Ruhe, ſeine Soldaten. Gedanken, 
Gefühle, ſetzten aus. Wilde Todesangſt wandelte 
alle Leiber in raſende Inſtinkte der Selbſterhaltung. 
Einziger Trieb zwang ihre Leiber vor und riß ſie 
vorwärts. Sturmhelme wogten unter dem Geäſt 
dahin wie ſchwarze Tiefen. Nur weiße Binden an 
Tod ſchleudernden und ſinkenden Armen trugen 
Giſcht und helles Jauchzen in finſteren, wortloſen 
Angriff. Erbarmungslos ſauſte Hillbrands Axt, 
während er Bahn ſchlug, durch Feind und Geſtrüpp. 
— Clemens warf in höchſter Nervenſpannung, ſchön 
wie ein geſtreckter Panther, Handgranaten in blaue 
Haufen, die mit ſtarren Augen an ihrem Verhängnis 
hingen. Linkes Bein ſtellte er ſchräg vorwärts, daß 
ſein Becken krachte, holte mit rechtem Arm aus, als 


145 


ſchleudere er alle Donner Gottes, und warf letzten 
Widerſtand vor ſich blitzend, aufſchreiend um. Er 
war am zweiten Graben. Werner ging waffenlos, 
fauſtgeballt vor der Sturmtruppe, ſchweigend. 
Seinen Kopf wie ein Adler, bald über die rechte, 
bald über die linke Schulter werfend, ſprühte er 
Wellen ſammelnder Energie über den Angriff. 
Bei ihm der Trommler in gelöſter Kraft. Blaue 
Fäuſte wirbelten über das Trommelfell. Was er 
ſpielte, war kein Marſch. Es wurde dumpfwachien- 
der Ausdruck von Todesgrauen! Grauſig zwang er 
immer wieder das durch eiſenreißenden Ruck unter- 
brochene Donnerlied zu einem einzigen, rhythmiſch 
aus dem Herzſchlag hitzenden Brand der Vernich- 
tung. Unter zerſplitterndem Wald ſchwälte die 
Flamme, noch brach ſie nicht auf. — Ein Blockhaus 
nach dem andern wurde grabesſtill. Stahlgraue 
Waffen, Geſchütze und Maſchinengewehre blieben 
richtungslos, ſtarr hinter wilder Vorwärtsbewegung. 
— Wie Maienſonnenſtrahl flog der Freiwillige 
durch Bäume dahin, bald hier, bald dort Befehle 
des Hauptmanns überbringend. Sein Dolch glänzte 
wie flüſſiges Metall. Und es begab ſich, als er aus 
einem Blockhaus heraus, neben ſich Kameraden 
getroffen ſah, daß er hinſtürzte und ſein blankes 
Bajonett in drei Franzoſenbrüſte ſtach. Lächelnd, 


146 5 


„wie von fremder Macht gepackt, ſtand er an blutiger 
Wand, als Clemens hereinſchrie: „Vorwärts, 
weiter an den dritten Graben heran.“ „Die habe 
ich erſtochen, darf ich ſie mir nicht anſehen?“ — 
Clemens ſtürzte ins Knie wie ein Steinklotz, aber 
der Schlachtlärm hob ihn mechaniſch aus ſeiner 
Erſtarrung. Er riß den Buben am Arm über ver- 
ſtummte Geſichter weg und ſtieß m wieder vor 
in den Sturm. 


* 


De Koch kauerte ſtill im Unterſtand und fchüttelte 
tränenſchwer ſein Haupt. Als der Lärm ſich 
mehr und mehr von ihm entfernte, ſtand er auf 
und überlegte, ob er das Hammelfleiſch allein oder 
mit Wirſingkohl zubereiten ſolle. Die kleine Meiſe, 
deren Pflege der Freiwillige ihm ans Herz gelegt 
hatte, ſaß mit eingezogenem Köpfchen zitternd auf 
ein paar zurückgelaſſenen, ſchmutzigen Strümpfen 
von ihm. In die beweglichen Auglein ſchaute Fips 
tief hinein, während er ihr etwas Speck an den 
Schnabel rieb: „Arme Zeitgenoſſin, wo Du Ge⸗ 
danken haft, fo bitte ich Dich, unterdrüde fie; denn 
ich weiß, was Du ſagen möchteſt. Und damit mag 
es ſein Bewenden haben.“ Er brachte harten 
Spiritus in Flammen und dachte, während er 


147 


Büchſen aufſchnitt und ihren Inhalt zujammen- 
miſchte, recht innig an den Magen feiner Kame- 
raden. Nichts anderes brachte er hervor, als N 
Zeitgenoſſen!“ — 


* 


E⸗ war Nacht, als Befehl erging, ſich einzu- 
| graben. Wald war hinter ihnen. Vor den 
Sturmkompagnien wölbten ſich Bergkuppen. In 
kalten Wellen klatſchten Batterie auf Batterie durch 
den Caureswald. Aus naſſem Schützenloch richtete 
ſich der Freiwillige auf. Er horchte der klagenden 
Natur. Geſundes, zartes Holz ſplitterte bis zu ihm 
hin. Kronen wankten; ein Sanitätsſoldat, der 
Verwundete verband, wurde durch einer Eiche ab- 
geſchoſſenen, leibdicken Zweig zerſchmettert. Wie 
ein heulender Rieſe ſtand der verwundete Wald. 
Himmelstrunkene Arme waren geknickt und nieder- 
geſchlagen! — Weich, aus der Höhe der Nacht fiel 
Schnee und ſenkte ſich kühlend auf wundheiße 
Flächen: „Was habt Ihr getan, arme Wälder! 
Lebtet Ihr nicht aus gleicher Erdenkraft wie wir? 
O Mutter, behüte den Wald wohl. Erſchrecke die 
Eidechſe nicht, wenn ſie bald unter dem Mooſe in 
den warmen Frühlingstag ſchwänzelt. Streichle 
mir alle die tauſend Blumen; meinen Sternen 


148 


teppich der Heimat. Sie find beſſer als wir. Behüte 
die Hecken wohl! Wenn fie lichtgrüne Blättchen 
treiben, brich ſie nicht ab. Es tut dem Walde weh, 
wenn ihn unſere Hand berührt. Lauſche ihm, wenn 
Wind in ſeiner Laubfülle ſpielt und goldenes Licht 
nicht weiß, wo es zu ſcheinen aufhören ſoll in dem 
unendlichen Gewirr aller Pflanzen. Hörſt Du die 
Eulen des Nachts, wenn fie ſamtweichen Flügel- 
ſchlags durch die Zweige gleiten, ſo grüße ſie, 
Mutter. Ach, gedenke der Meiſen und vergiß ſie 
mir nicht. Mutter, Mutter: Wälder, die wir hier 
durchſtürmen, ſind leer und tot. Vor uns flieht 
Vogelſang! Wie ſtarre Finger ragen ſie auf aus 
ſchreckvoller Schlacht. Von feinem Dolch flog 
Blutgeruch. Er bekam Schüttelfroſt. Drei blutige 
Menſchengeſichter ſtarrten ihn an. Er wehrte ihnen 
verzweiflungsheiß und ſchaute vorwärts zum dunklen 
Beaumont hin. Magiſch, teufliſch grinſte dies 
Ziel ihres Angriffs wieder. Wie ein Zauberberg 
ſprühte es unaufhörlich Feuerpfeile und Leucht- 
kugeln in die Dunkelheit. 
* 


De Kommandierende eilte in das Generalftabs- 
| zimmer: „Von den Brigaden Meldung?“ 
„Nein, Exzellenz!“ „Von den Diviſionen?“ „Auch 
nicht! Aber ſie müßten jetzt durch den Caureswald 


149 


“ fein.“ — Oer General ſah den Chef an: „Sie 
werden durch fein.“ — Leiſe ſchlürfendes Bleiſtift- 
geräuſch glitt über Papier. Von Telephongeſpräch 
zu Telephongeſpräch ſpannte ſich Spannung. Der 
Chef zeigte auf die Karte: „Unſer Nachbarkorps 
ſoll ſchon in Haumont ſein und die Brandenburger 
im Herbébois und vor dem brennenden Ornes!“ 
„Ich weiß, ich weiß,“ und er faßte dem Major, der 
am Telephon wie vor des Schickſals Lippen ſaß, 
auf die Schulter: „Nun?“ — „Exzellenz, das Ober- 
kommando hat zum fünften Male angefragt, wie 
es mit dem Angriff ſtünde.“ „Zum fünften Male?“ 
Er legte ſeine Hand auf den Hörer. Befürchtung? 
Wenn ſein Korps nicht vorwärts käme, es hatte 
den ſchwerſten Abſchnitt! Einen Offizier, der 
Farbenpinſel im Blauen rührte, fragte er: „Worauf 
warten Sie?“ „Die erreichten Linien einzutragen, 
Exzellenz!“ Der General drückte feine Finger in 
die Farbe, ſtrich über Beaumont und 344 und 
wandte ſich zum Chef: „Sie muß hin — und kommt 
hin!“ Es wurde ſchwarzer Kaffee herumgereicht, 
als die Nachricht kam, die Oiviſionen hätten Fühlung 
mit dem Nachbarkorps. Da lächelte der Komman- 
dierende: „Wie ſpät?“ — „3 Uhr morgens,“ und 
befahl: „Mein Auto; ich will zu den Oiviſionen vor.“ 


* 


150 


In ſchlichtem Zimmer, während Schnee alt- 
ehrwürdige Giebel und Kaiſerdome mit 
bleichen Tüchern bedeckte, lag in Kindes- 
nöten ein. Weib. Blut ſtieg auf und hob Brüſte 
an hartlaſtende Decken. Zittern ertrank in auf- 
brechender Flut aller Natur. Während ſich Finger 
in Kiſſen krallten, war es, als ränge mit Sterben, 
das Leben. Seinen Lichtdrang ſchüttelnd quoll es 
unter dem zarten Leib ſo rückſichtshart, bis es endlich 
in Atem ſtand und feines Werdens Form wie zer- 
ſchlagene Jahrhunderte von ſich ſtieß. — Zu gleicher 
Zeit hob ein Mann vor Oank und Seeligkeit die 
Stirn und achtete der Granaten nicht, die um ſein 
gebrechliches Fleiſch drohende Gräber riſſen. Es 
war Hillbrand, der ſeines Sohnes Geburt erahnte. 


* . 


ie braune Eingeweide lagen Felder zerwühlt 

und aufgeworfen. Leiber der Kompagnie 
duckten ſich lauernden Tigern gleich unter dem 
Stahlſang ſauſender Zünder zum Sprung auf 
Beaumont und 344. Sonnenbeglänzt lockten ihre 
ſchneeigen Höhen wie der Viktoria atmender Leib. 
Als Werner plötzlich brüllend aufiprang und 
„Beaumont“ den Abhang hinaufwies, da war es, 
‚als hackten Feuerkrallen nach vorn. Mit hemd- 


151 


freiem Arm raſte Hillbrand zugvoraus, den Clemens 
überholend. Des Tambours Schenkel ſchlug 
trommelan, daß ſie in ihrem Hohlraum dröhnte. 
Wiehernden Rofjen gleich, die Triumph hinter ſich 
ahnen, drohte jeder Zügel zu reißen. Noch einmal 
zwang der Hauptmann zur Atempauſe. Doc als 
ſein erlöſendes „Auf!“ von den Lippen ſang, da 
ſchnellten ſie alle dahin, ihre Köpfe mächtig aus 
den Schultern ſchüttelnd. Befehle zerſchäumten im 
Wind ihrer Eile. Wild, in leuchtendem Wettlauf, 
ſchnaubten ſie an die Hinderniſſe heran. Da die 
breite, ſtachlige Fläche nicht zerſtört worden war, 
ſprang Clemens als erſter hinauf, daß ſie wie 
Saitenſpiel dröhnte und unter dem Niederſprung 
aller Soldaten hinkrachte in ihrem ganzen Gefüge. 
And als ſchöſſen ſie nach Verdun hinein, ſtürzte 
die Sturmkompagnie der Franzoſenflucht nach. 
Dorfentlang wurde gekämpft. Von Haus zu Haus. 
Hillbrand lief, letzte Sonne im Haar, durch Glut- 
wellen brennender Straßen. Blutſchreie und Ge- 
wehrknalle ballten ſich zu dunklen Qualmwolken. 
An der Kirche oben, wo Treppen zum Eingang 
führen, riß er den Rock ab und ſtemmte ſich mit 
nackten Bruſtwarzen gegen ſchweflige, tödliche 
Dämpfe, die aus Türſpalten nach ihm griffen. 
Einen langen, ſchwarzäugigen Franzoſen, der eine: 


152 


Handgranate vergeblich gegen ihn fchleuderte, 
packte er an den Schultern, ſchlug ihm Waffen fort 
über das Handgemenge, und rang — „kämpfe, 
beweiſe Kraft, Drachenbrut!“ — Leib an Leib mit 
ihm. „Ihr wollt unſer Heim vergiften?“ Er drückte 
ihm Rippen ein: „Unferen Herd beſudeln? Speie 
Dein Finſterblut aus der Gurgel!“ Während ihm 
ſeines Kindes Bild ſehnſuchtstoll über ſchwarzem 
Haarſchopf erſchien, wuchtete er den geſchmeidigen 
Leib ſeines Gegners vom Boden und ſchmetterte 
ihn rücklings auf Steine, daß Blutſtrahlen über die 
Zunge ſtürzten. Aus adrigen Armen ſtreckte er 


dann um den haarigen Hals des Franzoſen wütende 


Finger und ſank — „fo ſollt Ihr bald alle am Boden 
liegen“ — von rückwärts getroffen, über den 
Röchelnden hin. 

Preis, der trommelte, als ſollten ZJerichos 
Mauern fallen, fah, wie in das Kirchturmfenſter 
ein Gewehrlauf verſchwand. — Er lief. Schwach 
richtete ſich Hillbrand vor ihm auf. Aber er hatte 
keine Kraft mehr. — Kalt vor Wut und Rache, als 
ſein Kamerad unabänderlich tot auf den Franzoſen 
ſank, drängte ſich Preis über Leichen und Ver- 
wundetenqual in die Kirche hinauf, bis er beim 
Glockenſpiel oben verſteckt den Franzoſen fand. 
Gewehrſchüſſe trafen nicht. Als der bis ins Mark 


153 


Erſchrockene feine Hände hob, ſprang er ihm an 
die Gurgel: „Du haft unſeren Hillbrand erſchoſſen? 
Heimtückiſch erſchoſſen von hinten! Du Hund, Du 
hinterliſtiger Hund!“ Speichel flog von ſeinen 
Mundwinkeln, als er die Trommel hob und mit 
der Kompagnie heiligſter Sturmmuſik zuſchlug auf 
ihn, und ſchlug und hämmerte, bis Trommelfelle 
zerfetzt, zerſtückelt über den toten Franzoſenſchädel 
glitten, und ihm der bunte Reifen als Halsring 
ſtecken blieb. „Du hinterliſtiger Hund!“ Von Herz- 
ſchwäche bleich fiel er unter den Glocken zuſammen. 

Aus Entfernung hatte Werner den Kampf mit- 
angeſehen. An Hillbrand trat er heran, legte ihn 
von dem Franzoſen und ſtrich über feine ſchweiß⸗ 
kalte Stirn. Dann ſuchte er nach dem Trommler. 
Sechs Uhr ſchlug es, als er vor ihm ſtand. Der 
Hammerſchlag klang glashell von der Glocke. Mäuſe 
huſchten über den Boden. Dämmerung hauchte 
kalt über das Meſſing am Trommelreifen; von dem 
Franzoſen nahm er ihn ab. Dann packte er Preis 
unter den Armen und ſchleppte ihn mit ſich her- 
unter. Auf halber Treppe, ganz im Finſtern, wo 
es niemand ſah, beugte er ſich über feinen ohn⸗ 
mächtigen Tambour: „Stirb mir nicht, ſtirb mir 
nicht, es ſind zu viele ſchon fort von Euch! Stirb 
nicht! Ihr müßt leben, wir ſind noch nicht am 


154 


— 


Ziele!“ Warme Tränen erweckten Beſinnung. 
Über Blutpfützen und Schneebäche trug er ihn 
zur. Krankenſtelle und ſcheuerte ihm Bruſt und 
Geſicht mit Ather ab. Arzte bat er, ſich des Gefreiten 
anzunehmen und ſtieg über Verbundene ins Freie. 
Erfrorener Winterkohl ragte aus Schnee. An 
Zäunen und Hecken hockten entblößte Soldaten. 
Stöhnenden Geſtank ließ er hinter ſich und ſprang 
auf zerſchoſſenes Land. Den Sturmhelm 3 er 
ab; ſein Kopf war Vulkan. — 

Clemens räumte Keller und Unterſtände aus. 
Über dreihundert Gefangene hatte er in Marſch 
geſetzt. In den letzten ſtark betonierten ſtieg er 
hinunter mit Kox. Auf Pritſchen ſitzend, rauchten 
25 Franzoſen, würfelten und ſpielten Brettſpiel, 
als ginge fie die ganze Schlacht nichts an. Katzen- 
große Ratten ſprangen zwiſchen den Beinen herum. 
Abelerregende Luft drängte ſich an Naſenlöcher 
und Gaumen. Gleichgültigkeit ſtand Drohung 
gegenüber. Clemens befahl dem Pionier, die Blau- 
mäntel herauszuführen und folgte. Als der Frei- 
willige hinunterrief: „Hillbrand iſt gefallen!“ fiel 
er zur Wand, zwang ſich hoch, gab dem letzten 
einen Puff, daß er ſchneller gehe und folgte doch 
zögernd. Er bat Heinz, ihm den Platz des Todes 
zu beſchreiben. Dann ſchloß ſich Dunkelheit hinter 


155 


ihm. Lichtſcheine ſpielten über Schneeflächen. Des 
Kirchturms Schatten flackerte geſpenſtiſch. Bis zum 
Dachſtuhl brannte Gebälk. Fenſter platzten vor 
praſſelnden Flammen. Rote Kreuzritter ſuchten 
alle Winkel nach Gequälten ab. „Hillbrand,“ 
flüſterte Clemens, als der Kopf ſeines Freundes im 
Licht fallender Fackeln ſeltſam aufleuchtete: „Hill- 
brand!“ und er preßte ihn an ſein Herz. Da immer 
neue Pfeiler wankten, trug er ihn unter Dach in 
einen nahen Schafſtall. Lämmer äugten erſchrocken 
aus rubinroten Augen. Im ODorfbrand wurde es 
taghell. Den Leib, der wie ein gefällter Stamm 
ausſah, zog er auf feine. Knie. „Als wir in Heidel- 
berg durch Ruinen gingen und ſich Fürſtenſäle mit 
deutſcher Geſchichte füllten, dacht ich an fo etwas 
nicht! Wie wir auf die Stadt herabſchauten, auf 
den ſchlängelnden Neckar, unter ſteinernen Brücken, 
auf läutende Kirchen, Hillbrand, Hillbrand! Wie 
überragteſt Du mich!“ — Er beugte ſich zur bluten- 
den Bruſt: „Wie durchſchwärmten wir beide die 
Wälder, wenn Vollmond über den Eichen ſtand! 
Wie waren wir jung! Wie befeſtigt war unſere 
Welt! Nun hat es Dich getroffen. Etwas fällt ab 
mit Dir! Kaiſerzeit! Fahnenzeit! Seh ich Dich ſo? 
Jede Erinnerung ſtirbt mit Dir! Ein Jahrhundert 
ſteht vor mir auf! PBiefen Jammer wird es 


156 


® 


vergelten! Diefes Blut, dieſes geronnene 
dunkle Blut — Hillbrand! Hilldrand...“ ihm 
ſchwand die Beſinnung. — Der Trommler kam 
ſtockgeſtützt und warf ſich, als er den Toten in 
Clemens Armen ſah, hin: „Ich wollte, weiß der 
Kuckuck, wir wären ſchon wieder im Angriff und 
müßten nicht rückwärts ſehen! Wäre nichts weiter 
als meine Trommel dahin, ſo wollte ich Hände 
falten und beten: „Gnädiger Gott, habe Dank; 


ſo aber kann ich's nicht.“ Clemens kam zu ſich — 


ſtarrte den Trommler an: „Menſchen! Menſchen! 
Beſtien ſind wir!“ Dann warf er den Kopf trotzig 
zurück und ſtellte ſich aufrecht im Feuer der Dorf- 


ſtraße hin. — Preis ſah glotzend hinter ihm her 


und hockte ſich neben die Leiche. Es war ihm, als 
müßten ſich Augen öffnen. Er hätte Hillbrand gern 
einen Marſch vorgeſpielt, aber ſeine Trommel war 
ja dahin. „Weiß der Kuckuck, ich will ſehen, daß 
ich mir wieder ſolch Inſtrument verſchaffe! Dann 
will ich drauf zuſchlagen, bis Ihr alle wieder die 
Augen auftut, Ihr Toten; oder ich wollte, ich läge 
bei meiner Trommel!“ Er ſtand auf und ging. 
Zerbrochene Gewehre lagen an den Häuſern wie 
verſchüttete Streichhölzer, Säbel und Seitengewehre 
blitzten aus drahtverſponnenen, zur Verteidigung 
eingerichteten Mauern. Er ſuchte. Seine er- 


157 


frorenen Hände wühlten in allem Zurückgelaſſenen. 
In franzöſiſchen Trinkgeſchirren, Riemen, Stiefeln, 
Torniſtern, aber eine Trommel fand er nicht. Einen 
Kameraden, der eine große, entleerte Gasflaſche 
ſchulterte, rief er an: „Haſt Du irgendwo eine 
Trommel geſehen?“ Als der Soldat ſich ins Licht 
drehte, erkannte Preis — „ſtehen die Toten auf?“ 
— ſeinen Kox: „Bengel, Bengelchen, Du lebſt? 
Seit wann biſt Du wieder lebendig, weiß der 
Kuckuck; ſage nichts, ich fühle es, Du haſt noch 
warmes Blut, Kox, wir wollen zuſammenhalten, 
weiß der Kuckuck, Tod iſt ein rauher Geſelle. Bleiben 
wir Freunde!“ Während er ihn anſah, als könne 
er es noch nicht glauben, bemerkte er auf dem 
zerriſſenen Rock des Pioniers das Eiſerne Kreuz. 
„Bengelchen!“ und er trat einen Schritt von ihm 
fort und hauchte nochmals: „Bengelchen! Haſt 
Du es bekommen?“ Dann legte er, als wage er 
keine Berührung, feine Hände zur Hoſennaht. „Du 
haſt's verdient, Kox!“ Oer Pionier rückte ſich die 
Gasflaſche zurecht: „Ich frage nichts danach! 
Wenn Du es trügſt, wäre es mir ebenſo recht!“ 
und bog gaſſenein zu Soldaten an Biwakfeuern. — 
Der Freiwillige ſaß im Schnee und durchblätterte 
wie gehetzt ein dickes Photographiealbum. Orangen, 
Eier, Konſerven, Kognak, Datteln, Leberwurſt und 


158 


Zitronen waren über den Boden verſtreut. Kox 
ſtellte die Gasflaſche hin und ſah kopfſchüttelnd auf 
einen fleiſchfarbenen Frauenſchuh, den ein Kamerad 
aus Parfüms, Haarlocken und Kämmen lachend 
gegen den Lichtſchein hielt. Als ein anderer ihm 
den Seidenſchuh aus der Hand ſchlug, hob Heinz 
ihn auf und fuhr mit ſeiner großen Hand hinein. 
Kox beugte ſich zu Bildern nieder, die der Frei- 
willige verbergen wollte: „Du Junge, laß Deine 
Finger fort!“ — Heinz aber griff errötend ein paar 
und ſteckte fie. heimlich in feinen Rock. — 
„Was iſt das?“ Die Soldaten horchten auf. 
In dröhnendem Lauf kam der Vikar mit den Sturm- 
gruppen an. „Wo iſt der Hauptmann?“ Kox 
knurrte, „immer ſachte, ſachte mit den jungen 
Pferden, Herr Baftor...“ Oer Vikar blitzte ihn an 
und raſte weiter. Einer hielt dem Pionier ſeinen 
Nock unter die Naſe: „Willſt Du Maaswaſſer 
riechen? Kinders, wir haben ein Bad genommen 
und 344 iſt unſer!“ Und ein anderer ſchwenkte 
ſein; Gewehr in der Luft: „Faſt tauſend Gefangene; 
nun ſollen die Glocken läuten und ganz Frankfurt 
im Flaggenſchmuck gehen.“ Der letzte warf ſeine 
Mütze wie einen Ball in die Luft: „Und unſere 
Diviſion ſteht ſchon einen Kilometer näher ran an 
Verdun!“ Kox ſah der trunkenen Rotte nach: 


159 


„Alles Unſinn, alles Unfinn! In Zorn komme ich, 
wenn ich ſo rote Geſichter ſehe und klopfende Brüſte! 
Damit iſt nichts gewonnen! Harte Minen, feſte 
Kinnbacken, das iſt mehr als eine Handvoll Ruhm. 
Alles Unfinn! Mit Sappen, wie wir es gelernt, 
nicht jo in einem Atem! Ich ſage Euch, wir werden 
mehr Minen als Begeiſterung brauchen! Könnte 
ich doch alles Gebrüll, das jetzt ſinnlos über die 
Berge verpufft, ſammeln und damit eine Spren- 
gung ausführen! Der Sieg iſt ein Handwerk wie 
jedes andere Gewerbe! Sammelt Euch Hand- 
granaten, wenn Ihr beſtehen wollt! Ich ſage, 
ſchafft Euch Pulver an!“ In Beutehaufen herum- 
ſuchend ging er weiter die Häuſer entlang. — 


* 


Mi der Feldküche fuhr Fips durch den Caures- 
| wald bis an eine Straßengabelung. Während 
der Kutſcher ihn alle Schritte auf die Ungeheuer- 
lichkeit der Verwüſtung aufmerkſam machte, ſagte 
der Koch: „Lieber Zeitgenoſſe, es wäre klüger 
gehandelt, wenn wir hier hielten, es ſcheint mir 
nicht anders, als hätte es Frankreich auf unſern 
Keſſel abgeſehen, und ich möchte behaupten, der 
Anblick des brennenden Troja hält den Vergleich 
mit dieſem Spargelwald aus! Und wenn Du weiter 


160 


vorfahren willit, ſo tue Du das nur auf Deine Ver- 
antwortung, obwohl mir die Pferde, in Anbetracht 
deſſen, daß ſie der menſchlichen Willkür überlaſſen 
ſind, einer Fürſprache wert ſcheinen.“ Da der Weg 
von Einſchlägen, Munitionswagen und blauen Ge⸗ 

fangenenſtrömen verſperrt war, ſprang Fips vom 
Bock, ſtellte Soldaten an und leitete den dampfenden 
Keſſel nach Beaumont hinauf: „Nicht fo raſch, 
nicht ſo raſch, ſonſt bleibt man wie dieſe armen 
Zeitgenoſſen in den Stachelgeweben und Drähten 
hängen!“ Er ſchaute auf Gefallene hin und ſtolperte 
in einen Granattrichter dergeſtalt, daß er die Suppe 
und ihre Träger aus den Augen verlor. Erdwolken 
und ſinkende Nacht nahmen jede Ausſicht. „Ach, 
liebe Zeitgenoſſen, hätte mich Gott anders geſchaffen 
ſo könnte ich zu Euch Tapferen hinauf, ſo aber habe 
ich Lungen, und die arbeiten nicht mehr. He, werter 
Kamerad,“ ſprach er einen an, der bei ihm im Sranat- 
loch lag, „wollten Sie die Güte haben, ein wenig zu 
rücken, jch bin ſonſt gezwungen, bis an die Knie 
im Waſſer zu ſitzen.“ Da im Augenblick Feuer mit 
unglaublicher Schnelligkeit in die Luft ſtiegen und 
in Fontänen roter, grüner Kugeln langſam aus- 
einanderirrten, ſah er Leichenmaſſen, geſpenſter- 
haft. Seinem Genoſſen war der Kopf abgeriſſen. 
„Rückſicht, wo ſie am Platze iſt.“ Er ſchob den Körper 


161 


— 


ins Waſſer und rutſchte herauf. „Wenn mir der 
kleine Prinz Georg vom Trojaniſchen Krieg erzählte, 
wie ſich die Helden zerſtückelten, ſo hielt ich das für 
Übertreibung eines blinden Poeten. Aber die 

Helden Verduns übertreffen die blutigſte Phantaſie! 
Wenn ich ſagte, Verdun ſei keine Taube, fo wußte 
ich, was ich mir dabei zu denken hatte. An Lärm 
von Granaten gewöhnt man ſich ſchließlich; weiſe 
Einrichtung läßt uns bis zum Platzen des Trommel- 
fells nur ein gewiſſes Maß von Geräuſchen auf- 
nehmen. Bekennen möchte ich, daß mich jene 
Unterfchiede, die gar viele Skribenten mit achtungs- 
wertem Witz und Geiſt aufſtellen, kalt laſſen, ſelbſt 
meine gefrorene Lage in Betracht gezogen. Ob 
Mörſer bellen, Maſchinengewehre hämmern, Zwei- 
undvierziger heulen, ich habe nur ein Gefühl, 
hoffentlich biſt Du's nicht, den fie meinen!“ Als 
gerade Schwärme von Granaten über ihn weg 
drohten, zog er den Kopf ein: „Gut, ſie bellen, 
gut, ſie heulen; gut, ſie hämmern, gut, ſehr gut. 
Trotzdem wünſchte ich, um es rückſichtslos zu be- 
kennen, daß von dieſen Wortpredigern nur einer 
an meiner Stelle läge. Was ich von dem ganzen 
Schlachtenlärm bis jetzt begriffen habe, iſt gerade 
ſoviel, daß es hinreicht, einen Menſchen ins Grab 
zu bringen,“ und während Bäume unweit von ihm 


162 


- niederdonnerten, „was zerſplitterte Aſte anbelangt, 
ſo bleibe ich dabei, daß es in dieſer abgerupften 
Zeit auf ein paar Pflanzen mehr oder weniger 
nicht mehr ankommt.“ Beaumont flammte plötzlich 
funkenſprühend, himmelhoch, als hätte Geiſterhand 
in dieſes kniſternde Dörflein Fichtenwälder ge- 
worfen. „Arme Zeitgenoſſen, das muß ja die Hölle 
fein! Ich bekenne, zwiſchen olympiſchen Sieges 
feuern, dem Brand ſtürzender Häuſer und Flammen 


um knuſpernde Gockel am Spieß ſehe ich wenig | 


Anterſchied. Aber, Verdun ift keine Taube, und 
ſo mögen die Maler ſich tummeln.“ Über blauen 
Schnee züngelte heißes Licht. 


De Trommler ftand noch immer dort, wo Kox 
ihn verlaſſen hatte. Seine Bruſt war be- 
klommen. Von widerſtrebenden Gefühlen gezerrt 
verſchwand er in der Kirche. Oben im Turm, vor 
dem toten Franzoſen, blieb er ſtehen, ſteckte ein 
Streichholz an und ſah bei dem kurzen Brand in 
das bleiche Geſicht ſeines Feindes. Auf ein Knie 
ſich niederlaſſend, ſteckte er noch ein Streichholz an: 
„Weiß der Kuckuck,“ und er machte zum drittenmal 
Licht, „was Du getan haſt, Bengelchen,“ und er 


163 


1 


drückte die Franzoſenhand, „ich hätte es auch getan. 
Gib mir Deine Floſſe her, Bengel.“ 

Muffiger Blut- und Brandgeruch ſtanden wieder | 
zwiſchen ihm und dem Toten. Er legte deſſen Hand 
ſcheu zurück: „Weiß der Kuckuck, das mag ein 
anderer herausfinden als ich; aber etwas iſt mir 
nicht klar.“ Angſtlich griff er nach dem Trommel- 
reifen und ſtieg in den Kirchenraum. — 


* 


Der Hauptmann war um das Dorf herum- 
geraſt! Bann den Abhang hinunter, den 
ſie erſtürmt. Er rief einen Namen, dann ging er 

weiter, blieb wieder ſtehen und rief und rief. Einem 
Kerl ſah er ins Geſicht und befahl: „Antworte! | 
Wollt Ihr alle nicht mehr antworten?“ Es ſchüttelte 
ihn, daß er in die Nacht brüllen mußte. 

»Hinter dem Faywäldchen echote ſchluchtherauf 
wechſelndes Gewehrfeuer. Franzoſen oder Eigene? 
War er zu weit vorgeſtürmt? War der Feind in 
ſeiner Flanke? Er lief zur Kirche. Der Vikar vertrat 
ihm den Weg: „Da ſind wir!“ „Aber das Feuer 
dort?“ „Wir, Hauptmann, überall wir! Jawohl,“ 
und der Vikar klopfte an ſeine Hoſen, „wir kommen 
daher blutbeſpritzt wie es im Propheten heißt: wir 
haben die Kelter getreten und das Blut der Völker 


164 


klebt an unſeren Schenkeln! Wo es hier über den 
Wäldern zum Himmel flammt, geſiegt!“ Werner 
hatte ſich ſeine Gamaſchen feſter gezogen und wollte 
weiter, aber der Leutnant hielt ihn auf: „Ihre 
Karten, Hauptmann, und der Bataillonstomman- 
deur will Sie ſprechen!“ „Was? Karten, Bataillon? 
Das gift es noch?“ Er flüchtete die Oorfſtraße ent- 
lang. Im Schafſtall leckten dunkle Wollknäule an 
Hillbrands Stiefel. Werner ging vorbei. In die 
Kirche ſchaute er, die von brennenden Balken 
feierlich ſtrahlte. Am Altar kniete der Trommler. 
Unter andächtig geneigtem Kopf glänzte der 
Trommelreifen. Werner ſuchte das freie Feld. 
Wie glühende Lava floß Feuer von allen Bergen. 
Über den Lärm eroberter Straßen ſchaute er hin: 
„Beaumont iſt unſer! Wo iſt nun der Sieg? Wer 
hält ihn feſt? Rauſch iſt dahin! Können brennende 
Trümmer verkünden, was wir erlebten? Kann 
Name umfaſſen, was hier geleiſtet? Verſtummt 
ſind die einen, und müde die anderen, und morgen 
richten ſich Fremde in unſerem Dorf ein, als wäre 
es nie anders geweſen! Und nach ſechs Tagen ſchon 
iſt alles vergeſſen! Beaumont, in welche Nacht 
tauchteſt Du? Oaß jetzt wieder alles jo üblich ift, 
Namen erheben ſich von Diviſionen, Wäldern und 
Feind. Beaumont, Du Zauberin! In Dir glaubten 


165 


wir Frieden zu finden! Vorbei! Wirklichkeit grinft 
troſtlos aus allen Ecken. Beaumont! Namenloſes! 
Wo finden wir Dich?“ Signale blieſen durch das 
Dorf. Der Vikar kam angelaufen. Als er den 
Hauptmann ſah, ſchrie er ſchon von weitem: „Die 
Kompagnien in fünfzehn Minuten zum Sturm 
antreten! Der Foſſeswald und Louvemont ſollen 
noch dieſe Nacht vom weichenden Feind geſäubert 
werden!“ Werner ſtützte ſich auf des Leutnants 
Schultern: „In fünfzehn Minuten?“ Dann ſtieß 
er ihn leicht von ſich und blieb mit hämmernden 
Schläfen allein unter dem Feuerdach der Granaten: 
„In fünfzehn Minuten?“ Und als riſſe ſich Kraft 
von ſeiner Geliebten los, hob er die Arme und 
ſchlug ſie nach hinten zuſammen: „Was ſind wir? 
Beaumont! Beaumont! Beflügle Du nun das 
Ende!“ — 


166 Ä E 


Opfergang 


ſich die Sieger zu neuem Sturm; los- 

gelöſt von letzter Oeckungsmöglichkeit 
und ganz preisgegeben. „Einhundertzwanzig 
Mann zur Stelle,“ meldete der Vikar. „Nur 
hundertzwanzig?“ Werner bückte ſich, nahm einer 
Leiche das Gewehr fort und hing es ſich um: 
„Leute mit Orahtſcheren vor!“ Es geſchah. Bis 
über die Knöchel im Erdreich wartete die Schützen- 
kette unter hoher Nacht. Schluchtherauf kam Glut- 
luft aus undurchdringlichem Dunkel. Alle ſchauten 
nach Süden, nach Verdun. „Der Artillerie Raum 
ſchaffen, das iſt unſere Aufgabe! Die erſte Fort- 
kette ſoll wirkſam beſchoſſen werden.“ Werner be- 
merkte in Clemens Augen fremdes Licht. „Was 
trommelt da?“ Deutlich hörte man einen Alarm- 
wirbel. Er rief den Tambour: „Was trommelſt 
Du?“ „Ich habe nicht getrommelt, Hauptmann.“ 
„Wirf das Ding fort, nimm ein Gewehr dafür.“ 
„Weiß der Kuckuck,“ flüſterte Preis, als er wieder 
zurücktrat, „wer trommelt, wenn ich es nicht bin?“ 


His dem Hauptmann im Acker ordneten 


167 


Zur Kirche ſchaute er, von wo der Klang herkam: 
„Weiß der Kuckuck, war das Inſtrument nicht zer- 
fetzt, als ich es auf den Altar gelegt?“ Werner 
fragte: „Sind jetzt die Einſchläge hinter dem 
Foſſeswald?“ „Jawohl!“ „Dann müſſen wir vor.“ 
Langſam breitete er feine Arme. Es wurde an- 
getreten. Er trug den Angriff, als wären rechter 
und linker Flügel der Kompagnie Schwingen, von 
der Höhe hinunter über drahtverſponnenes Gelände. 
Als von Weſten aus Louvemont Maſchinengewehre 
feuerten, blieb die Linie noch einmal ſtehen, Köpfe 
wandten ſich. Oben am Berge verglommen ſchon 
ihrer Hoffnung heiß erkämpfte Feuer. Der Haupt- 
mann nahm die Signalpfeife zwiſchen die Zähne: 
„Dörflein Beaumont,“ und pfiff. Menſchenrufe 
und Gewehrfeuer gingen unter im Donner ſich 
immer härter nähernder deutſcher und franzöſiſcher 


Artillerie. 
* 


ls Morgen dem Grauſen des Schlachtfeldes 
Ausdruck gab, richtete ſich Fips aus ſeinem 
Granatloch auf und ſchaute über die Verſtümmelung: 
„Dei allem Reſpekt vor der Ehrfurcht frage ich: 
wozu? Erſt dieſes Heranſchleichen, dann ein er- 
ſtaunliches Gebrüll — und iſt es vorbei, — was 


— 


168 


bleibt? Nicht viel mehr als eine ſtumme Ver— 
ſammlung, bei der keiner mehr eine Stimme hat. 
Wofür fielt Ihr? Für Verdun? So möchte ich 
Euch eine Aufklärung nachſenden: Ich wünſchte, 
Verdun wäre gefallen und nicht Ihr!“ Einer 
Skeletthand, die aus dem Armel eines Ge— 
fallenen ragte, nahm er den Trinkbecher fort: 
„Trankft Du auf den Ruhm? Wenn Du es getan, 
ſo wünſchte ich, Du könnteſt aus dem ewigen 
Himmel, wo Du ohne Zweifel jetzt in beſſerer Lage 
biſt, dieſes knöcherne Bild Deiner Begeiſterung 
ſehen. Ich will mich meiner Gedanken entäußern. 
Aber ich geſtehe, daß der Ruhm in Seiner entfleiſch- 
ten Hand nicht viel größer ausſieht als dieſer 
Aluminiumbecher — und ſo mag es damit fein Be- 
wenden haben.“ Ein Wägelchen fuhr vorbei. Fips 
machte ſich bemerkbar. Der Kutſcher hielt und 
nahm ihn mit. „Wohin?“ „Nach Beaumont.“ 
„Vorwärts!“ Als der Soldat ſein Pferd wieder 
antrieb, fragte der Koch: „Was fahrt Ihr, Kamerad?“ 
„Eine Ladung Granaten! Und es wäre vorteilhaft, 
wenn Du ſtill neben mir bliebſt, auf daß der Wagen 
nicht kippt.“ Fips wurde bleich: „Sie glauben, 
dieſe ſauberen Körbe um blauen Stahl wären kein 
Schutz?“ „Kippen wir,“ antwortete der Kutſcher, 
während er durch ein Granatloch balancierte, „ſo 


169 


bleibt von uns nicht viel mehr übrig als der dampfende 
Miſt, den mein Gaul ſoeben auf den Schnee fallen 
läßt.“ Fips krampfte ſich feſt: „Nur zu, ich ſehe, 
Ihr tragt einen goldenen Ehering, und ſo werdet 
Ihr ſchon im Gleichgewicht bleiben.“ Gerade als 
ſie aus dem ſchmalen Hohlweg nach Beaumont 
hinauffuhren, ertönte hinter ihnen eine Hupe. „Um 
Gotteswillen,“ rief Fips, „langſam, langſam, wir 
haben eine Fuhre Granaten!“ „Ganz Wurſcht! 
Vorbei!“ — „Wir kippen, Herr General, wir 
kippen!“ „Donnerwetter, laßt kippen, vorbei!“ 
Und indem das Automobil vorüberſpritzte, erlebte 
Fips, während die linken Näder einen halben Meter 
aus dem Schlamm herausgehoben wurden, tauſend 
Tode. & 
* 

En Dragoner band die Oiviſionsſtabsflagge feſt: 

„Halt, Du Luder!“ Aber ein anderer riß ſie 
im Vorbeilaufen um: „Generalſtabsoffizier?“ „Am 
Dorfausgang!“ „Was iſt los?“ Und Neugierige 
drängten: „Der Kommandierende, es geht ſcharf 
her im Zimmer.“ Mit Verwundeten ſtrömten 
Gerüchte zurück: „Franzöſiſche Artillerie iſt ver- 
ſtärkt, wir kommen nicht weiter.“ Plötzlich flogen 
Fenſter und Türen auf, Soldaten, Offiziere, ſelbſt 
der Kommandierende ſtürzten auf die Straße und 


170 


blieben ſtarr. An ihnen vorbei, wie eine Höllen- 
vifion jagte von der Kirche her durchs Dorf ein 
Rudel tierwilder Geſtalten. Abgeriſſene Menfchen- 
glieder ſchwangen fie wie Keulen, daß Blutfetzen 
wirbelten. Des Wahnſinns Gebell deckte bei allen 
das Zahnfleiſch frei. Der General ſchrie ſie an; 
fie lachten nur wilder; er ſtieß Leute feiner Stabs- 
wache vor: „Haltet fie auf! Unerhört! Unerhört!“ 
Aber ehe einer ſie packen konnte, waren ſie ſchon 
den Abhang hinab und verſchwunden. Aller 
Pupillen waren groß und öde, als ſei die Erde vor 
ihnen geborſten und ein gähnendes Nichts riſſe ſein 
Maul auf, ſie zu verſchlingen. „Woher kommen die 
Kerle?“ „Aus der Schlacht, Euer Exzellenz.“ 
„Unerhört! Unerhört!“ Der General wollte gehen, 
da hielt ihn der Diviſionär auf: „Exzellenz, wenn 
keine Referven eintreffen, kann ich die Linie nicht 
halten.“ „Es kommen keine!“ — Der Diviſionär 
wiſchte ſich mit dem Finger im Auge und ſchwieg. 
„Zeigen Sie Ihre Verluſtliſten,“ fie gingen wieder 
ins Stabszimmer zurück. Der Generalſtäbler, bleich 
wie die Wand, breitete die Karten aus. Der Kom- 
mandierende klemmte den Kneifer auf. „Was ſchießt 
da?“ „Schwere Haubitzbatterien, Euer Exzellenz.“ 
„Eigene?“ „Jawohl. Es kann aber jeden Augenblick 
auch hier einſchlagen!“ „Natürlich kann das, 


171 


natürlich,“ er ſetzte ſich und zirkelte auf den Plänen 
herum. Ein Chriſtusbild fiel bei einem Abſchuß 
"von der Wand, Mörtel rieſelte nach. „Wie ſtark 
ſind die Kompagnien?“ „50 bis 60 Mann, Exzellenz. 
„Kommen die Feldküchen nach?“ „Nein, Ex- 
zellenz.“ Der Kommandierende ſprang auf, 
„Reſerven gibt es nicht!“ Der Divifionär ſchwieg. 
Ein Windſtoß ſchleuderte Hagelmaſſen praſſelnd 
ins Zimmer und warf zwei Gläſer Rotwein vom 
Tiſch. Beide Generale ſtanden ſich gegenüber. Der 
eine übernächtigt, unraſiert, der andere gepflegt. 
Beider Goldkragen glänzten. Der Diviſionskomman- 
deur trocknete den Wein von den Karten und warf 
den vollgeſogenen Lappen vor die Tür: „Fit das 
Ihr letztes Wort, Exzellenz? Es gibt keine Re- 
ſerven?“ „Gar keine Rede!“ „Aber es ſind drei 
neue feindliche Korps im Oouaumontabſchnitt ge⸗ 
meldet! Unſere Leute ſtehen den fünften Tag 
ununterbrochen im Angriff.“ — Da flüfterte der 
Kommandierende plötzlich, kopfwackelnd und ver- 
zweifelt: „Ich kriege keine! Oer Chef des Feld- 
heeres gibt mir keine! Nichts! Gar nichts! Machen 
Sie, was Sie wollen! Ich habe keinen Mann zu 
vergeben.“ Oer Divifionär ſah ſeinen General- 
ſtabsoffizier an; der zuckte die Achſeln. Das Feuer 
in den Wäldern wurde lauter, näher. Ein Regi- 


172 


mentskommandeur kam gelaufen: „Diviſionsſtab?“ 
„Hier.“ Der Dragoner ſchloß die Tür hinter ihm. 
Dann rang er das Handtuch aus, daß es rot zur 
Erde tropfte. „Aha!“ „Was, aha?“ „Darf ich 
nicht aha ſagen?“ | 


* 


SYngwitgen war Fips im Dorf angekommen. 
Maährend er vorſichtig vom Wagen ſtieg, 
bedankte er ſich: „Alſo, tapferer Zeitgenoſſe, möge 
die Exploſion in die richtigen Hände fallen.“ Dann 
ſuchte er ſeine Kameraden von der Feldküche auf. 
Durch Hinderniſſe kriechend, ſchüttelte er den Kopf: 
„Das ſcheint mir das wahre Paradies der Schneider 
zu ſein; zerriſſene Hoſen wird es geſetzt haben, kein 
Zweifel.“ Die beiden Generale kamen vorüber, 
er bückte ſich: „Seid Ihr nun wirkliche, ich meine 
von jener Sorte, die in den Blättern der Welt- 
geſchichte abgebildet ſtehen, oder die ſich ein ge- 
ſättigter Magen auf ſeinem Landſitz in Marmor 
hinſtellt? Ohne Zweifel, Ihr macht einen würdigen 
Eindruck. Und,“ rief er, während eine Granate in 
Hausgiebel ſchlug, „um es rückſichtslos zu bekennen, 
Eure Sprache iſt gewaltiger als das Gurren der 
Tauben im Frühling, wenn Orangen rote Schatten 


173 


werfen.“ — Oben im Dorf ſpritzten Menfchen aus- 
einander. Im Galopp donnerte Artillerie heran. 
Ehe Fips den Mund zumachen konnte, war ſie 
ſchon da. Er hatte Not ſich zu retten. Der Kom- 
mandierende ſprang mit dem Oiviſionsgeneral über 
einen Graben und ſchrie: „Totfahren, totfahren, 
was nicht Platz machen will!“ Über flatternde 
Mähnen pfiff Peitſchengeknall. Ein Batterieführer 
meldete: „Stellungswechſel vorwärts, nach Louve⸗ 
mont!“ und fegte an den Geſchützen entlang, daß 
alle vier Eiſen blitzten. In das dritte ſchlug eine 
Granate, daß ſich das Rohr krümmte wie eine 
Raupe und zerblätterte. Sechs Gäule ſtreckten die 
Beine. In Stangenreiter, die einen Umweg 
ſuchten, ſauſte der Befehl des Generals: „Drüber, 
drüber weg! Ran, immer ran! Allein kann's 
unſere Infanterie ja nicht ſchaffen!“ Noch zitterte 
Beaumont in feinen Trümmern. Der General 
trat an das Scherenfernrohr: „Da ſind ja unſere 
am Pfefferrücken!“ und deutete auf ameiſengroße 
Geſtalten, die in rauchverhüllten Höhen ver- 
ſchwanden. „Die Artillerie ſ oll das Feuer vorlegen!“ 
Telephone ſummten. 


174 


ips hatte ſich in der Kirche verkrochen. In 

einem Fenſter leuchtete ein Engel. Aus 
unendlich blauem Himmel ſtieg er nieder und be- 
rührte mit ſeinen zarten Füßen nicht die Veilchen 
und Anemonen im Graſe. Fips konnte nicht mehr 
fortſehen. Blauer Himmel ſtrömte wie Geſundheit 
und Wärme in ihn. Er hielt ſich, den Wollſchal 
vor und atmete tief. Ein Granateinſchlag warf 
ihm einen Fenſterſplitter hin. Zitternd hob er 
ihn, mit dem Mantelzipfel abwiſchend, aus mehligem 
Schutt. Er hatte vom blauen Himmel ein Stück. 
Ein halber Stern glänzte in ihm: „Geſegnete Hand, 
die Dich gemalt und geſchaffen! Ahnteſt Du, als 
Du das Blau in dem Farbentopf miſchteſt, was es 
einer gewöhnlichen Kreatur dieſer Erde einmal 
bedeuten könnte? Welchen Namen Ou trägſt, wo 
in den Wolken Du weilſt, ich danke Dir, ich danke 
Dir wirklich!“ Mit blutendem Atem verſuchte er 
den Staub von Jahrhunderten fortzuputzen. Aber 
es ſtach ihn zu ſehr durch die Bruſt. Während er 
auf die Straße trat, ſah er durchs Glas. Schnee- 
flocken wirbelten wie Falter und Myrthenblüten 
über ihn hin. Wie ein König ſchritt er zu ſeinem 
Keſſel. 


0 
* 


175 


ber als er feine Kameraden wiederfah, abge- 

zehrte Männer, denen der Tambour Eſſen in 
die Kochgeſchirre füllte, da wurde ihm heiß in der 
Wolle. Einer hockte, furchtbare Augen rollend, am 
Boden und ſchloß feine ſchmutzverkruſteten Hände 
zur Fauſt. Dann ſpreizte er die Finger wie ge- 
fährliche Krallen und ſchloß ſie wieder zur Fauſt. 
Fips wich ihm aus. Der aber fuhr fort Finger zu 
ſpreizen, zu ballen, zu ballen, zu ſpreizen. Eines 
Volkes Fauſt. Die Luft wurde rot um ſie. Der 
Koch duckte ſich unter eine Bank. 

Beide Generale kamen vorbei: „Was macht 
Ihr hier?“ Keine Antwort. „Wohin wollt Ihr?“ 
Und der Kommandierende ſtieß einen an. Preis, 
der Kochgeſchirre am Stock aufreihte, brummte: 
„Weiß der Kuckuck!“ Oer General koſtete von ihrer 
Suppe: „Wie gehts Dir, mein Junge?“ fragte er 
dann den Blaſſen, der noch immer die Fäuſte ballte. 
— „Leck mid...“ war deſſen Antwort. Der General 
überhörte es und klopfte einem anderen auf die 
Schulter: „Habt Ihr Verdun ſchon geſehen?“ 
„Das iſt von unten nicht möglich!“ „Dann macht, 
daß Ihr auf die Berge kommt!“ — Im Weiter- 
gehen ſah der Diviſionskommandeur in den Schnee: 
„Fünf Tage ſtehen fie im Gefecht..“ „Exit im 
Gefecht!“ „Erſt? Exzellenz?“ Und er blieb ſtehen. 


176 


„Zwölf Stunden Ruhe, daß wir unſere Verbände 
in Ordnung bringen.“ „Keine Minute. Den toten 
Punkt kennt jeder Schwimmer, wenn ſich, Beine 
verſagend, der Krampf einſtellt. Da heißt es: 
weiter oder ertrinken!“ Er ſchlug mit dem Stock 
an ſeine Gamaſchen: „Verflucht, wer rückwärts 
ſieht “ und wies auf. die weißen Höhen ringsum, 
„an die Fortkette müſſen wir ran!“ 


* 


lemens ſaß auf Sillbrands Grab. Seinen 
Rockärmel bis zur Schulter aufſtülpend, 
bohrte er plötzlich den nackten Arm durch die Erd- 
decke. Dann ſchnellte er auf, ſtreifte die klebrigen 
Schollen ab und roch Verweſung aus allen Löchern 
des Erdreiches. Als ihm der Trommler die Eſſen- 
holer zur Stelle meldete, „wieder aus der Korporal 
ſchaft zwei umgeklappt,“ ſtraffte ſich Clemens und 
ſtieß auflachend das Holzkreuz vom Hügel. Preis 
vor der Bruſt in den Rock packend, „mager biſt Du 
geworden, verdammt mager,“ lief er zur Schlacht 
zurück. Anbeſchoſſen erreichten ſie das erſte Gehölz. 
Aber vor der Höllenſchlucht lag Sperrfeuer. Einige 
ſchauten Clemens an. Als er aufrecht weiterging, 
folgten ſie. In Sprüngen gewann er Boden, bis 
Rauchwolken ihn, feine Kameraden und den Jammer 


177 


diefes Erdſtriches einbüllten. Nur zu neunt kamen 
ſie aus dem Feuer. Clemens ſab ſich um: „Wo 
ſind die Kochgeſchirre der anderen?“ und machte 
kehrt. Zwei Beherzte ſprangen ihm nach. — Als 
ſich Preis den Lehm aus den Augen gewiſcht, waren 
ſie fort. Ein Eiſernes Kreuz, das er in Beaumont 
gefunden, betrachtete er zum erſten Male von 
nahem: „Allerhand Silber. Ich taxiere dieſes 
Ding auf drei Mark! Geld, wenn man bedenkt, 
wie viele es tragen. Immerhin, wen's trifft, den 
trifft's. Von mäßigem Gewicht.“ Er hielt es 
wägend in Händen: „Was man hat, das hat man. 
Aber der Glückliche, der es getragen, hat weniger 
Atem als ich, obwohl auch ich immer überflüſſiger 
werde bei dieſem hölliſchen Trommellärm! Und 
noch zweihundert Meter weiter, Cäſar Schmidt, 

wird dort mein Schickſal fein? Bengelchen?“ — 
| Clemens kam mit einem Mann und zehn Koch- 
geſchirren wieder. Als er den Tambour und die 
anderen ſchlafen ſah, löſte ſich ſeine Nervenſpannung 
und er fiel übermüdet um. 


* 


ips kroch aus feinem Verſteck und erlebte die 

Mitternacht. Wie ein runzliges Geſicht glühte 
ſein Keſſel. Eines Kameraden Bein, deſſen naſſe 
Stiefeln ziſchten, daß ſich die Brandſohle krümmte, 
rückte er feuerfern, und rutſchte ſelbſt höher auf 
eine Tonne hinauf. Berg Beaumont zitterte im 
Geſchützfeuer. „Arme Zeitgenoſſen,“ und er ſah 
durch ſein Glas in den Keſſeldampf. Der Goldſtern 
glänzte wie Sonne im Sandſturm. Ein welten 
großer Magen bildete ſich. Saftig ſtand das Wort 
Gottes um ihn. Völker ſtrömten ewig bekränzend, 
bis plötzlich Schwerter von Millionen aufblitzten 
und dann verzogen ſich alle Rauchgebilde in Nacht. 
„Wäre ich Pharao, ließe ich Traumdeuter kommen 
und ſpräche: Was bedeutet jener Magen, um den 
Millionen Schwerter kämpfen? Mir will das Bild 
dieſes Panſens nicht aus dem Kopf.“ 

* 


lemens wurden die Augen aufgerupft. Vor 
feinem Geſicht atmeten trockene Schnauzen. 

Er fuhr hoch. Aus der Schlucht irrte etwas, was 
fleiſchlich roch, als hätte es ſich von der Seele der 
Kämpfer geſondert. Aber darüber war feiner Ton 
wie Dächergeſang von Nachtwandlern; als Clemens 
zur Beſinnung kam, ftand er an den Grabenlöchern 


179 


der Kompagnie und hörte den Durſtſchrei. Werner 
riß den Lehrer nieder: „Clemens!“ „Hauptmann?“ 
„Die Kochgeſchirre?“ Da wurde ihm klar, daß er 
im Traum gegangen, aber der Hauptmann hielt 
ihn zurück: „Von den Knochen fällt uns das Fleiſch.“ 
„Ja, Hauptmann, hinter unſeren Seelen irrt ſchon 


das Blut.“ „Was?“ „Ich habe es geſehen, Haupt- 


mann; erſt müſſen wohl alle Gebeine vermodern! 
ehe wir ihrer Formen Wert und Beſtimmung er- 
kennen!“ Werner beugte den Kopf in den Schnee 
und atmete heiß: „Freund, ich fühle es ja mit allen 
Herzen der Kompagnie! Mein Gott, was ſich da 
losringt.“ Und er klopfte auf ſeine Bruſt: „Clemens, 
iſt's Hölle? Was wird dann unſer Himmel ſein?“ 
Er richtete ſich halb hoch: „Auch das beantworte 
mir, paßt unſere Erkenntnis in den alltäglichen 
Traum? Der dort im Grabenloch, gemeiner 
Soldat, und jener und dieſer dort: Wo treiben wir 
hin?“ Clemens wollte antworten und faßte ſich 
an den Kopf, aber da war er allein und wußte nicht 
mehr, ob er überhaupt mit Werner geſprochen 
hatte. Plötzlich hörte er den Trommler neben ſich 
atmen. Er ſchüttelte ihn und die anderen wach. 
Mechaniſch ſtanden ſie auf und ſchleppten die Koch- 
geſchirre der Kompagnie, kaum vierzig, nach vorn. — 


X . 


180 


IN Ferner warf die letzte rauchende Hülſe aus 
dem Kammerſchloß. Oer zweite Gegen- 
angriff war abgeſchlagen. Seine Kompagnie grub 
ſich aus Granattrichtern eine Art Graben. „Wann 
kann der Trommler wieder da ſein?“ — „Kaum 
vor einer halben Stunde,“ antwortete Clemens. 
Der Hauptmann hielt die Hand vors Geſicht, dann 
reichte er einem Ourſtſtöhnenden Urin, da es kein 
Waſſer gab. Wer ſchwerverwundet war, ſtarb. Die 
anderen mußten zuſehen, wie ſie fortkamen. — „Ich 
ſchicke noch einen hinterher.“ „Das hat keinen Sinn, 
Hauptmann.“ Werner wiſchte das Okular ſeines 
Glaſes ſauber: „Hören Sie etwas?“ „Jawohl, 
Hauptmann.“ „Klappernde Spaten uͤnd Schanz- 
zeug uns gegenüber?“ „Hinter den Blockhäuſern 
wiehernde Pferde und Artillerie.“ „Es bereiten 
ſich Dinge vor; Clemens, wenn es keine Ver- 
ſtärkungen gäbe!“ — Der Lehrer ſchwieg, aber 
rechts und links, wohin Werner ſah, glänzte ihm 
Treue aus eingefallenen Wangen ſeiner Leute ent- 
gegen wie Sterne einem Verzweifelten. Das zer- 
ſetzte ſein Herz. Wie ein Mörder kam er ſich vor. 
Nach der Kugel ſehnte er ſich, die ihm die Nacht 
feiner Gedanken mit dem Hirn zerſchmetterte. — 


; 


181 


Ar Aufweite ſaß Heinz. Daß ihn ein Voll- 
treffer in alle Atome zerriſſe, darum betete 
auch er. Zitternd ſah er auf ſeinen Dolch von 
Oixmuiden und Langemarck. Das Blut ging nicht 
von der Klinge ab. „Mutter, kann ich Dir wieder 
unter die Augen treten?“ Blut, Geſchrei, Abſchuß 
und Einſchlag aller Waffen griffen nach ſeiner 
Seele wie Höllenbrand. Plötzlich ſtieß er ſeinen 
Oolch in einen weichhäutigen Stamm, daß er in 
ſeinem Griffe zitternd ſtecken blieb. „Freiwilliger!“ 
Da hob er den Kopf. „Freiwilliger!“ — Und es 
klang wie Erlöſung aus dieſem Wort. — „Hole 
mir Kox.“ Heinz flog, Werner ſchaute ihm nach; 
dann fiel ſein Kopf zur Seite vor Müdigkeit. Mit 
dem Bajonett ſtieß er ſich in den Schenkel, daß er 
wach bliebe, und beobachtete den feindlichen Graben. 
Im Licht des Neumondes ſchauten ihn feine Ge- 
fallenen an: „Clemens!“ „Hauptmann?“ „Ich 
glaube, in dieſer Schlucht verwirrt ſich noch unſer 
Verſtand.“ „Er klärt ſich, Hauptmann.“ „Klärt 
ſich?“ „Überreizt iſt unſer Sinn.“ „Möglich! 
Gerade darum ſehen wir weiter als ſonſt!“ „Und 
wenn es ſo wäre, Clemens? Was fingen wir damit 
an? Wenn wir das Licht dieſer Stunde mit in 
die Heimat brächten, wo nur Lampen in Häufern 
brennen!“ — Er lachte bitter: „Wer könnte es 


182 


— 


ertragen, daß wir wieder um Pfennige leben? 
Clemens, man wird uns Türen weiſen und alles 
zerkleinern mit tauſend Mitteln, bis die Verklärung 
dieſer entſetzlichen Schlucht wieder zerfließt in 
Müdigkeiten und Ekel.“ „Hauptmann, verbrennen 
wird alles! Vor Kreaturen, die nur an ihre Brötchen 
zum Frühſtück denken? Vor Spielern und Gecken 
weicht nicht der Geiſt! Er ringt ſich von Stunde 
zu Stunde aus- ſeiner Uumklammerung! Wo find 
ſie, die uns Barrieren bauten? Ich ſehe ſie nicht! 
Tod hält ſie uns fern. Was hinten an Ketten lag, 
geht hier frei und ahnungstrunken unter Brüdern. 
Was hinten auf Thronen ſaß, ſitzt jetzt bleich und 
bebend an Telephonen und lauert auf uns. Wir 
find die Entſcheidung. Anſer iſt die Tat! Niemand 
wird unſer Herz wieder fangen! In uns lebt 
Jugend! Hinter uns Greiſe! O ich erahne unſerer 
Läuterung Brand hoch über aller Alltäglichkeit, 
und keine gemeinen Finger werden je ihn erreichen!“ 
— Werner ſah ihn an: „Aber wenn Macht ſolches 
täte!“ „Macht iſt vergänglich wie alles! Wir aber 
ſchauen hinfort in das, was lebendig bleibt, wenn 
uns die nächſte Granate zerreißt.“ — „Wir ſind 
ran bis auf zwei Meter,“ meldete Kox, den der 
Freiwillige brachte, „und muxt die Geſellſchaft, gibt's 
einen Knall; aber wir könnten mehr Dynamit ver- 


183 


tragen; Hauptmann. Wir ſollten bald in den nächſten 

Graben, daß man eine Baſis zur Arbeit hätte. Wenn 
jeden Tag ſolch ein Ding weggeputzt würde, ſo 
wäre um Vollmond die Luft rein, und ich wünſchte, 
unſere Leiber wären mit Pulver gefüllt! Wenn 
jeder Kerl Minen ausſpuckte, ſo wären wir weiter. 
Und ich frage nach keiner Infanterie mehr. Am 
beſten wär's, man jagte alles, was Herz und zwei 
Beine hat, zum Teufel.“ — In dieſem Augenblick 
bedeckten Erdwolken von neuem die Stellung. 
Minen wühlten und flogen auf. „Hauptmann, es 
geht wieder an!“ — Werner ſah ſich nach dem 


Trommler um. 
* 


reis bog ſich Zweige auseinander: „Weiß 

der Kuckuck, wenn die Schufte doch ihre 
Munition nicht ſo verſchwenden wollten! Wo noch 
ein freier Platz iſt, da böllern ſie hin! Man müßte 
eine Fliege ſein, um anſtändig weiter zu kommen!“ 
Sein Weg dampfte unter Geſchoſſen wie ein 
ſiedender Keſſel. Nun ſoll mir bloß ſo ein Kerl 
kommen und ſingen: Heißa, wenn Granaten 
ſpringen, heißa, welche Luſt iſt das, an den Feind 
heranzudringen, beiß ich auch dabei ins Gras! So 
möchte ich doch, daß dieſe Lüge den Sänger er- 


184 


ſtickte! Ein Schuft, der behauptet: Heißa, welche 
Luſt iſt das!“ Und dabei trommelte es ihm im 
Leibe, daß er ſich an den Boden drücken und ſeinem 
alten Leiden freien Lauf laſſen mußte, als käme 
das vom Eiſernen Kreuz her, das ihm wie Stein 
auf den Rippen lag. „Soll mich dies Ding immer 
kujonieren? Weiß der Kuckuck, bin ich ein Mann 
oder nicht? Wenn ich es bin, dann liege ich oben.“ 
Und damit warf er den Orden im weiten Bogen 
von ſich. Bann ſtand er auf, holte ihn wieder und 
ſteckte ihn zu ſich: „Holla, nun geduldet Euch! Erſt 
muß ich meine Meldung los ſein! Dann in Gottes 
Namen, ob früher, ob ſpäter, ich will nicht handeln!“ 
Seine zehn Finger vor ſich haltend, als könne er 
Granatſplitter wehren, ſtieg er durch grüne Stahl⸗ 
dämpfe zur Kompagnie in die Höllenſchlucht. — 
„Hauptmann,“ und er wifchte ſich — „Die verfluchten 
Schrapnellkugeln“ — den Körper ab: „Wenn dieſer 
Stahl nicht jo ſchwirrte, wäre ich früher gekommen!“ 
— Werner krallte ihn in den Oberarm, aber zu 
fragen wagte er nicht. Clemens rief: „Biſt Du 
beim Regiment geweſen?“ — „Weiß der Kuckuck, 
Hauptmann, ich war da; aber unſer Oberſt iſt tot 
und der Major ſaß in einem Unterſtändchen; wenn 
da ein 38er aufſtößt, — ich glaube nicht, daß der 
Herr Major feinen Kneifer auf der Naſe behält. 


185 


Wenn wir hier nicht den Finger am Abzug be- 
halten..“ „Was heißt das?“ befahl Werner. 
„Soviel, als daß es noch hinteichend Verſtär kung 
gibt!“ — „Für uns?“ und des Hauptmanns Bart 
kitzelte ſein Geſicht. „Das habe ich nicht behauptet! 
Der Herr Major meinte: zu Haufe, und er ſagte 
auch, es wäre ihm erwünſchter, ſie ſtünden im 
Foſſeswald!“ „Nichts ſteht hinter uns?“ Preis 
roch Zigaretten aus des Hauptmanns Atem: „Im, 
die habe ich lange nicht geraucht.“ Aber Werner 
ſtarrte über die Gewehre fort: „Nichts hinter uns!“ 
„Gewiß, ein paar alte Kanonen; aber denen ſind 
die Rohre krepiert! Überhaupt, die Rohrkrepierer, 
Hauptmann, mir klagte die Artillerie, als ich vor 
beikam. Und weiß der Kuckuck, wenn vor Verdun 
ebenſoviel Oonnerbüchſen zerſprängen, dann würde 
uns hier der Stahl nicht ſo um die Ohren ſummen!“ 
Der Vikar, der herangekrochen war, rüttelte den 
Trommler am Stiefel: „Gibt es Verſtärkungen 
oder nicht?“ „Nein, meine Herren. Weiß der 
Kuckuck, ich habe mein Beſtes verſucht; es ſind nicht 
drei Mann übrig, und wäre der Burſche von unſerem 
Major nicht gerade in Stücke zerriſſen worden, ſo 
hätte ich ihn mitgeſchleppt, dieſen Stiefelwichſer.“ 


* 


186 


5% ſplitterte, Aſte flammten. Werner kroch 

von Grabenloch zu Grabenloch, prüfend. 
Hinter ihm her rief der Trommler: „Was ich noch 
jagen wollte, Hauptmann, der General ſetzt Ver 
trauen in uns, daß wir aushalten, und weiß der 
Kuckuck, er ſagte, auf uns käme es an.“ Aber Werner 
wandte ſich nicht. Preis ſah ihn an: „Nun, das iſt 
doch allerhand, wenn der Kaiſer daſitzt und ſagt: 
der Preis und der Kox und mein Hauptmann die 
brauchen keine Verſtärkung! Weiß der Kuckuck, das 
finde ich allerhand.“ Dann nahm er ſein Gewehr, 
lud ein zweites, drittes und viertes und legte ſich 
mit dem Kopf, ſcharf zum Draht äugend, zwiſchen 
die Kolben. Leuchtkugeln ſtiegen, Hinderniſſe 
wurden fortgeräumt; Artilleriefeuer brach ab. 
Blau über dem Graben erſchien der Feind. Mit 
ruhiger Hand bediente der Vikar ein Mafchinen- 
gewehr und führte den Lauf die Kopfreihe des 
Angriffs entlang. Einer nach dem andern klappte 
um. Kox ſprengte feine Mine. Abgeriſſene Men- 
ſchenglieder flogen über die Kompagnie. „Weiß 
der Kuckuck, können die Schufte nicht ihre Glied- 
maßen beieinander behalten,“ fluchte der Trommler, 
als ihm ein Oberarm an die Naſe ſchlug. Rote 
Stiele der Handgranaten züngelten wie Flämmchen 
zwiſchen den Gräben. „Sie heben die Arme hoch,“ 


187 


Werner fprang. Auf ihn zu aber kam langſam eine 
weiße, geſpenſtiſche Wand, daß er zurüdichauderte: 
„Gasmasken!“ Alle hüllten die Köpfe ein; Augen 
und nichts als Augen. Über ſie pfiff er, daß es 
ins Wirbelmark fuhr und die Kompagnie vorſtöhnte, 
bis ihr der Feind in die Bajonette fiel. Da riß 
Werner mit einem „Endlich“ den Helm ab und 
ſchwenkte ihn hoch über den eroberten Graben. — 
Clemens lief an ihn ran: „Sie bluten!“ „Ach 
was, hier blutet jeder!“ Sein Gewehr drückte er 
wieder ab. Knall folgte Knall: „Wir haben ihn!“ 
Aber dann fühlte er ſtaunend bittere Schwäche in 
ſeinen Schläfen. „Clemens, das wäre ja zu dumm.“ 
Der Lehrer riß ihm den Rod auf. „Iſt es ſchlimm?“ 
Aus der Stirn trat Blut. Als er es auf ſeine Hand 
tropfen ſah, ſchaute er hin und roch daran. Plötzlich 
ſchlug er auf ſeinen Rock: „Hier! hier!“ Bis ihm 
Clemens zwei ſchwarze Hefte aus der Bruſttaſche 
gab. „Zerreißen! Jedes Wort zerreißen! Dich 
ſoll niemand mehr leſen! Vorbei!“ Er zerfetzte die 
Blätter. „Sieh doch den Preis! Wie ein Feldherr! 
Kox ſoll die Minen vortragen!“ „Er feuert bereits!“ 
„Er feuert? Er feuert ſchon; und der Freiwillige? 
Kinder, wozu braucht Ihr mich noch? Machts ja 
viel beſſer allein. Traf mich zu rechter Zeit? 
Clemens. „Hauptmann!“ „Sag nicht Haupt- 


188 


mann mehr.., er taſtete nach Clemens Hand. „Ihr 
braucht mich nicht mehr! Männer!“ Werner wurde 
weiß. Sein Buch ſtieß er von ſich und hob krampf⸗ 
haft die ſchwachen Hände. Clemens drückte ihn an 
ſich. Der Hauptmann brach in ſeinen Armen zu⸗ 
ſammen; aber ſich hochquälend an der Grabenwand 
ſchaute er wie ein verblutender Adler noch einmal 
über die feuernde Kompagnie; dann fiel er zurück 
auf des Lehrers Arm und lächelte neuem Oaſein 
entgegen. — Sein Bewußtſein ſchwand mit dem 


Herzichlag. 


* 


(Siemens ließ Werners Leib zur Grabenſohle 
fallen und übernahm das Kommando. 
„Schlagt mich tot! Schlagt mich tot!“ brüllte etwas, 
das keiner Menſchenſtimme mehr glich. Der Lehrer 
hörte es nicht, und als der Trommler gelaufen kam: 
„dem Vikar ſind beide Augen zerſchoſſen,“ befahl 
er ihm, auf ſeinen Poſten zu gehen. Er aber kroch 
allein auf die Erde vor. — Leuchtkugeln verlöſchten 
im Ounkel der Schlucht. Hinter ſich ließ er das 
Wimmern. Daß es Klage und Schmerz war, wußte 
er wohl, aber ſein Kinn blieb linienhart. Seine 
Fauſt Wille. 
* 


189 


E⸗ klopfte. Der Kommandierende rief: „Herein!“ 
„Der Chef des Feldheeres.“ Gleich darauf 
traten Generale und Generalſtabsoffiziere ein. Der 
Kommandierende ſtand auf. Sie begrüßten ſich. 
„Wie weit?“ fragte der Chef. „Am gleichen Fleck, 
Exzellenz,“ antwortete der Kommandierende. Der 
Chef kaute am Schnurrbart: „Wieſo?“ „Die Leute 
können nicht mehr,“ er nahm eine Mappe vom 
Tiſch, „hier die Verluſtmeldungen.“ Der Chef über- 
flog ſie und warf ſie, „iſt doch ſelbſtverſtändlich, daß 
wir Verluſte haben,“ — ins Zimmer; „erwarte bei 
Arras den Engländer. Kann doch nicht alles 
Material hier verbuttern! Wir müſſens ſchaffen 
mit dieſen Korps. Abgang 400 000? Soviel hatte 
ich gerechnet.“ Der Kommandierende entgegnete, 
„noch ſechs Korps Exzellenz, und Verdun iſt ge- 
nommen.“ Der Chef zündete ſich eine Zigarette 
an, „Sie ſind alt geworden, General.“ „Ich halte 
mich an den erſten Grundſatz der Reglements und 
die Prinzipien des großen Rex, der ſagt: ein Angriff 
mit unzureichenden Mitteln iſt ein...“ „Denken 
Sie darüber bitte zu Hauſe nach,“ und der Chef 
wandte ſich an einen Generalſtabsoffizier ſeiner 
Umgebung: „Bleiben Sie hier, bis die Karre wieder 
aus dem Oreck iſt.“ Der Kommandierende ſuchte 
die Stuhllehne und ſah die Offiziere an: „Meine 


190 


Herren, wenn Sie nicht felber die Feſtung ſtürmen 
wollen, wirds nicht viel“... aber der Chef des 
Feldheeres grüßte kurz und verließ mit ſeiner Am- 
gebung das Zimmer. — Vor dem Kommandieren- 
den lag der Angriffsbefehl für den kommenden Tag. 
„Wieder 600 Leben! — Herein?“ Er ging zur 
Türe, „iſt jemand da?“ Aber nur die Telephon- 
apparate unten in den Generalſtabszimmern ſumm- 
ten. Da zerknüllte er plötzlich den Befehl und lief, 
urmächtig angezogen vom Donner aller Schluchten, 
. „der Kanonendonner!“ aus feinem Quartier 
über den Schnee, über die weiße Ode zitternd 
in die Nacht den Bergen zu. — 


* 


ips ſaß verſcheckt an der Feldküche im Foffes- 

wald. Seine Lippen bewegten ſich kaum, als 
er ſchneller unter dem Heulen der Einſchläge 
flüſterte: „Der Panſen! der Panſen will mir nicht 
aus dem Sinn! Nähr' ich ihn nicht? Ich mäſte 
ihn ja! Welch Gewerbe ergriff ich, daß ich nun 
hinter den Helden hergehe mit Suppe, mit Pfeffer!“ 
Er weinte, daß ihm der Wollſchal naß an die Backen 
ſchlug. Da eilte auf dem Bahndamm die Foſſes- 
ſchlucht heran fein General: „Geht's hier zur Höllen- 
ſchlucht?“ Als der Koch mit den Schultern zuckte, 


191 


u 


eilte er weiter, bis eine Bahre entgegenkam. „Wer 
iſt's?“ „Unfer Hauptmann!“ Mit zitternder Hand 
nahm er den Mantel fort: „Werner!“ Das ſpitze 
Geſicht ſeines Offiziers ſchaute ihn an. „Wohin 
mit ihm?“ — „Nach Beaumont.“ „Werner!“ — 
Dann verſchwand er geſichtzuckend im Unterholz. — 
Junge friſche Geſtalten mit neuem Lederzeug und 
Blumen am Helm kamen winkend heran. Als ſie 
aber den Toten ſahen, ſchlichen ſie ſcheu und gebückt 
hinter dem General in die Stellung. Feuerüberfall 
überraſchte fie. Zwiſchen Erſatz und Bahre ſchlug 
ein Volltreffer. Als wieder Sicht herrſchte, lag 
Fips vom Luftdruck zur Seite geſchleudert. Zu 
atmen wagte er nicht. Aus der Feldküche, die einen 
Granatſplitter abbekommen, floß Suppe zur Erde. 
Der Koch verbarg ſeine Augen: Der Hauptmann 
zerfetzt bis auf den Kopf. Der Kopf aber ſchaute, 
vom Regen weiß gewaſchen, aus zerſplittertem Leib. 
Andere Leute waren gleichfalls ſo zerriſſen, daß 
ein Soldat, der hinzulief — „die kriegen wir nicht 
mehr für ein Grab zuſammen, das iſt ja das reinſte 
Moſaikgemälde“, — weiterkroch. Fips beugte ſich 
über Werners Stirn. Von den Blumen legte er 
hin und wiſchte Blut mit dem Armel ab, das aus 
den Kelchen floß. Plötzlich packte er, von fürchter- 
lichem Erbarmen getrieben, den Kopf und riß ihn 


192 


von der Zertrümmerung des Leibes. Da hub 


Gewitterftuem an! Weißer Blitz ſchlug im Auf- 


flammen den Kopf aus den Händen des Kochs, der 
beſinnungslos niederflog. — „Licht! Licht!“ ſchrie 
eine Stimme heran: „Hier ſtinkt und fault es nach 
Leichen, o mir hat ein Feuer die Augen verbrannt, 
daß ich nichts ſehe vor Feuer!“ Der Vikar taumelte 
mit verbluteten Augen taſtend durch Stämme an 
und irrte weiter durch Bäume. Gewitterglanz 
brauſte über die ſtahlkalte Feldküche. Aufgeſcheuchte 
Wildſchweine brachen ſchluchtheran. In Menichen- 
reiten und ausgeſickerter Suppe wühlend, ver- 
mengten ſie alles mit ihrem Schnüffeln. Als neue 
Blitze durch das Waldgeäſt hieben, galoppierten ſie 
grunzend davon. | 


* 


De General kam hart vorwärts. Er ſtarrte in 
das Entſetzen. Als er der jammervollſten Ver- 
nichtung nahte, lehnte er lahm an einen Baum 
und ſchmierte Erde auf das Rot ſeiner Aufſchläge, 
das närriſch über dem Ernſt dunkler Blutflecken im 
Boden protzte. Plötzlich ging ein Zittern durch 
ſeinen Leib; er fiel um wie ein hohler Stamm. — 
Unmittelbar vor die Füße des Kochs, der gehetzt 
wie ein Wild von der Feldküche fortgeraſt war. Als 


193 


ur 


Fips den goldenen Kragen unter ſich glänzen ſah, 
blieb er wie angewurzelt ſtehen. Dann beugte er 
ſich über den General, lachte ſchrill auf und kitzelte 
ihn, „ja, ja, Athen iſt ein angenehmer Aufenthalt,“ 
unterm Kinn; „Verdun iſt keine Taube, wenn Du 
auch Deinen Schlund wie ein Wolf aufgeſperrt 
hältſt“; wieder lachte er und huſtete und lachte, bis 
ihn ein mit Verwundeten zurüdtriechender Kranken- 
träger packte, und „auch reif fürs Lazarett,“ mit- 
ſchleppte. — 6 


* 


agelſchnee peitſchte über das Anmarſchgelände. 

Neue Regimenter rückten vor, abgelöſte 
kamen aus der Schlacht. Erdgelb waren ſie alle. 
Wie Schiffe, die aneinander vorbeiziehen, in den 
Hafen die einen, die anderen in den Sturm, ſo 
grüßten fie ſich. „Bengelchen,“ und der Tambour 
ſchüttete ſich Waſſer aus den Stiefeln, „freuſt Du 
Dich?“ Heinz ſtützte ihn. „Worauf?“ „Die Heimat! 
Weiß der Kuckuck, unſer Hauptmann,“ dann liefen 
fie hinter einem Leiterwagen her. „Meinſt Syı, 
daß die zu Hauſe davon was wiſſen?“ „Was wiſſen 
die!“ und er ſchaute dem Tambour ins Auge: 
„Denken ſelbſt wir nicht an Freude und Ruh, wo 
wir die Berge noch ſehen, noch das Gebrüll hören 


194 


aus der Höllenihlucht..., was verlangſt Du von 
denen daheim?“ — „Bengelchen, weiß der Kuckuck, 
mir wäre gedienter, brächte ich meine Trommel 
mit. Dann ging ich leichter zur Bahn, wenn ich 
was bei mir trüge. Ein Spielzeug, jo ein Verdun 
für die Kinder, verſtehſt Du!“ — „Ja, es iſt nicht 
gut, mit leeren Händen zu kommen!“ „Man wird 
ausgefragt werden, Kerlchen, ſoviel!“ Heinz ſtöhnte: 
„Das wäre nicht gut, wenn man viel ausgefragt 
würde! Ich verſtehe den Clemens wohl, daß er 
nicht Urlaub wollte wie wir! — Sage mir, was das 
iſt, was wir alle erkämpft und gewonnen? Sit 
mir's doch, als müßte die Heimat dadurch ganz 
anders ſein!“ Es ſchwieg der Tambour. „Und 
wenn mich die Mutter fragt, glaubſt Du, daß ſie 
es ahnt?“ „Ich begreife den Clemens wohl, Bengel- 
chen,“ und Preis faßte auf des Freiwilligen Bruſt, 
„das zittert wie Deine Meiſe im Feuer?“ Vieler 
Köpfe hoben ſich plötzlich. Ein Ruf ſchrie aus der 
Menſchenbewegung: „Kennſt Du die Stimme?“ 
Sie horchten. Über den Truppen reckte ſich Cäfar 
Schmidt. — „Vor dem Schickſal ſtand ich!“ „Der 
Schmidt?“ Und gewaltig war's, als er anhub: 
„Nirgends, Allmächtiger, vernehme ich den Namen 
Vaux! Ich glaubte, er wäre auf aller Lippen. Wo 
ſeid Ihr hin, die Ihr die Terraſſen erſtürmt von 


195 


Granatloch zu Granatloch durch den Himmel, der 
ſo gelb war! Wahrlich! Klein war der Raum, doch 
nie zerwühlten Granaten mehr Erde als den Boden 
um Vaux!“ Sein Heulen heulte: „Hätte ich Füße! 
Von Tür zu Tür wollt' ich laufen und Euch die 


Komödie von Vaux vorſpielen!“ „Bengel?“ und 


der Tambour ſaß neben ihm: „Treff ich Dich wieder?“ 
And als ihm Preis auf den Mantel ſah, nickte der 
Schauſpieler: „Ja, mein Schickſal heißt: auf 
Stelzen gehen! Meine Benekens ſind ſo gut wie 
fort, das heißt, ſie ſind abgefroren!“ — „Weiß der 
Kuckuck,“ und der Tambour ſtreichelte über die 
Stiefel hin: „So wirſt Du eben nur Könige ſpielen, 
die auf dem Throne ſitzen!“ „Nein, ich will auf 
keine Bühne mehr, ich könnte den Humor nicht auf- 
bringen, ein paar Parkettreihen zu erheitern. Leier- 
kaſten, Streichhölzer! Nichts anderes! Ach, als 
ich zwanzig Schritte vor Vaux im Granattrichter 


ſaß und mir ein Fungchen nach dem anderen tot 


auf die Stiefel ſank, da ſollten wohl meine Zehen 
erfrieren,“ dann reckte er ſeine Arme über alle Ver- 
wundeten, die mit ihm fuhren: „Lied von Vaux, 
ich will Dich auf eine Walze ſtecken! Dich fingen 
und ſingen!“ er lachte auf, „das Schickſalslied von 
Vaux! Ja, Ihr kleinen Ruſſenpferdchen lauft nur, 
lauft nur, was man uns dann in dieſe dreckige Mütze 


196 


wirft, das ſammle ich Euch Kameraden! Sägt man 
mir auch die Beine ab! Diefes Lied ſoll tauſend 
Füße bekommen.“ 

„Reden Sie nicht ſo ungereimtes Zeug,“ 
donnerte ihn ein Arzt vom Lazarett an. „Oarf ich 
mein Schickſal nicht verkünden? Mann! Wer ſind 
Sie! Ich kannte die Zukunft! Keine Europäer! 
Ja, lachen Sie nur, haben Sie auch geſunde Beine, 
das Lied von Baux ſoll Ihnen Krämpfe bringen!“ 
Der Arzt ließ ihn vom Wagen heben. Ein Kranken- 
träger fragte: „Woher?“ „Beide Beine find ab- 
gefroren und fie bedeuten nicht viel mehr, als gar- 
nichts, denn fie ſollen abgeſchnitten werden. Wetz 
Dein Meſſer! Geſelle! Wetze es gut! Zetzt werden 
Beine geſchnitten! Heiſſa! Bald ſoll alles über- 
einanderpurzeln...“ Er wurde in eine Kirche 
getragen. 


* 


m Pfeilerſchatten einer als Lazarett herge- 

richteten Kirche hockten Gefangene. Einer von 
ihnen hatte ſein Hemd ausgezogen und kratzte ſich: 
„Wie entſteht eine Laus?“ Als niemand antwortete, 
knirſchte er: „Ich las, aus Schweiß. Wenn dem 
jo iſt, jo wird die. Welt nie vom Ungeziefer befreit 
werden.“ Da kratzten ſich alle, bis der Gefangene 


197 


lachte: „Ja, es iſt zu viel Schweiß in der Welt!“ 
— Vom Stroh hoch richtete ſich Fips und ſtöhnte. 
Preis, der ihm einen Sauerſtoffapparat zugänglich 
machte, fluchte: „Weiß der Kuckuck, könnte ich Dir 
doch einen Stiefel voll Griechenluft unter die Naſe 
halten, Du Königskoch.“ „Mein blaues Glas! Mich 
blendet die Luft!“ — Der Trommler gab es ihm. 
Es wurde ſtill. Plötzlich ſtarrten alle zur Kanzel 
hoch. Dort ſtand der Kellner. Eine Dornenkrone 
hielt er über den Kirchenraum: „Seht her, Ihr 
Vernünftigen! Ich ſchnitt dem Heiland den 
Stacheldraht ab! Was? Wer murrt da? Durft 
ich's nicht tun? Seht: dieſes Stachelnetz ſchnitt ich 
von ſeiner Stirn. Ihr Vernünftigen, warum duldet 
Ihr ihn fo lang?“ Dann ſank er in ſich ſelbſt zu- 
ſammen. Allein ſichtbar über verfeindeten Scheiteln 
blieb der Dornenkrone ſtacheliges Bild. Wider ſie 
auf hob ſich langſam der Koch, den Trommler zur 
Seite ſchiebend: „Mein blaues Glas!“ und bekam 
einen Huſtenanfall. „Weiß der Kuckuck, welche 
infame Einrichtung, keine Luft zu bekommen!“ 
Mit verzweifelter Kraft ſchlug ſich Fips den Sauer- 
ſtoffapparat an die Zähne: „Arme Zeitgenoſſen, 
meine Phantaſie iſt nicht gut!“ Um das Bett wurde 
eine Wand geſtellt und dem Trommler die Tür 
gewieſen. „Weiß der Kuckuck, die Beſten trifft's, 


198 


die Beſten gehen drauf, die Beten liegen unter dem 
Raſen!“ — Aber unter den keuchenden Menjchen- 
brüſten blieb der Gefangene grinſend: „Es iſt zuviel 
Schweiß in der Welt!“ und kratzte ſich und kratzte, 
bis alle ihre Nägel ins Fleiſch juckten, als wäre die 
Kirche ein Affenhaus. 


* 


Henn ſah ſeinen Fahrſchein nach, ſteckte ihn fort 


und erwartete den Trommler. „Weiß der 
Kuckuck, Bengelchen, was ſchaffſt Du am. Kreuz?“ 
fragte Preis, als er Heinz einen Hoſenträger von 
einem Kruzifix abknüpfen ſah. „Schau, überall 
hängt der Gekreuzigte, und ich denke doch, er iſt 
auferſtanden?“ — „Weiß der Kuckuck, Bengelchen, 
wollen wir ihm ein ſolides Soldatengrab machen?“ 
und kletterte — „fange ihn auf, Kerlchen“ — hoch. 
Der Freiwillige nahm den Heiland in ſeine Arme. 
Scheu und behutſam legte er ihn in ſchmelzenden 
Schnee. Blumen hoben ſich duftend. Der Trommler 
ſtach eine Grube aus: „Nun, mal ran damit!“ und 
den Holzleib packend — „wozu ſollen die Krähen 
drauf“ — ſchob er Erde darüber. „Preis, glaubft 
Du, daß er nochmals zur Hölle nieder muß?“ „Ach,“ 
und der Tambour wehrte ab, „wenn ich was zu 
ſagen hätte, käme er gleich in den Himmel!“ Beide 


199 


* 


ſchauten zur Schlacht, nach Verdun zurück. „Bengel- 

chen!“ „Preis?“ „Bengelchen, ich hab da noch fo 
einen Gegenſtand,“ er nahm aus dem Bruſtbeutel 
das Eiſerne Kreuz von Beaumont: „Allerhand 
Silber iſt ſchon dran. Und was man hat, das hat 
man, Bengelchen!“ Er legte es auf den Boden: 
„Eine ſeltene Farbe! Weiß der Kuckuck, Heinz, ich 
hätte es für mein Leben gerne mit nach Hauſe 
genommen. Aber hin iſt hin. Und ein geſundes 
Kreuz iſt auch nicht zu verachten,“ damit ſcharrte 
er es zu dem Kruzifix. Während Dämmerung 
linienſcharfe Kanten der Cöte in ſchwarzer Fläche 
gegen den Abend warf, winkte Preis: „Nun mal 
ran, Bengelchen, ſchippe Sand drüber, weiß der 
Teufel, ewig wird das Ding ja auch nicht leben, 
alſo Sand drüber. So —, nun iſt es weg!“ — 
Heinz ſchaute den Trommler ernſt an. Beide faßten 
ſich krampfhaft an die Schultern. — Durch ihre 
Mäntel wehte Märzwind wie Frühlingsſchauer. — 


* * 


Morsens kamen fie in Frankfurt an. Be- 
ſcheiden drängten fie ſich unter den Bahn- 
hofshallen durch Menſchenmaſſen. Heinz ging zu 
ſeiner Mutter, der Trommler beſtieg eine Elektriſche. 
Ein Herr, der ſich gerade eine Zigarre anzündete, 


200 5 = 


fragte: „Nun, junger Mann, woher? Gehen Sie 
nicht mal raus?“ — „Ich komme daher!“ Miß 
trauiſch blieb der Herr auf der ordensleeren Bruſt 
des Trommlers haften. Preis bemerkte es. „Wo 
haben Sie denn Ihre Schützengrabenkolonie? Muß 
idylliſch ſein, wenn's jetzt Frühling gibt. Kenne 
das, war auch mal draußen. Famos ſauber haltet 
ihr Eure Häuschen. Wollen Sie eine Zigarre?“ 
Als er bemerkte, daß der Trommler blaß wurde, 
ſteckte er ſie wieder fort. „Wollen Sie uns nicht 
verraten, woher Sie kommen?“ fragte ein anderer 
über die Zeitung weg. „Von Verdun!“ Beide 
lachten: „Na, warum rücken Sie da denn nicht vor?“ 
„Weit der Kuckuck, meine Herren, da ſind allerhand 
Maſchinengewehre!“ — „So? Na, gehen die nicht 
fortzuſchießen? Muß doch ſchrecklich langweilig 
ſein!“ — Preis wurde es grün vor den Augen. 
* 


lemens lebte im Geiſt. Hunger und Ourſt 
beherrſchte er. Wirklichkeit ſah er nicht mehr. 

Was noch vorbeizog an Namen und Menſchen, 
warf er aus ihrer Bedeutung. Wieder tauchte ein 
Antlitz auf; er wollte es aus ſeinen Gedanken tun. 
Da erkannte er aber den Tambour. Er raſte durch 
den Sing-Sang der Städte, durch erleuchtete Kinos, 


201 


ſchwatzende Maſſen, Theater und Tingeltangel. 
Millionen im Ringeltanz und mittenin atemlos, 
faſſungslos ſein Trommler! Und was er erzählte 
von der Hölle Verduns, ward überlacht, ward über- 
ſchrien! Vom Kriege nichts, nur nichts vom Kriege! 
Wider ihre Sohlen aber rumorte Erde ſchon aus 
ſchrecklicher Tiefe. Sie aber tanzten darüber hin. 
Puppengleich, buhlend im Sonnenlicht, aber beim 
Sternengang tot und verweſt. Klang eine Geige 
irgendwoher verſtimmt zu einem Walzer vergan- 
gener Zeit, dann kreiſchten ſie auf! Daß aber der 
Boden dampfte und ſich der Sand ihres Tändelns 
ſchon ballte und hob, als tanzten ſie um den Krater 
der Zukunft, das ahnten ſie nicht! Verlaſſen ſah 
er den Tambour wie einen Verirrten! Ihm oder 
der Schlacht ſtreckte er Arme hin! Dann krallte 
er Nägel in Pflaſterſteine und ſchlug ſeinen Kopf 
auf Straßenhart, als trommle er ſeiner Seele den 
Trauermarſch. — Schwarze Wolken zogen an, 
Frauen im Krepp, aus Türen gehend, als der Frei- 
willige in das Zimmer der Mutter trat. Ihr Geſicht 
war durchfurcht von Gräben und Falten. Dem 
Buben zog ſie die Mütze vom Wirbel und küßte ihn. 
„Da bin ich Mutter! Haft Du Dich geſorgt?“ „Nein, 
Junge!“ — Oa ſchnallte der Freiwillige fein Seiten; 
gewehr von der Hüfte und die Mutter nahm es mit 


202 


* 


zitternder Hand. Aus der Scheide zog ſie es langſam. 
Rot wurde der unendliche Raum: „Haft Du einen 
Menſchen getötet?“ Dann fielen ihre Augen heraus 
und Heinz ſchrie auf vor dem, was ihm aus yon 
Höhlen entgegenſchluchzte. 


tmoſphäre begann hinter Windſtößen zu 
leuchten. Aus erregterem Traum löſte ſich 
Krieg von der Erde ab, daß fie ſich aufhob, atem- 
befreit, und das Lachen der Kinder über alle Ver- 
nichtung ſtieg. Waren es Augen, waren es Tränen! 
Glanz überall! Ihm entgegen jauchzte der Erdball 
wie eine Lerche am Morgen und zerfloß und verlor 
ſich in der Wonne des Lichts. Clemens ſtreckte ihm 
ſeine Arme nach. Aber an ſeinen Beinen zerrten 
noch tauſend Greuel ſchrecktoller Tiefen. Da griff 
er entſchloſſen in die Umklammerung und zerriß 
ſeinen Traum. Aug in Aug mit der Sonne erwachte 
er auf der Bruſtwehr. „Tag,“ jubelte er auf. 
„Geduld, wir kommen! Heimat! Wir brechen nicht 
Gräben allein! Wir blaſen neuen Odem! Baut 
feſte Giebel, wenn Ihr bei Luft bleiben wollt!“ — 
Kox, der Pionier, trat an den Lehrer heran: 
„Endlich iſt mir eine Oynamitladung bewilligt, daß 


203 


0 


* 


ſich vorſehen ſoll alles, was nicht aus Granit ge- 
ſchaffen!“ Clemens ſah ihn über fein Gewehrſchloß 
an: „Wir wollen Feuer in die Erde ſchleudern!“ 

Auf ſeiner entſchloſſenen Stirn glänzte voller 
Morgen, als er die Kompagnie aus dem Graben 
riß, vor — — über drei Meter. 


Sm Felde, vor Verdun Frühjahr 1916 


Geſetzt im Sommer 1916, gedruckt im 
Frühjahr 1919 in der Buchdruckerei 
von Julius Sittenfeld, Berlin WS 


Von 
Fritz von Unruh 
erſchienen im gleichen Verlage: 


Louis Ferdinand 
Prinz von Preußen 


Ein Drama 
4. Auflage 
Mit dem Kletftpreife gekrönt! 


„Da ſteht in den fünf Akten ein Preußenlied, das nicht 
nur den klirrenden Rhythmus eines Soldatengeſanges 
hat, ſondern auch das dumpfe Flammenbrauſen der 
großen preußiſchen Männer. Keiner ſeit Fontane hat ſolch 
altpreußiſche Militärs geſchildert, keiner die Schwäche 
Friedrich Wilhelms III. ſo vermenſchlicht und daher dem 
Spott entzogen, keiner den Sieg des zum Herrſchen Ge⸗ 
borenen über ſich ſelbſt ſo einfach, ſo zart, ſo weihevoll 
verwirklicht: Louis Ferdinand verirrt auf dem Ritt, 
plötzlich, draußen auf der Straße, durch den Nebel dröhnt 
Marſchtritt, Bärenmützen tauchen auf, Bajonett an Baſo⸗ 
nett, Kavallerie, wie Affen auf die Säule geklemmt: 
Napoleons Armee. In Louis Ferdinand fiebert der 
Feldherr: Karten her! Dort die Höhen mit preußifcher 
Artillerie beſetzt und Napoleon iſt beſiegt. Aber nicht 


für den König, der jegt im Tanzſaal in Rudolftadt vor 
dem Krieg zittert, nein, für den neuen, den volksgekürten, 
den wahren ... Hier, fünf Stunden vor Saalfeld, bricht 
ſchon Louis Ferdinands Herz. Er hat den König von 
Gottes Gnaden in Gedanken entthront, das tft die Sünde 
wider den heiligen Geiſt feines Weſens, für die es keine 
Vergebung, nur Sühne gibt. Fritz von Unruh hat ſeinem 
Vaterland eine ſtarke, heiß durchlebte Dichtung geſchenkt. 
Er hat feinem Volk ein Werk feiner beften Art gegeben.“ 
(Frankf. Ztg.) 
„Einem inbrünſtig empfundenen nationalen Gedanken 
iſt ein wahrhaft künſtleriſcher Ausdruck gegeben. In Be⸗ 
geiſterung erfühlt und mit Begeiſterung wiedergegeben!” 
(Berl. Tagebl.) 


5 ; 


Dffiziere 
Ein Drama in fünf Akten 
3, Auflage 


„Was Unruh in dem Drama gibt, iſt eigentlich nur das 
Schickſal von einem Dutzend Regimentskameraden, die 
aus der Enge des Garniſonlebens der Drang, der in 
Schillers Reiterlied lebt, ins Feld treibt. Sie werden 
„Afrikaner“, erleiden Durſt und Qual, ſtürmen und 


fiegen, die einen ſterben, die andern leben auf zu neuem 
Daſein, alle aber wiſſen uns zu überzeugen, daß dies im 
ftählernen Ring der Difziplin zuſammengehaltene Ges 
füge Raum genug bietet für jede menſchliche Leidenſchaft, 
Schwache und Kühnheit. Keine Schablone ftört bei der 
Zeichnung dieſer Krieger, fie find Menſchen aus dem 
Leben: heroiſche, liederliche, lächerliche, luſtige und lei⸗ 
dende, ſie haben ſogar den Mut, ſich vor dem Tode zu 
fürchten. — Einen jungen Dichter zu grüßen — : was 
könnte dem Kritiker eine feſtlichere Freude fein!” 
(Tägl. Nundſchau.) 


„Wer ſo vortrefflich Gruppen in Bewegung zu ſetzen ver⸗ 
ſteht, Gruppen voller Maſſenenergie und charakteriſtiſcher 
Kraft des einzelnen, der hat das Zeug zum Dramatiker. 
Und wem ein ſtarkes Problem unſerer Zeit, der innere 
Widerſinn, die verzehrende Qual des Friedensſoldaten 
ſo deutlich vorſchwebt wie unſerem Autor, wer es ſo ent⸗ 
ſchloſſen anpackt wie er, der wird auch der Dichtkunſt 
etwas bedeuten.” (Deutſche Tages-3tg.) 


„Endlich einmal wieder ein Aufatmen! Und eine Freuden⸗ 
botſchaft vom Theater. Einen neuen jungen Dichter 
gab uns der Abend, der wieder aus dem Lebendigen 
ſchöpft, aus dem urſprüngliche und echte Natur mit Poeten⸗ 
zungen zu uns redet.“ f (Der Tag.) 


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MAY 4 1934 


——SENTONIEE 
___NOV O4 1998 


LD 21-100m-7,'33 


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YB S050 


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